YOUTH OF TODAY: Gesellschaft auf die Schulbank

Die UN rücken in einer Studie den Zusammenhang von Armut und Gewalt an Kindern in den Vordergrund. Doch auch die Funktionsfähigkeit staatlicher Strukturen und das Selbstverständnis einer Gesellschaft tragen zum Jugendschutz bei.

Etwa 3.500 Kinder sterben in den Industrieländern jährlich an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung. Allein in den USA sind es mehr als 1.400 Todesfälle. Dies ist nur die Spitze des Eisbergs: Nach Untersuchungen in Australien kommen auf ein getötetes Kind 150 weitere Fälle schwerer Gewalt gegen Kinder, in Frankreich sogar 300. Diese Horrorzahlen teilte die Unicef vergangene Woche in einer zum Weltkindertag veröffentlichten Studie mit.

Als Hauptursachen für die Gewalt an Kindern nennt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Armut, Stress, Alkohol- und Drogenmissbrauch – sowie ein Umfeld von Gewalt in der Gesellschaft. „Je schwieriger die wirtschaftliche Situation der Eltern, desto höher das Risiko, dass die Kinder misshandelt werden“, so der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Dietrich Garlichs. In den Industrieländern sind es rund 47 Millionen Kinder, die in Armut aufwachsen. Kinder kosten nicht nur Geld, sie gelten mittlerweile auch als Armutsrisiko. Vor allem der Nachwuchs von ImmigrantInnen leidet unter den Folgen einer nicht gelungenen Integration.

Folgt man der Ursachenforschung der UN, dann erscheint es logisch, dass es in Portugal, dem ärmsten Land innerhalb der Europäischen Union, auch prozentual die meisten Todesfälle unter Kindern gibt. Gegen die oben genannte Erklärung der ForscherInnen spricht jedoch, dass das ähnlich wirtschaftlich schwach entwickelte Griechenland nach Spanien am anderen Ende der Rangliste steht – ein Beleg dafür, dass die UN-Statistik mit Vorsicht zu genießen ist. Selbst in Luxemburg, dem Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen innerhalb der EU, gaben bei einer Umfrage zur Studie „Das Wohlbefinden der Jugendlichen in Luxemburg“ unlängst knapp ein Drittel der befragten SchülerInnen an, schon einmal das Opfer von Gewalt gewesen zu sein – und das ausgerechnet an der Schule.

„Den Kindern und Jugendlichen in Luxemburg geht es immer schlechter“, sagte unlängst Gilbert Pregno, der die Eltern-Schoul Janusz Korczack der Fondation Kannerschlass leitet. Dort werden in Seminaren, Konferenzen und Diskussionsrunden Lösungsmöglichkeiten für Konflikte zwischen Eltern und Kindern erörtert. Denn nicht zuletzt hat die oben genannte UN-Studie ergeben: 80 Prozent der GewalttäterInnen gegen Kinder sind die Eltern.

Doch nicht nur Eltern gehören auf die Schulbank: Solange von staatlicher Seite nicht ausreichend Strukturen für Jugendliche zur Verfügung gestellt werden, kann nicht von einem ausreichenden Jugendschutz gesprochen werden. In Luxemburg befasst sich eine parlamentarische Kommission seit drei Jahren mit diesem Thema, zugleich bereitet das Justizministerium einen Entwurf zur Novellierung des 1992er Jugendschutzgesetzes vor.

Man kann also nicht sagen, dass nichts getan wird. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen für Jugendliche, die unterschiedlichen Ministerien unterstehen. Die einzelnen Strukturen arbeiten jedoch mehr nebeneinander als miteinander. Eine Vernetzung fehlt. Damit hier zu Lande Jugendliche vor der Gewalt der Gleichaltrigen und der Erwachsenen ausreichend geschützt und jugendliche ImmigrantInnen besser integriert werden, müsste wohl – zumindest symbolisch – die gesamte Gesellschaft die Schulbank drücken: indem sie grundsätzlich ihr Verhältnis zu den Jugendlichen hinterfragt.


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