OLIVIER MARCHAL: Melvilles Erbe

Olivier Marchal betreibt Traditionspflege mit Mitteln des modernen Action-Kinos. Sein Polizeifilm „36, quai des Orfèvres“ erinnert an alte französische Klassiker.

Bei Regisseur Olivier Marchal findet Gérard Depardieu eine seiner besten Rollen seit langem.

Eine Gangsterbande hat einen Geldtransporter überfallen. Der gepanzerte Wagen wird dabei in die Luft gejagt. Das Ganze ist bis ins Detail geplant. Kurze Zeit später trifft die Polizei ein: Leo Vrinks (Daniel Auteuil) von der Fahndung und Denis Klein (Gérard Depardieu) von der Abteilung organisierte Kriminalität haben sich wenig zu sagen. Ihre Brigaden konkurrieren miteinander. Hinzu kommt, dass Vrinks seinem Rivalen einst die Frau ausgespannt hat.

Zwei Polizisten, einst befreundet, dann verfeindet – Olivier Marchals Film „36, quai des Orfèvres“ basiert auf einer klassischen Konstellation. Auf den ersten Blick erinnert er an Michael Manns „Heat“ (1995): die kalte Bildästhetik, das sorgfältig durchdachte Drehbuch, und manche Szenen – ein ähnlicher Überfall wie der eingangs geschilderte kommt auch bei Mann vor. Vor allem aber ist es das Aufeinandertreffen zweier großen Schauspieler: Auteuil und Depardieu liefern sich einen Schlagabtausch wie Al Pacino und Robert De Niro in „Heat“.

Um das Pariser Hauptquartier der französischen Polizei am Quai des Orfèvres ranken sich Legenden und Mythen, nicht zuletzt durch zahlreiche Filme. In den 50er und 60er Jahren drehten unter anderem Jules Dassin, Henri Decoin und vor allem Jean-Pierre Melville Klassiker des französischen Kriminalfilms wie „Rififi“, „Razzia sur le chnouf“ (beide 1955), „La deuxième souffle“ (1966) und „Le cercle rouge“ (1970). Dabei orientierten sie sich an amerikanischen Vorbildern, schufen aber dennoch ein eigenständiges Genre.

Die französischen Film-Gangster waren Profis, die ihren Job erledigten und nach getaner Arbeit ein bürgerliches Leben führten. Wie Samurais folgten sie strengen Verhaltensnormen. Schauspieler wie Jean Gabin und Lino Ventura prägten das Genre. Erst die Jüngeren brachten diese Ordnung durcheinander, indem sie gegen den Ehrenkodex verstießen – so zum Beispiel Jean-Paul Belmondo in Melvilles „Le doulos“ (1962). Ein Gangster alten Stils, einsam und tragisch, spielt dagegen Alain Delon in „Le Samourai“ (1967), ebenso von Melville. Zahlreiche dieser Filme handeln von einem Generationenkonflikt. In vielen ist kaum ein Unterschied zwischen Gangstern und Polizei zu erkennen. Vor allem in den 70ern wurden die Korruption und die Übergriffe der Polizei mehr und mehr zum Thema, nicht zuletzt aus einem politischen Blickwinkel betrachtet.

In den vergangenen 25 Jahren war es ruhig geworden um den französischen Polizeifilm; bis auf wenige Ausnahmen wie Bertrand Taverniers realistischer „L.627“ (1992) schien das Genre tot. Mit „36, quai des Orfèvres“, seinem zweiten Film nach „Gangsters“ (2002) betreibt der Ex-Polizist Olivier Marchal Traditionspflege mit den Mitteln des modernen Action-Kinos à la Luc Besson. Seine „Flics“ sind alles andere als edle Ritter. Nicht selten rechnen sie mit den Gangstern auf eigene Faust ab und kehren sich einen Dreck um den Rechtsstaat. So ähnelt die
Feier zu Ehren eines ihrer Vorgesetzten der eines Mafia-
Paten.

Léo Vrinks wirkt darin wie ein Fremdkörper. Ursprünglich hätte Depardieu den Part übernehmen sollen und Auteuil den von Denis Klein. Doch Marchal entschied sich für die richtige Variante: Auteuil scheint immer irgendwie geistig abwesend zu sein, in Gedanken versunken. Sein Gesichtsausdruck verleiht der Rolle Sensibilität und besondere Tragik. Der Polizeichef (André Dussolier) hat ihn zwar als seinen Nachfolger empfohlen, doch die tritt schließlich Klein an. Vrinks dagegen landet im Gefängnis. Zu tief steckt er im Sumpf aus Korruption und Gewalt. Erst gegen Ende des Films wird er freigelassen – und will sich an Klein rächen.

Auch Vrinks Widersacher gibt eine zwiespältige Figur ab. Klein ist ein Trinker. Eigentlich befindet er sich auf der Verliererstraße. Obwohl er die Festnahme von Gangstern vermasselt hat, wird er zum Polizeichef hochgelobt. Auf diesem Posten scheint er sich nicht wirklich wohl zu fühlen. Kein Wunder, schon bei der Amtsübernahme pinkelt ihm ein Anhänger Vrinks im wahrsten Sinne des Wortes ans Bein. Depardieu liefert in der Rolle des, wie Vrinks stets traurig blickenden Denis Klein seine beste Leistung seit langem.

Mit „36, quai des Orfèvres“ feiert ein Mythos sein Comeback. Wäre nicht der etwas penetrante Soundtrack, der über fast jeder Szene liegt und dadurch die dramatischen Effekte unnötig verstärkt: Man könnte meinen, Jean-Pierre Melville sei wiederauferstanden.


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