NIKI CARO: Wenn die Arbeit zur Hölle wird

Niki Caro verfilmt die Geschichte der Frau, die als erste eine Sammelklage wegen sexueller Belästigung einleitete und somit noch heute den Frauen auf der ganzen Welt hilft.

Allein unter Männern. Allein gegen sie: Charlize Theron als mutige Minenarbeiterin in North Country.

Ein weißer Pick-up Truck kommt angeschlittert und bleibt schief in einer schneebedeckten Einfahrt stehen: Josey Aims (Charlize Theron) erkennt bereits am Fahrstil ihres Mannes, dass es wieder soweit ist. Sie schickt ihre Tochter ins Spielzimmer und stellt sich ihrem Schicksal; sogar das Kind scheint an diesen Vorgang gewöhnt. Kurz darauf liegt die junge Mutter blutend auf dem Küchenboden und versucht sich langsam wieder hochzuziehen. Dies ist die Anfangsszene von North Country, und die folgenden zwei Stunden sind nicht weniger ergreifend.

Nachdem sie mehrmals von ihrem Ehemann krankenhausreif geprügelt wurde, zieht Josey mit ihren Kindern Sammy und Karen nach Minneapolis. Dort wohnt sie vorläufig bei ihren Eltern und versucht sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser zu halten. Glory (Frances McDormand), eine von Josey’s alten Schulfreundinnen und eine der wenigen Minenarbeiterinnen im Ort, erzählt ihr, dass man in den Eveleth Minen noch Arbeitskräfte sucht. Dort würde sie erheblich mehr verdienen als bei ihrem derzeitigen Friseurinnenjob, und wenn sie ein bisschen spart, könnte sie sich sogar ein eigenes Heim für sich und ihre Kinder leisten. Josey nimmt den Job an und sorgt so zum ersten Mal selbst für sich und ihre Kinder.

Doch die Freuden des neuen Lebens währen nicht lange. Die Stahlunternehmer stellen erst vor kurzem Frauen ein, nachdem es ihnen von der Regierung so vorgeschrieben wurde. Die Männer sind also deutlich in der Überzahl. Täglich werden Josey und ihre Mitarbeiterinnen Opfer von Diskriminierungen: Ihnen wird stundenlang der Gang zum Klo verweigert und ständig werden ihnen entwürdigende Bemerkungen nachgerufen. Doch es kommt noch schlimmer. Im Umkleideraum der Frauen sind nach
jeder Mittagspause obszöne und sexuell herabwürdigende Schmierereien an den Wänden zu finden, die die Frauen auch noch selbst entfernen müssen. Auch Spinde und Kleider sind vor den männlichen Kollegen nicht sicher. Als sich die körperlichen Übergriffe vermehren, entscheidet Josey sich, rechtlich gegen die Arbeiter und den ganzen Firmenvorstand vorzugehen.

Nach dem wunderschönen Whale Rider beschert uns
Niki Caro diesmal einen weniger entspannenden Film bei dem man schnell den Eindruck hat, dass maßlos übertrieben wird. Doch North Country basiert leider auf einer wahren Geschichte. Das Verfahren dauerte ungefähr zwölf Jahre, und viele Frauen zogen aus Angst nie mehr einen Job zu finden, ihre Klagen zurück. Die Vergehen an den Arbeiterinnen waren in Wirklichkeit sogar weit schwerwiegender als im Film dargestellt. Die Washington Post berichtete damals von Frauen die nach ihrer Zeit in einem Steinbruch psychiatrische Hilfe annehmen mussten, und Arbeiterinnen gaben zu, dass sie sich nicht mehr unbewaffnet in den Berg trauten. Niki Caro hat wohl erkannt, dass die Schilderung zu vieler körperlicher Übergriffe den Film auf genau diese Szenen reduziert hätte. Auch die Dialoge hat die Neuseeländerin sehr feinfühlig eingesetzt, denn trotz der vielen emotionsgeladenen Situationen versinken diese nie im Pathos.

Charlize Theron und Frances McDormand (letztere wurde für ihre Rolle mit einem Oscar ausgezeichnet) interpretieren ihre Rollen am überzeugendsten. North Country lässt die Zuschauerinnen und Zuschauer vor Wut die Zeit vergessen … und öffnet ihnen die Augen!


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