STROMLIBERALISIERUNG: Grün im Angebot

Wer umweltbewusst Strom kaufen will, hat die Qual der Wahl. Die Anbieter von grünem Strom setzen unterschiedliche Akzente, und manche Offerten verdienen die Bezeichnung öko nur bedingt.

Neue Windmühlen braucht das Land. Ökostrom zu kaufen, macht vor allem Sinn, wenn es zur Errichtung zusätzlicher Solar- oder Windenergieanlagen führt.
(Foto: Constant Seiwerath)

„Change“, so lautet die Botschaft auf der Website von Greenpeace Luxemburg. Verändern soll sich die Produktionsweise von Elektrizität, und zu diesem Zweck sollen möglichst viele Haushalte auf Ökostrom umsteigen. Bereits 2003 hatte die Umweltorganisation eine „Stromwechsel“-Kampagne lanciert, die unter anderem dazu aufforderte, auf „Nova Naturstroum“ umzusteigen. Dieses erste Ökostromangebot war von der Cegedel gemacht worden – in Zusammenarbeit mit … „Greenpeace energy“. „Nova“ wird auch jetzt noch offeriert – und mit Einschränkungen weiterhin von Greenpeace empfohlen.

Von Anfang an war die Bewertung des „Nova“-Stroms umstritten, wohl auch, weil manchen UmweltschützerInnen dieses Joint Venture wie ein Pakt mit dem Teufel erschien. KritikerInnen bemängelten, dass der Cegedel-Standardstrom weiterhin einen hohen Atom- und Kohleanteil enthalte, und dass sogar beim Ökostrom ein Teil aus der Kogeneration stamme, also nicht aus erneuerbarer Energie sei. Greenpeace Luxemburg betonte, es gebe keine Verbindung zwischen der großherzoglichen NGO und dem von Greenpeace Deutschland ins Leben gerufenen Energieanbieter. Nichtsdestotrotz verteidigte die Organisation das Nova-Angebot: es sei das einzige am Markt und die Kogeneration helfe dabei, den Strom „zeitgleich“ einzuspeisen. Nach einer eingehenden Prüfung des Angebotes stufte auch die zweite große Umwelt-NGO, der Mouvement écologique, den Nova-Strom als eingeschränkt empfehlenswert ein.

Von Anfang an war die Bewertung des „Nova“-Stroms umstritten, weil manchen UmweltschützerInnen dieses Joint Venture wie ein Pakt mit dem Teufel erschien.

Mittlerweile basiert der Strommix zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien, größtenteils Wasserkraft, und wird immer noch „zeitgleich“ eingespeist, das heißt, die Ökostromproduktion reicht auch für die Verbrauchsspitzen. Greenpeace energy garantiert, dass laufend Neuanlagen hinzu kommen, und die Cegedel zahlt ihrerseits zwei Cent pro Kilowattstunde in einen Investitionsfonds für luxemburgische Projekte ein. Geblieben ist, dass Cegedel alles andere als ein reiner Ökostromanbieter ist. Daran ändert auch der neue, „luxstroum“ getaufte Standard-Strommix für Haushalte nichts, der als 100 Prozent „Made in Luxemburg“ und atomstromfrei beworben wird. Zum einen enthält er einen hohen Anteil Elektrizität aus der umstrittenen Twinerg-Gasturbine. Zum anderen dürfte der an Firmenkunden gelieferte Strom den Ökoanteil verloren haben, der den Haushalten angeboten wird – der von Cegedel eingekaufte Gesamt-Strommix ist also kaum grüner geworden.

„Ich persönlich hätte nie Nova-Strom genommen, weil ich mit der Cegedel-Politik nicht einverstanden bin.“ Paul Kauten ist Direktor des „Energipark Réiden“, und seit kurzem Administrateur-délégué der Firma Eida – dem ersten hundertprozentigen Ökostromanbieter in Luxemburg. Mit der Öffnung des Strommarktes vergangenen Juli bietet die Firma landesweit einen Strommix mit einem hohen Anteil an Windkraft – die allerdings in den Niederlanden erzeugt wird. Von zeitgleicher Einspeisung hält Kauten nicht viel: „Das spielt keine Rolle, so lange die Nachfrage nach Ökostrom niedriger ist, als das, was sowieso produziert wird.“ Neben den Investitionen in Neuanlagen legt Eida großen Wert auf das Energiesparen. 0,2 Cent pro Kilowattstunde fließen in einen Fonds, mit dem Stromsparprojekte finanziert werden. Die Firma gehört zu gleichen Teilen dem niederländischen Partner Anode und dem „Energipark Réiden“. Letzterer wiederum ist im Besitz von über hundert an Ökostrom interessierten Privataktionären.

Wer die Umweltszene kennt, kann den Eindruck bekommen, dass dem Mouvement écologique nahestehende Kreise mit Eida-Strom ein Gegenangebot zum Nova-Strom lanciert haben. Damit die Konkurrenz nicht in eine Schlammschlacht zwischen „Mouvement“- und „Greenpeace“-Strom ausartet, haben die beiden NGOs, gemeinsam mit Eurosolar, Kriterien zur Bewertung von Luxemburger Ökostromangeboten ausgearbeitet (siehe Links S. 12). Die online einzusehende Greenpeace-Bewertung der Produkte stuft anhand dieser Kriterien sowohl den Eida- als auch den Nova-Strom als „gut“ ein. Allerdings wird nur die Politik der Firma Eida positiv bewertet, der Cegedel-Politik fehle die Kohärenz. Dass die Cegedel bei der diesjährigen Ökofoire nicht vertreten ist, liegt aber nicht an dieser Bewertung. Laut Informationen der woxx lehnte der Mouvement écologique nur die Cegedel-Energieberatung als nicht ökologisch genug ab, worauf die Firma gänzlich auf eine Präsenz verzichtete.

Die von der Stadt Luxemburg gegründete Dienstleistungsfirma Leo, die unter anderem Strom verkauft, hält nur für Firmenkunden ein reines Ökoangebot bereit. Die Stadt verfolge aber eine umweltbewusste Politik in Sachen Energieverbrauch, so die Energieschöffin Anne Brasseur (DP). Sie erwähnt die Wärmenetze und die Sparmaßnahmen in Gemeindegebäuden. „Beim Strom kommen wir auf zwei Drittel grünen Strom, wenn wir den Ökostromanteil ganz auf die Haushaltskunden umlegen.“ Ziel der Stadt sei es, nicht nur ein paar engagierte Kunden mit Ökostrom zu beliefern, sondern einen möglichst umweltfreundlichen Mix für alle zur Verfügung zu stellen. Allerdings ist dieser Mix zurzeit nicht atomstromfrei, die Stadt greift, ähnlich wie die Cegedel, auf einen Rechentrick zurück.

Um eine Schlammschlacht zwischen „Mouvement“- und „Greenpeace“-Strom zu verhindern, wurden gemeinsame Kriterien zur Bewertung von Ökostromangeboten ausgearbeitet.

In Esch, wo der Grüne Felix Braz seit 2000 Energieschöffe ist, scheint man ein Stückchen weiter zu sein. Der alle KundInnen einbegreifende Mix ist frei von Atom- und Kohlestrom, hat aber einen anderen Schönheitsfehler: Der Strom stammt zu fast drei Vierteln aus der Twinerg-Gasturbine, die einen relativ niedrigen Wirkungsgrad hat und deren Wärme zurzeit ungenügend genutzt wird. „Wir wissen, dass dieser Mix nicht optimal ist“, gibt Ady Emering, Gérant der gemeindeeigenen Firma Sudstroum, zu. Man wolle schrittweise vorgehen, um Preiserhöhungen zu vermeiden. „Es bringt nichts, wenn der Strom grüner wird, wir aber Kunden verlieren.“

Keine Kunden zu verlieren ist auch die große Sorge der Firma Electris. Sie ist im Besitz des Verteilungsnetzes im Raum Mersch und offeriert „Switch Blue“, Strom zu 100 Prozent aus Luxemburger Wasserkraftwerken. Zwar habe man schon einige Kunden, insbesondere die Gemeinde Mersch, doch die Umstellung auf den offenen Markt sei eine große Herausforderung für eine kleine Firma. „Der Aufschlag auf den Ökostrom deckt gerade mal die Mehrkosten, da fällt eigentlich nichts ab für Neuinvestitionen“, erklärt Jeannot Schweich, Angestellter von Electris. Dennoch habe man vor, kleine Wasserkraftwerke an der Alzette in Betrieb zu nehmen, und plane sogar an einem Windpark.

Auf den ersten Blick scheint das Nova-Naturstroum-Angebot nahezu unschlagbar: Ökostrom, noch dazu zeitgleich eingespeist, mit einer umfassenden Verpflichtung zu Investitionen in neue Anlagen. Einziger Haken: Die Lieferung erfolgt durch die Cegedel. Zwar baut die ehemalige Monopolistin, anders als EDF, keine neuen Nuklearanlagen, doch ihr „normaler“ Strommix ist nicht atomfrei. Auch bei den Investitionen fährt die Firma zweigleisig und setzt neben erneuerbaren auf fossile Energiequellen. Wer nicht nur den Strommix im Auge hat, wird den Eida-Strom vorziehen, denn diese Firma handelt nur mit grüner Elektrizität, auch wenn sie sich nicht auf zeitgleiche Einspeisung festlegt. Allerdings handelt es sich um eine Gesellschaft in Privatbesitz. Das ist bei den formal ausgelagerten Elektrizitätswerken der Städte Luxemburg und Esch anders, die indirekt einer öffentlichen Kontrolle unterliegen. Beide offerieren zurzeit noch keinen reinen Ökostrom für HaushaltskundInnen. Doch ihr offensiv vertretener Ansatz, ein höherer Ökoanteil für alle sei besser als 100 Prozent für ein paar Wenige, hat einiges für sich – vorausgesetzt es gelingt ihnen, einen wirklich grünen Standard-Strommix für Haushalte und Firmen auf die Beine zu stellen. Schließlich sollte man die Angebote von Electris im Auge behalten. Unklar ist, wie weit Electris beim Standardstrom in Richtung erneuerbare Energien gehen wird – als privatrechtliche Struktur könnte sie versuchen, das erste flächendeckend integrierte Angebot von grünem Strom zu offerieren – vom Wasserrad über das Leitungsnetz bis zur Steckdose.


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