REAKTION AUF CLESSE-KOMMENTAR: Parteinahme ohne Antisemitismus

Vergangene Woche hatte René Clesse in einem Kommentar den Boykott-Aufruf gegen israelische Agrarprodukte scharf kritisiert. Claude Grégoire antwortet auf den indirekt geäußerten Vorwurf des Antisemitismus.

Aus der Entfernung ist es immer schwierig, sich ein genaues Bild von einem blutigen Konflikt zu machen, womöglich ist es noch schwieriger, wenn man zu nahe ist. Trotz Propagandakrieg, mit ungleichen Mitteln, gibt es Medien und Journalisten, die versuchen, mutige und ehrliche Arbeit zu leisten und Fakten zu vermitteln.
Fest steht, dass es viele Tote unter der israelischen Bevölkerung gibt, meist Opfer der Selbstmordattentate, und dass die Menschen Angst und ein großes Sicherheitsbedürfnis haben. Auf palästinensischer Seite gibt es noch mehr Opfer, man braucht nur einen Blick auf die Statistiken von getöteten Kindern zu werfen. Nun lässt sich darüber streiten, welche Seite die Verantwortung für das Morden trägt und welche Seite mit Morden darauf reagiert, doch das wird uns nicht viel weiter bringen.
Fest steht, dass ein Volk seit 55 Jahren einen eigenen Staat hat und, wenn auch in Angst, doch in relativer Freiheit und relativem Wohlstand lebt. Ein anderes Volk fordert ebenso Freiheit, Wohlstand und einen eigenen Staat, muss aber in größter Armut, eingesperrt und unter Besatzungsherrschaft leben. Nach Internationalem Recht (das gibt es noch!) sind die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik, die Hand in Hand gehen, illegal.
Tatsache ist auch, dass, dank der systematischen Unterstützung der USA, Israel sich seit Jahren an keine UNO-Resolutionen zu halten braucht, ohne dafür irgendwelche Sanktionen zu riskieren. Nun gibt es Organisationen, wie das „Comité pour une paix juste au Proche-Orient“, die zu einem Boykott israelischer Agrarprodukte aufrufen, zumal ein Teil dieser Produkte aus Siedlungen in den besetzten Gebieten, also von geraubtem Land, herstammen.
Man darf geteilter Meinung sein über solche Boykottaufrufe und das auch sagen. Was aber René Clesse vergangene Woche in dieser Zeitung schrieb, erlebe ich vielmehr als billige Polemik. Das beginnt beim Titel seines Beitrages: „Kauft nicht bei Juden!“ Jemand, der sich seit Jahren mit Journalismus beschäftigt, müsste doch eigentlich den Unterschied kennen zwischen Juden und Israelis. Er scheut sich nicht, Menschen, die sich einsetzen für die Rechte der Not leidenden palästinensischen Bevölkerung und für Frieden zwischen beiden Völkern, des Antisemitismus zu bezichtigen, ja in die Nähe des Naziterrors der 30er Jahre zu rücken.
Damit befindet er sich auf derselben Schiene wie die Regierung Sharon, getragen von der extremen Rechten in Israel, die jede Kritik ihres Vorgehens systematisch als Antisemitismus zu diskreditieren versucht. Sein Vorgehen erinnert mich an die Proteste extremistischer jüdischer Organisationen vor dem Sitz von France Télévision, anlässlich der Ausstrahlung der Dokumentarserie „Le rêve brisé“, welche nicht davor zurückschreckten, dem allgemein anerkannten Journalisten Charles Enderlin einen „Goebbelspreis“ zu überreichen. In seinem Bericht beleuchtete Enderlin unter anderem den von der israelischen Regierung propagierten Mythos vom großzügigen Camp-David-Angebot Baraks an Arafat und von dessen hartnäckiger Ablehnung des Friedens. Demgegenüber übernimmt Herr Clesse in seinem Artikel, en bloc, wortgetreu denselben Mythos. Hat er sich mal damit auseinandergesetzt? Hat er mal eine Karte von dem tatsächlichen Angebot von Camp David gesehen?
Vom hohen Ross herab und ohne Erläuterungen nennt Herr Clesse das „Comité pour une paix juste“ einen „dubiosen Verein“. Wäre er mal auf einer Versammlung oder an einem Informationsstand gewesen, dann wüsste er, dass Rassismus dort keinen Platz hat, dass immer wieder das Recht des israelischen Volkes unterstrichen wird, in Frieden und Sicherheit innerhalb eines eigenen (international anerkannten) Staates zu leben, und dass es regelmäßige Kontakte gibt zu israelischen Friedensorganisationen wie Gush Shalom, deren Arbeit und Mut größten Respekt verdienen. In diesem Comité gibt es im übrigen Menschen ganz verschiedener Nationalitäten und politischer Sensibilitäten!
In Zeiten, in denen Populismus und Polemik seitens der Mächtigen dieser Welt Hochkonjunktur haben und überall an niedrige Instinkte appelliert wird, wo Dennis Hastert, zu Besuch in Luxemburg, aus dem Blauen heraus behauptet, der Irak besäße Al Quaida-Trainingslager, um den Weg für einen US-Krieg zu ebnen, wo Putin immer wieder vom Kampf gegen den internationalen Terrorismus redet, um seinen mörderischen Krieg gegen das tschetschenische Volk zu verhüllen, wo Sharon im palästinensischen Widerstand überall das Werk von Al Quaida sehen möchte um von seiner brutalen Unterdrückung abzulenken, brauchen wir dringend eine andere Form von Medienbeiträgen .
Wenn ich lese vom „totalitären“ Arafat, der „mit seinem widerlichen Terrorkrieg und seinen fanatisierten Selbstmörder-Mördern sich der Welt als einziges Sprachrohr des „palästinensischen Volkes“ präsentiert“, so erinnert mich diese Wortlawine, in ihrer Undifferenziertheit, an die Aussagen eines israelischen Armeesprechers . Einfach zu behaupten, Arafat steuere die Kamikaze-Attentate, so wie die Sharon-Propaganda dies gebetsmühlenartig tut, ohne irgendwelche Fakten zu bringen, spricht nicht für die Ernsthaftigkeit eines Beitrages.
Ja, Arafat mag totalitär gewesen sein, vor allem in der Zeit nach Oslo, als er versuchte, die Ungeduld der Bevölkerung unter Kontrolle zu halten, während die israelische Siedlungspolitik hemmungslos weiterging und die Lebensbedingungen der Palästinenser sich täglich verschlechterten. Aber auch er wurde, genau wie Sharon, demokratisch gewählt.
Doch es gibt andere Stimmen aus dem palästinensischen Volk, die mich persönlich auch mehr interessieren: Der Dorfbewohner, den fanatische Siedler daran hindern, seine Oliven zu ernten; die Mutter, die ihr Kind verlor, weil es einem Panzer zu nahe kam;die Studenten, die kaum noch zur Schule können, weil wochenlang Ausgangssperre herrscht; die junge Frau, die an der Straßensperre gebären musste; die Familien, deren Häuser gesprengt wurden; die Bewohner des Flüchtlingslagers, die um ihr Brot bangen, weil die israelische Armee ein UNO-Lebensmittellager in die Luft jagte …
Das alles sind Menschen, die seit vielen Generationen auf diesem Land gelebt haben. Und wenn auch Herr Clesse uns belehrt, dass es einen palästinensischen Staat in der Geschichte nie gegeben hat, so verdienen sie trotzdem elementare Menschenrechte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Frieden.

Claude Grégoire, Mitglied des „Comité pour une paix juste au Proche-Orient“


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