100 Jahre Novemberrevolution
: Alice Welter, die Himmelsstürmerin 1/2

Vor 100 Jahren nahm Luxemburgs Avantgarde regen Anteil an der Novemberrevolution in Deutschland. Eine der Beteiligten war Alice Welter, die in München verstarb, als das revolutionäre Lauffeuer Luxemburg gerade erreichte. Ihr Leben und Wirken werden wir in zwei Artikeln unter die Lupe nehmen.

Empor, betrogene Menschheit, aus dem schmutzigen Pfuhl! Der Freiheitswille drängt hervor aus Knechtsgewimmel. Schon unterm blutigen Baldachine schwankt der Stuhl der Weltbeherrscher. – Höllengeister, scheut den Himmel! Den Himmel! Seine ersten Blitze funkeln schon, und Himmelsahnen reißt die Welt in Abenteuer. Freiheit aus Höllenqual! – Empor, Revolution!! Wer auf zum Himmel will, fürcht nicht das Fegefeuer! (Erich Mühsam14, 1 November 1918) (Photo Wierschem, Coll. Roger Welter)

„Während ihre Altersgenossinnen in Kaffeekränzchen und Tanzbelustigungen den bequemen Weg der Bürgerlichkeit wandelten“, strebte Alice Welter „rastlos danach (…), ihre Ideale von Menschlichkeit und Gerechtigkeit in die Wirklichkeit umzusetzen“1 hieß es in einem am 22. November 1918 erschienenen Nachruf. Fünf Tage zuvor war die 19–jährige Tochter des Mitbegründers der Luxemburger Sozialdemokratie, Dr. Michel Welter, in München während der Novemberrevolution an der spanischen Grippe verstorben. Dies waren keine leeren Worte, hatte diese „Sozialistin aus Tradition und Herzensbedürfnis“ doch aktiv an der Entstehung des Freistaates Bayern an der Seiten des revolutionären Münchener Arbeiter–und Soldatenrates und des ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) mitgewirkt.

Frühe Einflüsse

Alice Welter erblickte am 27. März 1899 als letztes von vier Kindern von Anne Heck und Dr. Michel Welter in Esch–Alzette das Licht der Welt.2 Nach dem Umzug der Eltern nach Hollerich, besuchte sie als eine der ersten Gymnasiastinnen Luxemburgs das hauptstädtische Lycée de jeunes filles, wo sie lateinische Philologie belegte. In republikanisch–laizistischer Tradition erzogen, hatte sie es vorgezogen vom katholischen Religionsunterricht freigestellt zu werden.

Ihre politische Gesinnung formte sich nachdem Dr. Welter sie während vieler Spaziergänge in der Gegend um die Stadt Luxemburg – etwa im Grünewald und zum Goldknëppchen – mit dem sozialistischen Gedankengut bekannt gemacht hatte. So kommen Vater und Tochter am 21. September 1914 auf ihrem Weg zum Siechenhaff just zu jenem Zeitpunkt mit der Straßenbahn an der deutschen Gesandtschaft am Eecherbierg vorbei als dort Kaiser Wilhelm II. Quartier bezogen hatte.

Die Verrohung der gesellschaftlichen Verhältnisse die in Folge der deutschen Besatzung einsetzte und Alice Welter zur entschiedenen Gegnerin des Militarismus der „Raubritter vom Eisernen Kreuz“3 werden ließ, zeigt sich beispielhaft an folgendem Vorfall: „27. August 1914: Am Bahnhof Luxemburg hat sich dieser Tage eine scheußliche Szene abgespielt, welche große Empörung bei der luxemburgischen Bevölkerung hervorrief und über die inländische Zeitungen wegen der Zensur natürlich nicht berichten durften. Hier der Hergang: Als ein französischer Kriegsgefangener auf dem Bahnhof seinen Durst mit einem Glas Wasser, welches man ihm reichte, stillen wollte, spuckte ihm ein deutscher Soldat in den Becher. Der Franzose quittierte diese hundsgemeine Tat mit einer Ohrfeige, worauf der Deutsche den wehrlosen Gefangenen mit dem Seitengewehr niederstach.“4

Von der Pfadfinderin zur Revolutionärin

Während eines Ausfluges nach Hesperingen durch das Tal der Alzette hörten sie, wie Dr. Michel Welter am 9. Oktober 1914 in sein Tagebuch5 notiert, zum ersten Mal, den Jahre währenden, Geschützlärm aus Verdun. Einige Tage zuvor, am 23. August, hatte die Familie Welter bereits hautnah die Schrecken des Krieges erlebt: Um ein Uhr nachts erschütterte die starke Detonation einer französischen Fliegerbombe nahe der Bonneweger Rotunde ihr Haus und ließ Alice und ihre Mutter aus dem Schlaf hochschrecken und einen Hauseinsturz befürchten.

Zu einer der Pionierinnen der Luxemburger Pfadfinderbewegung wurde sie indem sie den 1916 gegründeten „Guides de Luxembourg“ beitrat. Hier lernte sie auch Marguerite Mongenast–Servais kennen, die von 1918 bis 1921 Sekretärin der Luxemburger Sozialisten war und die Novemberrevolution unterstützte. Einer der reichsten Industriellen- und Politikerdynastien Luxemburgs entstammend, wurde ihr Vater, der links–liberale Politiker Émile Servais, am 9. Januar 1919 Kurzzeit–Präsident der – am folgenden Tag durch eine Intervention französischer Truppen abgewürgten – Republik Luxemburg.

1917 fungierte Alice Welter als Vizepräsidentin des Cercle littéraire et scientifique (CLS), der Schülerorganisation der Studierenden–Vertretung Assoss. Am 8. November 1917 hielt der CLS eine Konferenz mit dem Athenäum–Abiturienten Justin Zender über die russische Oktoberrevolution ab. „Besonders von den Ereignissen in Russland aufgewühlt, die sie leidenschaftlich verfolgten, war ihr Geist der Revolution, im ganz allgemeinen Sinne, eingestellt.“6, wie Welters Mitstreiter Gust van Werveke in der Assoss–Zeitung Voix des Jeunes bemerkte.

Hier veröffentlichten Gust van Werveke, Pol Michels, Pol Weber, Justin Zender und Alice Welter im Sommer 1917 das Manifest „Wir“ des Cénacle des Extrêmes. „Von neuer Marseillaise umtost, geschieht weltbewegender Aufbruch; viele knien ergriffen, wenn wir die Internationale beten. Und so erwarten wir Springlebendigen mit heißzuckendem Blute das Ende des Mordens, um endlich mitzuwirken an der großen, allesbefreienden Tat des Geistes: Liebe der Liebe, Hass des Hasses, Völkerfrühling, Morgenröte! Es lebe Europa!“7, hieß es dort. „Religionsstifter, die deutschen Klassiker, Tolstoi und die russischen Anarchisten Bakunin und Kropotkin, die utopischen Sozialisten und Karl Marx“8 wurden als Referenzen genannt.

Kosmopolitische neue Jugend

Beginnend mit einer Art messianischem und gesellschaftsreformistischem Aktivismus und dem Expressionismus, Futurismus und Dadaismus verpflichtet, wurde das Cénacle des Extrêmes zur Plattform fortschrittlichster Kunstrichtungen jener Zeit. Zu Beginn des Jahres 1918 wurde die wesentlich politischere Organisation Étudiant socialiste anational gegründet, in der auch Alice Welter aktiv wurde und welche sich an rätekommunistischen und anarchistischen Positionen orientierte.

„Wir sind ein Dutzend junger Menschen, die eine neue Zeit als tiefstes Erlebnis dämmern sehen.“13

Neben Franz Pfemferts Zeitschrift „Aktion“ wurde auch das in München von Ret Marut alias B. Traven herausgegebene Blatt „Der Ziegelbrenner“ zu Inspirationsquellen. „Politische Übereinstimmungen zwischen Marut und seinen Luxemburger Anhängern bestanden zu diesem Zeitpunkt im dezidiert vertretenen Pazifismus und im idealistisch–ethischen Sozialismus im Sinne Landauers, Eisners und Tollers (…)“9 Auch der Luxemburger Dichter und Arbed–Ingenieur Paul Palgen beeinflusste Luxemburgs junge Avantgarde, etwa durch ein Gedicht über das Martyrium des libertären Reform–Pädagogen Francesc Ferrer i Guàrdia. Die politische Linie fasst die Assoss–Kantate aus dem Jahr 1938 wie folgt zusammen: „Seng Politik wor liberal, Demokrat a radikal, zur Zeit vum Michels Kommunist, bal blô, vio‘lech, socialist.“10

Alice Welters Mitstreiter und persönlicher Freund Pol Michels beschrieb diese kosmopolitische neue Jugend wie folgt: „In der Zeit des roten Kollers flammt auf die Fronde der Jüngsten. (…) Doch klären wir die Begriffe: unter Politik verstehen wir (…) nicht Sitze in (längst als überflüssig erkannten) Parlamenten, nicht Gewaltstreiks zweier Sous wegen, nicht Gruppen mit Opferstock und Leithammel. Wir politisieren will sagen: der tätige Geist in uns ruft die Menschen auf zur inneren Läuterung, zur Destruktion der schlechtesten aller Weltordnungen, zur Zerstörung des kapitalistischen Schieberstaates, ruft auf zur Beseitigung der Grenzpfähle und Drahtverhaue, zur menschlichen Gemeinschaft, zur gegenseitigen Hilfe, zum Kommunismus.“11

Die revolutionäre Studentenschaft zeichnete sich durch undogmatische Ansätze, Autoritätskritik und einer kritischen Haltung zu den Verhältnissen in der UdSSR aus. So vermerkte Michels selbstkritisch: „Vor Jahren glaubten wir noch unbedingt an das heilige Russland, an die leninistische Weltkommune. (…) Lenin wohnt in einem Turm aus Elfenbein, umgeben von den lautlosen aufmerksamen Schatten der Sklaven. (…) Und so lösten qualvoll wir uns wieder von dem, was wir geliebt und geschändet und das im Grunde nur hässliche, demagogische Parteipolitik war.“12

1 Van Werveke Gust, Alice Welter. 
In: Die Schmiede, 22.1.1918.
2 Mersch Jules, Le docteur Michel Welter et son Journal. In: Biographie nationale du pays de Luxembourg : Fascicule 14, Luxemburg, 1966, S. 201.
3 Mannes Gast, Luxemburgische Avantgarde – Zum europäischen Kulturtransfert im Spannungsfeld von Literatur, Politik und Kunst zwischen 1916 und 1922, Esch/Alzette, 2007, S. 155–156.
4 Faber Ernest, Luxemburg im Kriege 1914–1918 , Zit. in: Koch–Kent Henri, Raconte, remémore. relève, rectifie, Luxembourg, 1993, S. 29.
5 Goetzinger Germaine, La grande guerre au Luxembourg. Le journal de Michel Welter, Mersch, 2015, S. 116.
6 Van Werveke Gust, Jahrgang 1896. 
Aus dem Roman Paul Robert. 
In: Junge Welt. Almanach auf das Jahr 1931. Luxemburg, 1930, S. 35.
7 Mannes G.op.cit. S. 41.
8 Mannes G.op.cit., S. 93.
9 Mannes G,op.cit., S. 112.
10 Jubiläums–Almanach Assoss/AGEL, 1962.
11 Michels Pol, Neue Jugend. 
In: La Voix des Jeunes 2, 1918, S. 28–29.
12 Mannes G., op.cit., S. 253.
13 Van Werveke Gust, Literarisches. 
In: Escher Tageblatt 28.01.1918.
14 Mühsam Erich, Dies Irae. 
In: Ausgewählte Werke (Bd.2), Verlag Volk und Welt. Berlin, 1978.

Konferenz zur Republik Luxemburg

10. November 1918: Verkündung der Republik in Luxemburg – Staatsstreichversuch oder gescheiterte Revolution?



Die Bildung der Arbeiter– und Bauernräte in Luxemburg und Esch und ihre Folgen, bis hin zur Intervention der französischen Armee, wurden bisher von der Geschichtsschreibung vernachlässigt. Der Historiker Henri Wehenkel wird in seinem Vortrag zeigen, welche Fragen die republikanische Bewegung von 1918–1919 aufwirft. Der 10. November 1918 war ein Tag der Abrechnung und der Hoffnung zugleich, Anfang einer Entwicklung, die bis in die Gegenwart reicht.


Am Mittwoch, dem 14. November 2018 um 19.30 Uhr in der Maison du Peuple in Esch.

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