STAHLFUSION: Mittarcelor

Feindliche Übernahme hin, kapitalistische Logik her – die Perspektive einer Verschmelzung der beiden größten Stahlkonzerne hat Luxemburg kalt erwischt, dabei war sie vorhersehbar.

Kein Zweifel: Eine Übernahme des derzeit profitabelsten Stahlkonzerns Arcelor durch den, in Tonnen gemessenen, umsatzstärksten Stahlriesen Mittal ist keine gute Nachricht für all jene, die bei Arcelor oder Mittal ihr Brot verdienen. Eine Milliarde Euro Synergieeffekte – sprich Einsparpotential – verspricht sich der Führer des Mittal-Familienclans, dessen Holding pikanterweise in Luxemburg eingetragen ist.

Synergien will heißen: Da wo bislang zwei Leute bei Arcelor und zwei bei Mittal beschäftigt waren, kann das gleiche Auftragsvolumen auch von nur mehr drei MitarbeiterInnen erledigt werden. Das war auch schon wahr, als aus Arbed, Usinor und Aceralia die Arcelor entstand. In Luxemburg lief die damalige Fusion vergleichsweise glimpflich ab, nicht so in den Schwesterunternehmen unserer Nachbarländer. Wer erinnert sich nicht an die Demonstrationen vor dem Arcelor-Hauptsitz in Luxemburg, die beim verdutzten Publikum kaum Verständnis hervorriefen, und von den nationalen Gewerkschaftern als Stahlarbeitern unwürdig betitelt wurden.

Aber so groß die Aufregung bei der Belegschaft und ihren Vertretern diesmal auch sein mag, für den Übernahmepoker, den Lakshmi Mittal Ende letzter Woche eröffnet hat, ist sie letztendlich wenig bedeutsam. Das Einzige was zählt, sind die Interessen der Arcelor-Anteilseigner: Ist der Deal aus finanzieller Sicht langfristig interessant, wird sich das Gros der unbekannten „shareholder“ bezirzen lassen oder ihre Anteile aufgrund der Kursgewinne des Arcelor-Titels gewinnbringend abstoßen.

Jetzt rächt sich, was seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zur politischen Doktrin geworden ist: Die Nationalstaaten haben sich nach und nach aus den großen Konzernen zurückgezogen. Sie haben das in einem Maße getan, dass Wörter wie „Sperrminorität“ bis auf wenige Ausnahmen aus dem Vokabular der Wirtschaftsexperten gestrichen werden konnten.

Eine solche Ausnahme ist der niedersächsische Salzgitter-Konzern, den sich ein gewisser Lakshmi Mittal schon im vergangenen Jahr unter den Nagel reißen wollte. Die Tatsache, dass das Land Niedersachsen über eine Sperrminorität verfügt, ließ die Übernahme allerdings platzen.

Innerhalb weniger Stunden ist Arcelor vergangenen Freitag zum sozialsten und umweltfreundlichsten aller Betriebe mutiert. Es soll dort eine Konzernkultur geben, die unvereinbar wäre mit jener des „Familienbetriebs“ Mittal. Während noch vor einigen Tagen wesentliche Bestandteile des Luxemburger Sozialmodells vom Patronat als wenig förderlich für die Exportindustrie gebrandmarkt wurden, sind automatische Lohnanpassung, Arbeitnehmermitbestimmung, ausgedehnte Betriebsrentenprogramme und ähnliches zu Wesensmerkmalen eines Konzerns geworden, der andernorts nicht minder aggressiv auftritt als Mittal das jetzt in Europa getan hat.

Der von der Arcelor-Führung betriebene Diskurs von Qualität versus Quantität, von Parfüm versus Duftwasser, dürfte bei den Anteilseignern ins Leere laufen. Gerade wegen der Komplementarität der beiden Konzerne werden dem Deal kartellrechtlich wenig Bedenken entgegengebracht.

Auch das angeblich fehlende wirtschaftliche Konzept hinter dem Mittal-Angebot, welches die Regierungschefs aus Luxemburg, Paris und Brüssel bemängeln, wird nicht verhindern, dass die Anlageberater weltweit zum Rechenschieber greifen und für ihre Kunden vor allem eines durchrechnen werden: Wie lässt sich der größte Reibach machen.

Der Konzentrationsprozess geht unweigerlich weiter. Wer sich daran stört, sollte sich nicht über den Global-Player Mittal aufregen, sondern dafür sorgen, dass endlich Instrumente zur politischen Kontrolle einer menschengerechten Globalisierung bereitgestellt werden.


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