DUNCAN TUCKER: Transamerica

Mit Hormontabletten durch Amerika: Auf den schwulen Western folgt das transsexuelle Roadmovie.

Von der Desperate Housewife zur hoffnungsvollen Transsexuellen: Felicity Huffmann zeigt in Transamerica ganz neue Facetten ihrer Schauspielkunst.

Hollywood war queerer denn je, als bei der letzten Verleihung der Academy Awards mit Capote, Brokeback Mountain und Transamerica gleich drei Filme mit schwulen oder transsexuellen Hauptcharakteren um die Oscars kämpften. Einen rosa Teppich hätte man den Stars ausrollen sollen anstatt des klassisch roten, so wurde gewitzelt. Aber lässt sich eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau werden will, überhaupt in die Kategorie der Besten Darstellerin einordnen?

Für Felicity Huffman hat es am Ende nicht für einen Oscar gereicht. In Transamerica spielt sie die transsexuelle Bree Osbourne, vormals Stanley, die kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht, die ihren Körper definitiv an ihr weibliches Gender anpassen soll. Doch bevor Bree ihr Leben als Frau beginnen kann, wird sie von ihrem Leben als Mann eingeholt. Durch einen Anruf aus einem New Yorker Jugendgefängnis erfährt Bree, dass sie einen Sohn aus einer längst vergessenen Affäre hat. Von ihrer Psychotherapeutin zur Vergangenheitsbewältigung ermuntert, fliegt sie zur Ostküste und hinterlegt die Kaution für ihren Sohn, Toby Wilkins (Kevin Zegers), einen Kleindealer und Sexarbeiter. Toby gegenüber gibt sie sich als christliche Missionarin aus, die ihn nach Los Angeles zu seinem Vater bringen soll. Doch insgeheim plant sie,
ihn auf dem Rückweg bei seinem Stiefvater abzusetzen.
So beginnt eine abenteuerliche Odyssee voller skurriler Begegnungen.

Bekannt als gestresste Vorstadtmutter aus der Fernsehserie Desperate Housewives, beweist Huffman in Transamerica, dass sie das Zeug zum Leinwandstar hat. Mit ihrem intensiven Schauspiel, in dem jede Geste, jeder Blick, jedes Abrutschen der Stimme ihrer Figur Persönlichkeit verleiht, hält sie den Film zusammen und rettet auch über vereinzelte Längen hinweg. Huffman zeichnet Bree als Frau, deren größter Wunsch es ist, ganz undramatisch sie selbst zu sein. Doch mit einem Körper versehen, in den sie nicht hineingehört, kommt sie nicht umhin, ihre Identität als Rolle zu erfahren, die sie sich mit der Reflektiertheit und den Tricks einer Schauspielerin aneignen muss. Huffman macht Brees Unsicherheit fühlbar, ihre verkrampfte Künstlichkeit, ihre Angst, als Schauspielerin überführt zu werden, und verleiht ihrer Figur doch gleichzeitig eine ungemein sympathische, bewegende Natürlichkeit und charakterliche Stärke.

Brees Transsexualität wird bereits im wunderbar treffenden Titel mit dem Motiv der Reise verbunden, das den narrativen Rahmen des Films steckt. Transamerica ist in erster Linie ein waschechtes Roadmovie – ein uramerikanisches Genre, das wie kein anderes die Suche nach Freiheit und Identität auf die Leinwand bringt. Nicht zufällig beginnt die Fahrt an der Ostküste, dem Teil Amerikas, der der alten festgefahrenen Welt am meisten ähnelt, und führt nach Westen, in der amerikanischen Mythologie seit jeher eine Chiffre für das unentdeckte Land, in dem der Abenteurer sein Glück suchen und sich neu erfinden kann. Ähnlich wie zuletzt in Wim Wenders „Don’t Come Knockin“ und Jim Jarmuschs „Broken Flowers“, wird das Grundmotiv der Reise verknüpft mit der konfliktreichen Begegnung zwischen einem verunsicherten Vater und seinem unwissentlich gezeugten und nun erwachsenen Sohn. Bahnt sich da etwa ein eigenes Subgenre an?

Transamerica dürfte für das Roadmovie sein, was Brokeback Mountain für den Western war: Ein Genre, dem
eine zentrale Stellung bei der Konstruktion gesellschaftlicher Rollen zukommt und das traditionell von heterosexuellen weißen Männern dominiert wurde, dient der Inszenierung queerer Erfahrungen und Sehnsüchte. Zumindest im Film sieht es so aus, als sei die queere Community am Ziel ihrer Reise angekommen: In der Mitte der Gesellschaft.


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