VOLKER SCHLÖNDORFF: Die Stille nach dem Sch(l)uss

Trotz vieler Verrisse und dem Vorwurf, er sei ein „Regisseur ohne Stil“: Volker Schlöndorff traut sich an heikle Themen heran und riskiert dabei etwas – das Scheitern inklusive.

Geduldig gibt Volker Schlöndorff ein Autogramm nach dem anderen. Der Filmregisseur ist in die Libo-Buchhandlung ins Luxemburger Bahnhofsviertel gekommen, um das Filmbuch zu „Der neunte Tag“ zu signieren. Der 65-Jährige hat bereits einen Kurz-Marathon durchs Großherzogtum hinter sich, während ihm aus der deutschen Hauptstadt heftige Empörung nacheilt. Mit seiner Kritik, Berlin sei keine richtige Weltstadt und könne mit Paris nicht verglichen werden, hat er dort einen Aufschrei der Empörung bei der lokalen Prominenz ausgelöst.

„Der neunte Tag“ ist hingegen eher positiv aufgenommen worden – sowohl beim Publikum als auch bei den meisten KritikerInnen. Gerade die hatten es in den vergangenen Jahren mit Schlöndorff weniger gut gemeint. „Der Unhold“ (1996) wurde gnadenlos verrissen, dem Thriller „Palmetto“ (1998) ging es nicht viel besser, und „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) erlebte ein geteiltes Echo. Der jetzige Film, nach dem KZ-Tagebuch des Luxemburger Priesters Jean Bernard, sei Schlöndorffs bester Film seit vielen Jahren, ist nun zu hören. Die katholische Elite des Großherzogtums dankt es ihm, indem sie den deutschen Regisseur zum luxemburgischen Medien-Hype der Stunde macht – denn Bernard war schließlich einst Chefredakteur beim Luxemburger Wort.

Vor 29 Jahren wäre Schlöndorff wohl kaum ein solcher Empfang bereitet worden. Damals hatte er Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ verfilmt und wurde prompt als RAF-Sympathisant hingestellt. Der Film, in dem Sensationspresse und Polizeiapparat als repressive und manipulierende Institutionen gezeigt werden, ist bis heute neben der Oscar-prämierten „Blechtrommel“ der beste Film des Regisseurs. Sein Name bleibt jedoch für die breite Öffentlichkeit mehr mit der Günter-Grass-Adaption verbunden. Ein roter Faden, ein „Schlöndorff-Touch“, wird dagegen in seinem Oeuvre oft vermisst. „Der Regisseur ohne Stil“ schrieb die „Zeit“ einmal über den Arztsohn aus Wiesbaden, der ein Jesuiten-Internat in der Bretagne besuchte und in Paris Politikwissenschaft studiert hatte. Das kann sowohl positiv als auch negativ gemeint gewesen sein, auffallend ist an Schlöndorffs Werk jedenfalls, dass die stilistischen Elemente von Film zu Film oft wechseln. Ähnliches gilt auch für die Filme eines seiner Lehrmeister, bei dessen „Zazie“ er 1960 erste Erfahrungen sammelte: Louis Malle. Sein Handwerk erlernte Schlöndorff darüber hinaus als Assistent von Jean-Pierre Melville, bei dem habe „überhaupt nur Handwerksregeln“ gegeben, wie der Deutsche über den französischen Regisseur später einmal feststellte

Dennoch sind Gemeinsamkeiten, die Schlöndorffs Filme miteinander verbinden, nicht von der Hand zu weisen. Zum einen basiert ein großer Teil von ihnen auf literarische Vorlagen, angefangen mit „Der junge Törless“ nach Robert Musil, aber auch „Eine Liebe von Swann“ (1984) nach Marcel Proust, dem vorgeworfen wurde, er sei nur opulentes Ausstattungskino, „Tod eines Handlungsreisenden“ (1985) nach Arthur Miller, in dem das Filmische stark hinter dem Theaterhaften zurückweicht, und nicht zuletzt „Homo Faber“ (1991) nach Max Frisch.

Ein wichtiges Motiv vieler Schlöndorff-Filme wird bereits im „Törless“ antizipiert: Die ProtagonistInnen sind häufig Außenseiter, Benachteiligte, stille Beobachter oder Revoltierende. In den 70ern wandte sich der Regisseur der weiblichen Emanzipation zu, prominentestes Beispiel neben „Katharina Blum“ ist die Yourcenar-Verfilmung „Der Fangschuss“ (1976). Gegen Ende des Jahrzehnts setzte er sich – neben seiner Arbeit an der „Blechtrommel“ – mit der deutschen Gegenwart auseinander, so zum Beispiel in seinem Beitrag zu „Deutschland im Herbst“ (1978), der den RAF-Terrorismus zum Thema hat.

Schlöndorff, der zwischendurch auch Opern und – wie vor kurzem – Theaterstücke für die Bühne inszenierte und sich als Geschäftsführer des Studio Babelsberg um dessen Rettung bemühte, ist trotz ständigen Wechsels der Sujets und einem längeren USA-Aufenthalt in den 80er Jahren immer wieder zu einem seiner bevorzugten Themen zurückgekehrt: die deutsche Geschichte. „Die Stille nach dem Schuss“ entstand auf der Grundlage der Biografie der ehemaligen RAF-Terroristin Inge Viett. Von einigen Zeitungen als klischeebeladen verrissen und sogar mit einer Seifenoper verglichen, legt der Film dennoch einmal mehr den Finger in eine offene Wunde. So werden die ZuschauerInnen bei Schlöndorff am Ende eines Films, wenn es still ist im Kinosaal und der Abspann läuft, zum Nachdenken angeregt, selbst nach schwer verdaulichen Werken wie „Der Unhold“. Obwohl seine Filmen manch einem heute konventionell und oberlehrerhaft erscheinen, ist das Markanteste an Schlöndorff, der den Regie-Nachwuchs in seiner Berlin-Kritik als zu unpolitisch bezeichnete: Er ist stets gesellschaftskritisch und riskiert etwas.

Eine Retrospektive zu Volker Schlöndorff läuft zurzeit noch
in der Cinémathèque.


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