LESERBRIEF: Homosexualität und Schule

Unprofessionell und verantwortungslos seien die Stellungnahmen Escher LehrerInnen zum Thema Homosexualität. Lesben und Schwule verdienten Unterstützung, schreibt ein Mitglied von Rosa Lëtzebuerg.

„Homosexualitéit, nach ëmmer en heikelt Thema!“, so lautete der Artikel zweier Schülerinnen des „Escher Jongenlycée“, den man in der Schülerzeitung der besagten Schule vor einigen Wochen lesen konnte.

In dem Artikel ging es um die Meinung von Schülern und Lehrern zum Thema Homosexualität und Eheschließung. In seiner ersten Hälfte klang der Text sehr vielversprechend und als Leser war man schon fast dazu geneigt, seine militante Meinung und Einstellung etwas zu entkräftigen. Die Offenheit und die Akzeptanz, welche von den Jugendlichen ausgingen, hatten wohl jeden Schwulen und jede Lesbe hoch erfreut.

Im zweiten Teil des Artikels wurde der Leser dann aber wieder ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Hier konnte man die Meinungen einiger Lehrer zum Thema Homosexualität lesen. Selbst offen lebende Schwule und Lesben, im Alltag nur noch selten durch diskriminierende Aussagen aus der Ruhe zu bringen, zeigten einen Gefühlssturm von Betroffenheit, Wut, Empörung und Unverständnis. Unverständnis deswegen, weil es sich hier nicht um Aussagen irgendwelcher Personen handelte, sondern um die Meinungsäusserungen von Lehrbeauftragten.

Ich gestehe jedem das Recht auf freie Meinungsäusserung zu. Ich verlange aber, dass jeder, welcher in der Erziehungsarbeit tätig ist, dieses Recht einer Grundsatzfrage unterzieht. Es kann nicht sein, dass wir als Lehrer, Sozialpädagogen oder sonstige Erziehungsbeauftragte auf dieses Recht pochen und uns keine Gedanken über die Konsequenzen machen. Eine solche Einstellung ist hochgradig unprofessionell und vor allem verantwortungslos.

Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, sehr geehrte Lehrer und Lehrerinnen, was passieren wird, wenn ein jugendlicher Homosexueller Ihre Aussagen liest? Wahrscheinlich nicht, andernfalls hätten Sie sich Ihre Worte vorher mehrmals überlegt. Als Sozialpädagoge, der seit mehreren Jahren in der Erziehungsarbeit mit Jugendlichen tätig ist, kann ich Ihnen versichern, dass Sie Ihren Teil dazu beigetragen haben, einigen Jugendlichen das Leben wieder mal etwas erschwert zu haben. Die Adoleszenz ist allgemein bereits keine leichte Entwicklungsetappe. Körperliche Entwicklung, Sexualität, Intelligenzentwicklung, moralische Entwicklung, Veränderung der sozialen Rolle, Veränderungen in der Beziehung zu den Eltern und im Umgang mit Altersgenossen, stellen ein beachtliches Aufgaben-Potential dar, dem sich jeder Jugendliche unterziehen muss. Es handelt sich nicht um eine unüberwindbare Entwicklungsetappe. Sie kann jedoch durch unterschiedliche Umstände sehr erschwert werden. Einer dieser Umstände kann sein, dass der Jugendliche sich intensiver mit seiner sexuellen Orientierung auseinandersetzen muss, weil er feststellt, dass er nicht so fühlt wie seine Freunde. Homosexualität ist nach wie vor ein sehr belastendes Problem für jeden, der sich deren bewusst wird. Ob und wie der Schwule oder die Lesbe diesen Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung lösen wird, hängt unter anderem davon ab, ob und wie die soziale Umwelt Unterstützung anbietet. Lehrer gehören auch zu dieser sozialen Umwelt und beeinflussen so auch die psychische Entwicklung der Jugendlichen. Jeder, der zu dieser Berufsgruppe gehört, auch wenn hier die Vermittlung von Schulwissen im Vordergrund steht, hat auch einen sozialen Erziehungsauftrag. Es mag sich hier um einen ungeschriebenen Auftrag handeln, man sollte jedoch wissen, dass die Teilaspekte der Pädagogik und somit die erzieherischen Aufträge selten absolut abzugrenzen sind. Man kann sicherlich nicht das notwendige Wissen über sämtliche Aspekte menschlichen Lebens verfügen. Ein jeder Lehr- und Erziehungsbeauftragte hat aber die Pflicht, verantwortungsbewusst und im Sinne des zu Erziehenden zu handeln. Die befragten Lehrer und Lehrerinnen des „Escher Jongelycée“ haben hier ihren Auftrag verfehlt. Es wurde weder verantwortungsvoll noch im Sinne der Schüler gehandelt. Im Gegenteil, es wurde nur destruktive Arbeit geleistet. Es bleibt nur zu hoffen, dass unter den Schülern niemand schwul ist und wenn doch, dann das nötige Selbstvertrauen besitzt, um die besagten Aussagen verkraften zu können. Als erwachsener Schwuler, der fest im Leben steht, haben mich Ihre Worte wütend gemacht, sie veränderten aber nicht mein Leben. Wie aber sieht es aus, wenn der Leser ein Jugendlicher ist, der gerade diese schmerzliche Erkenntnis erlangt hat, schwul zu sein? An ihm gehen Ihre Worte nicht so ohne weiteres vorbei. Er sieht sich aufs neue stigmatisiert und beginnt wieder von vorne, sich selbst all die schmerzhaften Fragen zu stellen. Sein Leben wird sich nach solchen Aussagen verändern. Der Stärkere wird seinen Coming-Out-Prozess vielleicht einfach etwas aufschieben. Der Schwächere allerdings, wird seinem Leben ein Leben ein Ende setzen. Ich übertreibe? Nein, dies ist die Realität, mit der wir fast tagtäglich zu tun haben. Wir sehen fast jeden Tag Jungs und Mädchen, die gewaltig unter diesem sozialen Druck leiden. Diese haben Glück, denn sie waren stark genug, sich an uns zu wenden. Die meisten von ihnen werden über kurz oder lang ihr Leben als Schwule oder Lesben führen können. Diese Jugendliche stellen allerdings nur eine Minderheit dar. Die Mehrzahl der Betroffenen versteckt sich weiter in unseren Schulen und es wird höchste Zeit, dass auch diesen geholfen wird. Wird dies nicht getan und erweitert die Schule nicht bald ihren Horizont, so wird sie irgendwann zur Verantwortung gezogen. Es ist leicht mit einem Beschwerdebrief zu leben. Die Verantwortung für psychische Probleme oder gar den Tod eines Schülers wird aber wohl niemand so ohne weiteres tragen können.

Es geht nicht darum, dass die Schule jetzt als alleiniger Verantwortungsträger für homosexuelle Fragen und Aufklärung hinhalten soll. Hier sind noch ganz andere Instanzen und Partner gefragt. Es geht aber darum, dass die Schule, wenn sie schon Stellungnahme zum Thema nimmt, dies auf eine verantwortungsvolle Weise tut. Die Schule und ihre Lehrer haben Vorbildfunktion und es gilt, sich dies immer vor Augen zu halten, auch und besonders wenn es um heikle Themen geht. In den Bereichen, wo sie dieser Funktion nicht nachkommen kann, täte die Schule gut daran, Hilfe von aussen anzufordern. Unsere Vereinigung wäre bereit für einen Dialog und eine Hilfestellung.

Birgen Patrick, Educateur Gradué
Rosa Lëtzebuerg a.s.b.l.
rosa@gay.lu
patrick.birgen@education.lu


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