RUMÄNIEN: „Was ist denn Casa Alba?“

Neptun, die alte Sommerfrische des Ceauçescu-Regimes, erfindet sich neu – als mondänes Luxus-Ressort.

Disco mal anders: An der rumänischen Schwarzmeerküste werden noch immer Hammer und Sichel geschwungen.
(Foto: Tobias Müller)

Die Amüsiermeile der Mächte der Finsternis? Dictator’s paradise? Nein, hier kann es nicht gewesen sein. Niedrige, lang gezogene Gebäude und kleine Ladenzeilen folgen der Straße, die sich entlang der kurzen rumänischen Riviera windet, dazu blinzeln die Fenster von Fastfoodbuden und Schnellrestaurants unaufgeregt in die Sonne. Ein helles Blau schimmert durch die Zweige eines verwildert anmutenden Parks, durch den eine Großfamilie gemächlich zum nahen Strand zieht. Gemäß der Herrenmode dieses Sommers hat der Vater sein T-Shirt aufgerollt und zeigt unbekümmert seine Wampe. Die Hitze der Hochsaison hat sich über die Straßen und Häuser gelegt, kaum ein Lüftchen regt sich. Eine Möwe zieht über den teilsanierten Bowling & Billard-Kasten im stilechten hell- und dunkelgrau-Kontrast von damals. Doch noch während das westliche Auge, einem alten Reflex folgend, seine mitgebrachten Vorurteile mit der Ästhetik vor Ort abgleicht, bleibt es an der Reklame auf der Glastür hängen: „Garne – The Now Drink“.

Die Zeit bleibt nicht stehen in Neptun, früher Urlaubsort der rumänischen KP und noch heute Sommerresidenz hoher Politiker. Auch wenn der verschlafene Ortseingang wie ein freundlich-skurriles Freiluftmuseum wirkt und die Hotels älteren Datums in schläfriger Umarmung mit dem Zahn der Zeit dahin dämmern.

Auch wenn auf der dem Meer abgewandten Seite ein weitläufiges, kulissenartiges Bazargelände „gähnend leer“ neu definiert und die Fahrgeschäfte der großen Urlaubskirmes wie eine bunte Fassade wirken. Karusselle und Riesenräder stehen still, ebenso ein Autoscooter mit dem Namen „American Dream“ unter grellen Stars ’n‘ Stripes. Der Soundtrack zur Mittagsflaute stammt von den verwaisten Fressbuden. Schmieriger Manele-Gesang, flankiert von Bass und Billigbeats. „So wird das nichts“, hört man den Tourismus-Marketingexperten sagen. Und siehe da – wenige Hundert Meter weiter zeigt sich ein anderes Bild. Im Zentrum hat sich die Musik im international gängigen Bereich eingependelt, stilvolle Sitzmöbel zieren die schattigen Balkone ansprechender Lounges, Boutiquen versuchen kosmopolitisches Flair zu vermitteln, und mittendrin liegt die mondän terrassierte Anlage der „Café-Bar Efendi“, wo elegant gekleidete Urlauber sich dem Mittagstee hingeben.

Die alte Ost- Symmetrie, im Park nebenan in Beton gegossen, fällt kaum noch ins Auge, und in bereitwilliger Selbstironie wird die jüngere politische Vergangenheit zum kommerziellen Faktor: „Hello? Want to party tonight?“ schleicht sich das Plakat über einem Einkaufszentrum an, und zieht umgehend die folgende Trumpfkarte: „Kremlin Club, this summerºs sensation!“ Was schon außer roten Sternen, Hammer und Sichel könnte den Eingang zu einer von Neptuns größten Discos zieren? Mugadiz‘ Arbeitsalltag dagegen besteht aus anderen Symbolen. Dollar, Pfund, Euro, Franken, Kronen – die Kürzel der internationalen Leitwährungen weisen auf die winzige Wechselstube hin, in der die 20jährige aus Cobadin im Küstenhinterland den Sommer verbringt. Mugadiz ist zuversichtlich, dass ihre Zielgruppe schon noch kommt, auch wenn zu Beginn der Hochsaison ausschließlich rumänisch gesprochen wird in Neptun. Immerhin versucht sich gerade das Vorzeigehotel schräg gegenüber, schlicht nach dem Ort benannt, als internationaler Messeort in Szene zu setzen.

Ein schmaler, bewaldeter Streifen entlang einem Süßwassersee bildet das Nadelöhr zwischen Ort und Strand. Der kurze Spaziergang gleicht an diesem Sonntag einer volkstümlich – hedonistischen Prozession mit Strandlaken und Gummitieren als Devotionalien. Ein Schaulaufen der Schwimmringe, aus Plastik oder auf zwei Beinen, zu den Klängen einheimischer Schlager. Eine Ahnung macht sich breit, was weiter unten zu erwarten ist. Doch Neptun weiß erneut zu überraschen: Am Ende des Weges liegt ein guter Kilometer Strand, der nach allen Regeln der Kunst auf mondän getrimmt ist. Hier ist es, wo sich die ehemalige KP-Sommerfrische neu erfunden hat: Die zahlreichen Bars, die in den letzten Jahren entstanden sind, lassen das Freiluftmuseum weit weg erscheinen. Ein zweigeschossiger, blauweiß glitzernder Cocktailtempel, der aussieht wie der Showroom eines Autohauses, dahinter riesige Werbeplakate. Klimatisierte Boutiquen bieten Strandmode feil. Gegenüber von Medizinstation und Apotheke stehen Quadbikes im geharkten und besprenkelten Sand, durch die Luft kreuzen die bunten Riesenwasserrutschen mehrerer Aquaparks. Aufdringliche Reklamespots der lokalen Gastronomieszene aus den Lautsprechern unterbrechen das cluborientierte Musikprogramm einiger privater Radiosender. Für das sichere Gefühl beim Flanieren sorgen regelmäßige Polizeipatrouillen, und die, die gerade nicht auf Streife sind, sitzen vor einer langen Reihe aus rumänischen und EU- Fahnen. Nur die Toilettenfrauen sind Roma. Was bleibt ihnen auch sonst hier, wo ein Glas Orangensaft drei Euro kostet? Die 22jährige Cristina lacht hinter ihrer Fruchtpresse. Zum zweiten Mal arbeitet sie den Sommer über hier, und das schicke Ambiente gefällt ihr. „Ich komme gerne nach Neptun, ich finde es schön hier“.

Wie die meisten der jungen Saisonkräfte kennen auch Doria und Adriana aus Bukarest, die seit Juni in der Strandapotheke beschäftigt sind, nichts als die heutige, soapopera-kompatible Variante Neptuns. Von der Geschichte des Orts, von seiner Funktion als Sommerresidenz der Politprominenz haben sie noch nie gehört. Und was, bitteschön, ist Casa Alba? Wem gehörte der grauweiße Gebäudekomplex, der sich weiter hinten, auf einem abgetrennten Strandabschnitt, in den Küstenwaldstreifen schmiegt? Große Augen, Schulterzucken. Egal, ob der vormalige Inhaber Ceauçescu, oder der heutige, Rumäniens aktueller Präsident Traian Basescu: Das neue Neptun ist zu sexy für alte, mächtige Männer in privaten Villenkomplexen. Ihre Rolle hier wird nicht einmal mehr negiert, nur ignoriert. Eben wie das bizarre Anwesen hinter dem menschenleeren Strand, auf dem sich eine Möwenkolonie dauerhaft eingerichtet zu haben scheint. Blauweiße Liegestuhlbezüge unter grünen Sonnenschirmen. Der Versuch, sich die zittrigblassen Körper des Diktatorenehepaars darauf vor zu stellen, sorgt für ein kurzes Schaudern in der Hitze des frühen Nachmittags, während im Hintergrund der graue Wachturm mit den drei gespenstischen Fenstern den Blick auf den Strand richtet. Hier jedoch schert sich niemand um die saisonalen Belange der alten und neuen Herrscher des Landes, bewacht von einem finster schauenden Soldaten. Umringt von einer Armada aus Schwimmflügeln und Luftmatratzen, Jetski und Bananenbooten, tummeln sich die Badegäste wie jedes Wochenende sorglos planschend im flachen Wasser des Schwarzen Meers.

Worauf Neptun trotz proppenvoller Strände sichtbar keinen Wert legt, ist ein Image als Ost-Ballermann, mit dem einige bulgarische Ressorts weiter südlich sich auf dem Markt platziert haben. Bademeister Cornel, 29, seit Jahren im Dienst von Dimci Baywatch, hat die Entwicklung verfolgt: „Neptun war schon immer ein reicher Ort. Natürlich kommen auch junge Leute, aber sie müssen sich das erst mal leisten können.“ Inzwischen, so Cornel, trieben Investoren aus ganz Rumänien die touristische Entwicklung voran. Die Preise sind bereits in den Jahren vor dem EU-Beitritt stark angestiegen. Damit richtet man sich zusehends auf internationale Zielgruppen. Cornel berichtet von Skandinaviern, Deutschen, und den Nouveaux Riches aus Weißrussland und Russland. „Allerdings ziehen die richtig Reichen nun weiter.“ Wenige Kilometer nördlich von Neptun hat sich der alte Badeort Mamaia zur neuen Schickeria-Hochburg gemausert. Bei so viel Veränderung kann schon ein 31jähriger mal sentimental werden: Fabian, Verkäufer in einer Strandboutique, ist den Rummel sichtlich satt: „Früher“, setzt er an, „war Neptun sehr schön.“ Ein Grinsen geht über sein Gesicht. „Nur ein paar alte Männer, Politiker und ihre ausländischen Gäste.“

Mehr Infos: www.rumaenien-tourismus.de


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