INTERVIEW: JAGD-DEBATTE: „Nicht jeder füttert, aber jeder weiß, dass gefüttert wird“

Als Wildbiologin, Naturschützerin und Jägerin kennt Sandra Cellina die Vielschichtigkeit der Probleme um Jagd und Wild. Ihre Forschungsergebnisse zur Fütterung der Wildschweine stellen die luxemburgische Jagdpraxis in Frage.

woxx: Was ist das für eine Arbeit, die Mägen von 1.200 toten Wildschweinen zu untersuchen?
Sandra Cellina: Keine sehr appetitliche. Halbverdaute Nahrung mit Magensäure, das stinkt ganz fürchterlich. Am Schlimmsten war es, als in der Hauptjagdsaison die Kühltruhe überfüllt war.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so etwas zu machen?

Die Untersuchungen sind Bestandteil meiner Doktorarbeit als Wildbiologin. Zuerst wurde ich gefragt, ob ich eine Studie über Wildschweine machen wolle. Ich dachte an Verhaltensforschung durch Beobachtungen in freier Wildbahn. Als ich dann erfuhr, dass es um Kadaver ging, habe ich etwas gezögert. Die Forstverwaltung wollte einen größeren Nutzen aus den im Rahmen der Schweinepestbekämpfung abgelieferten toten Wildschweinen ziehen, als sie lediglich auf die Krankheit zu untersuchen. Sie wussten, dass ich bereits an der Uni in Parma die Fäkalien von Wölfen analysiert hatte. Ich habe das Angebot dann angenommen.

Sie sind Wildbiologin, aber auch engagierte Naturschützerin. Und Sie haben einen Jagdschein. Wie geht das zusammen?

Ich komme aus einer Jägerfamilie und habe kein grundsätzliches Problem mit der Jagd. Als ich 2003 die Studie in Angriff nahm, habe ich mich in die Jägerausbildung eingeschrieben, um einen besseren Einblick in diese Welt zu bekommen. Nachdem ich das Examen bestanden hatte, beschloss ich, auch einen Jagdschein zu beantragen. Ich habe seitdem an zahlreichen Jagden teilgenommen, und das war sehr informativ und hilfreich für meine Doktorarbeit.

Was haben Sie denn in den Wildschweinmägen vorgefunden?

Nur ein paar Prozent der Nahrung waren Tierreste, der Rest Pflanzen. Neben den in Wald und Flur verfügbaren Wurzeln, Eicheln sowie frischem Getreide war es zu 40,6 Prozent trockener Mais – er stammte also aus der Wildfütterung.

Das ist ein brisantes Ergebnis. Derzeit wird über ein Fütterungsverbot im Rahmen der Reform des Jagdgesetzes debattiert. Die Kritiker reden von einer Mast des Wildbestandes, die Jägerföderation hat bisher versucht, das Problem herunterzuspielen. Wie haben die Jäger auf Ihre Studie reagiert?

Ich habe ein paar Ergebnisse auf der Generalversammlung der Jägerföderation 2006 vorgestellt. Die wenigsten Jäger waren wirklich überrascht. Nicht jeder füttert, aber jeder weiß, dass gefüttert wird. 40,6 Prozent, das ist recht viel. Allerdings ist das Thema wenig erforscht. Die paar Studien, die es international gibt, kommen auf niedrigere, aber immer noch ansehnliche Werte.

Eine von Jägern vorgebrachte Begründung für das Füttern ist die Überbrückung von Notzeiten. Ist das sinnvoll?

Eine Notfütterung ist hierzulande nicht notwendig. In Ostdeutschland oder Polen gibt es sehr harte Winter, die den Bestand gefährden können. In Luxemburg schaffen es vielleicht ein paar kranke und schwache Wildschweine nicht über den Winter. Es macht ökologisch gesehen keinen Sinn, deswegen zu füttern. Als Biologin sage ich: Eine Art ist entweder an ihren Lebensraum angepasst und braucht keine Fütterung, oder sie ist es nicht und gehört nicht dorthin. Schließlich füttert man auch die Eisbären nicht, obwohl es in der Arktis noch viel kälter ist.

Und wie bewerten Sie Ablenkfütterung und Kirrung?

Dazu muss man das Futter tief im Wald anbieten, was in der luxemburgischen Landschaft vielerorts nicht möglich ist.
Die Ablenkfütterung kann nur funktionieren, wenn das Futter attraktiver ist als das, was auf den Feldern wächst. Mit trockenem Mais kann man die Wildschweine eventuell vom Getreide oder von der Maissaat abhalten. Vom reifen Mais lenkt die Fütterung aber nicht ab. Was die Kirrung mit kleinen Mengen angeht, habe ich keine Vorbehalte. In Deutschland wird das Wild häufig mit Futter angelockt und dann vom Hochsitz aus erlegt. In Rheinland-Pfalz erzielt man mit dieser Methode ähnliche Abschussquoten bei den Wildschweinen wie wir mit Treibjagden. Eine richtige Kirrung hat keinen wesentlichen Impakt auf die Ernährung. Das Schwein hat Zeit, drei Körner zu fressen, dann ist es tot. Von der Kirrung allein kommt der trockene Mais nicht pfundweise in die Schweinemägen.

Die Jägerföderation spricht von einem „unwesentlichen Einfluss“ des Fütterns auf den Wildbestand. Ist diese These noch haltbar?

Man kann die Bestandszunahme bei den Wildschweinen nicht nur auf das Füttern zurückführen. Das Klima ist günstig für diese Tierart, der Lebensraum ideal, mit Eichen- und Buchenwäldern. Allerdings bremst die Fütterung den Zuwachs bestimmt nicht. Das belegen auch meine anderen Ergebnisse. Ich habe die weiblichen Tiere im Hinblick auf Fruchtbarkeit und Fortpflanzung untersucht. Eines der Tiere hatte mit vier Monaten schon einen Eisprung, ein anderes war mit fünf Monaten bereits trächtig. Bei Wildschweinen hängt der Zeitpunkt der Geschlechtsreife weniger vom Alter als vom Gewicht ab. Je schneller eine Bache auf 25 bis 30 Kilo kommt, umso früher wird sie sich also fortpflanzen.

Vieles spricht also für ein striktes Fütterverbot?

Wenn man das Füttern nicht ganz verbietet, sondern nur die Methoden einschränkt oder die Mengen begrenzt, ist es sehr schwierig zu kontrollieren, ob niemand mogelt. Andererseits würde ein striktes Verbot auch das Kirren verhindern. Angesichts der hohen Wildschweinbestände bräuchte man aber jedes Mittel, das die Jagd effizienter macht …

Sind Sie eine gute Schützin?

(lacht) Ich habe das Examen bestanden und tue seitdem mein Bestes, das Niveau zu halten. Man möchte das Tier ja tödlich treffen, damit es nicht leiden muss.

Was für ein Gefühl ist es denn, ein Tier zu töten?

Das erste Mal zittert man schon sehr. Ich habe mir gesagt: Ich kann es essen, also kann ich es auch selber erlegen. Wenn die Jagd Mord ist, dann ist Fleisch kaufen Auftragsmord.

Nicht alle Jagdgegner sind Vegetarier. Das schlechte Image der Jäger hat andere Gründe, wie den Abschuss von Haustieren.

Vor einiger Zeit hat ein Jäger den Hund eines anderen gezielt abgeschossen, weil er auf sein Jagdlos geraten war. Der Schütze ist daraufhin von der Jägerschaft ausgeschlossen worden. Jäger lieben Hunde, sie erschießen sie nicht. Auch einen streunenden Hund soll man versuchen einzufangen und zum Besitzer zurück zu bringen. Bei Katzen ist es schwieriger, die Besitzer zu finden. Katzen dürfen ab 300 Metern vom Siedlungsrand entfernt geschossen werden. Ob ich das tun würde, weiß ich nicht. Als Biologin sehe ich aber bei den Katzen ein besonderes Problem. Weil es wieder Wildkatzen in Luxemburg gibt, besteht das Risiko einer Faunenverfälschung. Wenn sich Wildkatzen mit streunenden Hauskatzen vermischen, droht diese Tierart auszusterben. Eigentlich gehören Haustiere ja auch nicht in den Wald.

Und Spaziergänger? Da gibt es immer wieder Zwischenfälle. Gehören die auch nicht in den Wald?

Die stören normalerweise nicht. Wer im Wald eine Party feiert und die Bierflaschen liegen lässt, der stört. Aber den zähle ich nicht zu den Spaziergängern. Es stimmt, ich habe schon erlebt, dass ein Jäger Leute beschimpft hat. Aber die anderen Jäger sind dann gekommen und haben sich dann für ihren Kollegen entschuldigt. Es ist eine Frage des gegenseitigen Respekts. Auf einem Los ist ein paar Mal im Jahr Treibjagd, einen halben Tag lang, das ist doch wirklich nicht sehr viel. Und wenn Leute unbedingt an diesem Tag dort spazierengehen wollen, bleiben jedoch auf dem Weg und machen sich bemerkbar, stören sie zwar, aber auch das ist kein großes Problem. Natürlich, radikale Jagdgegner, die die Jäger behindern wollen, die stören schon. Sie gehen auch ein gewisses Risiko ein. Zumindest, wenn sie herumschleichen – wenn sie Krach machen, riskieren sie weniger.

Ohne radikale Jagdgegner zu sein, bezweifeln viele Leute ganz einfach den Sinn der Jagd. Was sind Ihre Gründe, zu jagen?

Einerseits ist die Jagd eine Quelle von Fleisch – leckerem Fleisch. Sie ist eine Abschöpfung des natürlichen Reichtums. Schwein-, Reh- und Hirschbestände lassen sich hierzulande nachhaltig bewirtschaften, warum sollten wir es nicht tun? Andererseits sind sehr hohe Wilddichten für unsere Kulturlandschaft untragbar. Die Wildschweine richten einen beträchtlichen Schaden in der Landwirtschaft an und provozieren zunehmend Autounfälle. Die Jagd sollte die Bestände in Grenzen halten und nicht versuchen, sie zu vermehren.

Diese Gründe mögen auf die Wildschweine zutreffen. Füchse kann man nicht essen, sie pflügen keine Felder um, und trotzdem schießt man auf sie.

(überlegt) Ja, ich habe auch mal einen erlegt, bei einer Treibjagd. Aber wenn ich vom Hochsitz aus einen Fuchs beobachte, dann finde ich das schön und habe nicht das Bedürfnis, den abzuschießen. Allerdings, ob man die Füchse bejagt oder nicht, der Bestand ist nicht bedroht. Man schadet der Art nicht, indem man auf sie schießt. Für gesundheitspolitische Untersuchungen zur Überwachung der Tollwut zum Beispiel werden auch jährlich Fuchskadaver benötigt.

Aber das Schießen dient nur dem Vergnügen.

Vergnügen? … Ja, ein gewisser Spaß muss wohl dabei sein, sonst würde man nicht auf die Jagd gehen. Wie jemand anders zum Kegeln geht, weil es ihm Spaß macht. Lust am Töten würde ich das aber nicht nennen. Beim Jagen geht es nicht nur um den Augenblick des Schusses. Es wäre frustrierend, 14 Tage auf dem Hochsitz auf einen Bock zu warten, wenn einem das Rundherum gleichgültig wäre. Mit dem Rundherum meine ich das Warten in der Natur. Man erlebt sie anders als beim Spazierengehn. Man sieht Tiere vorbei kommen, die man nicht jagen darf, oder nicht jagen will. Einen Dachs durch den Wald laufen sehn, das ist etwas Besonderes. Für manche Leute ist die Jagd ein Vorwand, stundenlang die Natur beobachten zu können.

Sie haben stundenlang Schweinemägen auseinander geklaubt. Haben Sie immer noch Appetit auf Wildschweinragout?

(grinst) Auf jeden Fall, und sogar auf Polenta dazu. Obwohl die aussieht wie durchgekauter, halb verdauter Trockenmais.

Sandra Cellina
Einen starken Bezug zur Natur hat die 30-jährige Wildbiologin schon seit jungen Jahren. In einer Jägerfamilie aufgewachsen, hat sich Sandra Cellina im Pfadfindertum engagiert. Ihr Biologiestudium in Liège, Parma und Sussex will sie demnächst mit ihrer Doktorarbeit zu den Wildschweinbeständen in Luxemburg abschließen (Details unter www.cellina.lu). Für reges Interesse haben ihre Untersuchungen zur Ernährung der Wildschweine gesorgt. Ende Mai wird sie an einem Hearing in der Chamber zur Jagdreform und zum Wildfütterverbot teilnehmen. Bemerkenswert im Kontext dieser kontroversen Thematik: Cellina ist einerseits Generalsekretärin der Natur- a Vulleschutzliga, andererseits praktizierende Jägerin.


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