KINO: Mehr Engel als Engelmacherin

Mike Leigh ist mit „Vera Drake“ eine beeindruckende Schilderung des englischen Arbeitermilieus der 50er gelungen. Doch trotz starker Leistung Imelda Stauntons bleibt die Hauptfigur eindimensional.

Vera Drake ist ein guter Mensch. Sie lebt mit ihrem Ehemann Stan und ihren erwachsenen Kindern Sid und Ethel in einer kleinen Londoner Arbeiterwohnung. Das Leben der Drakes Anfang der 50er Jahre ist einfach und bescheiden, aber harmonisch. Vera arbeitet als Putzfrau, Stan als Automechaniker in der Werkstatt seines Bruders. Vera kümmert sich zusätzlich um den kranken Nachbarn und ihre alte Mutter. Und sie geht einer Nebenbeschäftigung nach, die sie vor ihrer Familie geheim hält: Sie hilft jungen Frauen – ohne Gegenleistung – bei der Abtreibung. Sie ist eine „Engelmacherin“. Als es bei einer der Frauen zu Komplikationen kommt und diese ins Krankenhaus muss, kommt Veras Tätigkeit ans Licht. Sie wird festgenommen und vor Gericht gestellt. Die harmonische Welt der Drakes bricht zusammen.

Mike Leighs „Vera Drake“ ist ein ergreifender Film, der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und mittlerweile für den Oscar nominiert wurde. Die Vera-Darstellerin Imelda Staunton geht in der Kategorie „beste Hauptdarstellerin“ ins Rennen. Wie alle Filme des Regisseurs spielt auch dieser in der englischen „working class“, aber zum ersten Mal in der Vergangenheit. Die Frage, warum sich Leigh für diese zeitliche Distanz entschieden hat, liegt nahe, denn Abtreibung stellt auch noch heute ein brisantes Thema dar, obwohl sie in England seit etwa 40 Jahren legalisiert ist. Doch dem 62-jährigen Filmemacher, geht es nicht in erster Linie um eine politische Auseinandersetzung mit einem aktuellen Sujet, sondern vor allem um eine lebendige Rekonstruktion der Nachkriegszeit. Und das ist ihm gelungen.

Mit seinem bewährten, wirklichkeitsnahen Blick für die Dinge des Alltags schildert Leigh die Lebensverhältnisse seiner Hauptperson. Die Bildästhetik aus dunkel gehaltenen Braun- und Grüntönen unterstreicht die heimelige Familienatmosphäre. Detailgenau zeichnet er das Milieu der Arbeiterklasse der damaligen Zeit nach – einer Welt, in der die Menschen vom Krieg geprägt sind und in der kleine Dinge eine große Bedeutung besitzen können. So verbreitet eine Schachtel Pralinen einen großen Zauber und füllt eine Tasse Tee den Körper mit Wärme. Leigh nimmt sich Zeit für die ständig wiederkehrenden Rituale des Teetrinkens in der Familie und für Veras Arbeitsroutine als „Perle“, die mit dem Putzlappen im Hause der wohlhabenden Gesellschaft genauso geübt umgeht wie mit Schlauch und Seifenlauge in den ärmlichen Wohnungen der jungen Frauen. Dem Leid der ungewollt Schwangeren begegnet sie mit einem warmherzigen, mütterlichen „Oh, dear“.

Mit einem ständigen Lächeln im Gesicht spielt Imelda Staunton in der ersten Hälfte des Films Vera als optimistisches, aufrechtes Mütterchen. Ihr Gegenbild ist eine ehemalige Schulfreundin, die die schwangeren Frauen an sie vermittelt und daran verdient. In der zweiten Hälfte, als die Tragödie ihren Lauf nimmt, ist Vera ein gebrochener Mensch. Auch wenn sie geglaubt hat, „jungen Frauen geholfen zu haben“, wie sie die unerlaubten Abtreibungen umschreibt: Sie hat gegen das Gesetz verstoßen – die Justiz zeigt sich unerbittlich. Obwohl die Personen des Justiz- und Polizeiapparats nicht als unsympathische, mitleidlose Figuren gezeigt werden, arbeitet Leigh einen Kontrast heraus, an dem er die ganze soziale Ungerechtigkeit exemplifiziert. Und zwar in einer kurzen Parallelhandlung: Die handelt von einer Tochter aus gutem Haus, die bei einem Rendezvous vergewaltigt wird und, weil sie es sich leisten kann, in eine komfortable Abtreibungsklinik geht. Zumindest in dieser Hinsich ist Leigh wieder ganz der alte Klassenkämpfer, der – neben Ken Loach – bedeutendste und politischste Regisseur des New British Cinema.

Trotzdem ist „Vera Drake“ ein unpolitischer Film. Vergleicht man die Hauptperson mit der aus Claude Chabrols „Une affaire de femmes“ (1988), wird dies besonders deutlich. Anders als bei Chabrol mit Isabelle Huppert als Engelmacherin Marie, die auf dem Schaffott endet, handelt es sich bei Vera Drake um eine fiktive Figur. Sie ist zudem wesentlich einfacher gestrickt als Marie. Diese verdient nicht nur an den Abtreibungen Geld, sondern entwickelt sich im Frankreich der Besatzungszeit zu einer selbstbewussten Frau, die an der Doppelmoral der von Männern beherrschten Gesellschaft scheitert.

Vera Drake hingegen reflektiert nicht. Sie ist eine durch und durch anti-emanzipatorische Figur. Denn sie handelt aus einer völligen Naivität heraus. Sie ist Hingabe und Großherzigkeit in Person. Und vor allem deshalb bleibt die Figur eindimensional. Auch die durchaus großartige Leistung Imelda Staunton ändert daran leider nichts.


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