SINN UND UNSINN: Energiewende dank Ökostrom?

Der Kauf von grünem Strom sollte mehr bewirken als nur das eigene Gewissen zu beruhigen. Die Frage ist, wo man ansetzen kann, um eine Wende in der Energiepolitik herbeizuführen.

Gibt es grüne Elektronen? Nein, sagen sowohl EnergieexpertInnen als auch AtomphysikerInnen. Letztere kennen zwar unter anderem grüne Quarks – die Elementarteilchen, aus denen Protonen und Neutronen zusammengesetzt sind. Doch im Teilchen-Zoo werden Elektronen der Klasse der Leptonen zugerechnet – und sind damit unteilbar und farblos.

EnergieexpertInnen verneinen die Existenz grüner Elektronen ebenfalls, auch wenn das „grün“ für sie eine andere Bedeutung hat. Beim Elektronenfluss, der Glühbirnen leuchten und Computer summen lässt, lässt sich nicht feststellen, ob die gerade benutzte elektrische Energie aus erneuerbaren oder fossilen Quellen stammt. Wer am national und international verflochtenen Stromnetz hängt, hat keine direkte Kontrolle darüber, woher die einzelne Kilowattstunde kommt. Doch daraus zu schließen, dass „das mit dem Ökostrom alles Quatsch“ sei, wäre vorschnell.

Von grünem Strom zu reden macht Sinn, weil sich sowohl der Endverbrauch als auch die Herstellung des Stroms erfassen lässt – auch wenn die Verbindung zwischen beidem im Dunkeln liegt. Jeder Kilowattstunde an verbrauchtem Ökostrom entspricht eine auf umweltverträgliche Art hergestellte Kilowattstunde – was sich dank eines europaweiten Kennzeichnungs- und Zertifizierungssystems im Prinzip kontrollieren lässt. Die NGO Greenpeace Luxemburg vergleicht auf ihrer Homepage die Gesamtmenge an Strom mit einem See, der aus verschiedenen Quellen gespeist wird: „Wenn Sie grünen Strom geliefert bekommen, wird die von Ihnen verbrauchte Menge dem See aus erneuerbaren Quellen zugeführt und nicht mehr aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Je größer der Anteil an erneuerbaren Energien ist, umso weniger wird auf klima- und umweltschädliche Mittel zur Speisung des Sees zurückgegriffen.“

Obwohl der Anteil von Ökostrom an der Gesamtproduktion in Europa noch immer bescheiden ist, bleibt die Nachfrage nach ausgewiesenem grünen Strom bislang weitaus niedriger.

Der Wunsch, sich und seine Familie ganz aus der zerstörerischen Energiewirtschaft auszuklinken, und „mit reinem Gewissen“ Licht und Strom zu nutzen, lässt sich auf diese Weise nicht wirklich realisieren. Die einzige Alternative zu der abstrakten „Grün von grün geht auf“-Rechnung wäre ein eigenständiger Stromkreislauf, integral aus der Solaranlage auf dem Hausdach, dem Windrad im Garten und der Hackschnitzelanlage in der Garage gespeist. Diese puristische, aber aufwändige und unbequeme Lösung dürfte für die wenigsten Haushalte in Frage kommen.

Doch die Idee, mehr grünen Strom aus dem „See“ zu kaufen, damit mehr Ökostrom eingespeist wird, krankt nicht nur daran, dass sie auf einer abstrakten Überlegung beruht, sondern funktioniert zurzeit überhaupt nicht. Denn obwohl der Anteil von Ökostrom an der Gesamtproduktion in Europa noch immer bescheiden ist, bleibt die Nachfrage nach ausgewiesenem grünen Strom bislang weitaus niedriger. Mit anderen Worten: Ökostromanbieter, die sich darauf beschränken, Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu offerieren, verkaufen ihren KundInnen für teures Geld eine Sonderleistung, die gar nichts Besonderes ist.

Damit ist der Traum der Achtzigerjahre ausgeträumt. Damals gab es eine starke Mobilisierung gegen Atomkraftwerke und zugunsten alternativer Energien. Es schien, als seien Staat und Monopole das einzige Hindernis auf dem Weg in eine neue Energiewirtschaft. Doch die von vielen UmweltaktivistInnen begrüßte Öffnung des deutschen Strommarkts 1999 führte keineswegs zu einem Rush auf grüne Angebote, sondern stärkte die Marktposition der Konzerne auf Kosten der Stadtwerke. Die bescheidene Nachfrage nach grünem Strom reichte nicht, um die Konzerne zu einem Neubau alternativer Kraftwerke zu zwingen.

Hinzu kommt, dass Stromanbieter tricksen können, um ihren Mix grüner erscheinen zu lassen, als er ist. So gibt es mittlerweile einen florierenden Handel mit Zertifikaten, insbesondere innerhalb des Renewable Energy Certificate Systems (RECS). Solche Zertifikate werden für die Herstellung von Ökostrom ausgestellt und können dann unabhängig vom Strom weiterverkauft werden – was zu absurden Situationen führt. Die österreichische NGO Global 2000 gibt folgendes Beispiel: „Ein Stromversorger kauft bei der tschechischen CEZ Atomstrom aus Temelin ein und bei einem schwedischen Stromproduzenten für diese Menge Strom billige Wasserkraftzertifikate dazu. Ohne aber tatsächlich Strom von diesem Hersteller beziehen zu müssen. Seinen Kunden kann er dann ganz legal weismachen, sie mit sauberem Wasserkraftstrom zu beliefern. Die Kunden glauben, sauberen Strom zu beziehen, obwohl sie über ihre Stromrechung den Betrieb von Temelin finanzieren!“ Laut Global 2000 stammen solche Zertifikate aus Ländern, in denen Wasserkraftproduzenten sie nicht benötigen, weil eine EU-konforme Stromkennzeichnung fehlt. Wirklich „grün“ sind also nur Ökostromangebote, die klare Angaben darüber machen, wo die gelieferten Strommengen gekauft wurden.

Interessant sind Ökostromangebote, die eine „zeitgleiche“ Einspeisung garantieren: Der verbrauchte grüne Strom wird zu dem Zeitpunkt umweltschonend erzeugt, wo er verbraucht wird, auch
in Spitzenstunden.

Ein weiterer Trick besteht darin, dass die als grün verrechnete Strommenge zu einem anderen Zeitpunkt erzeugt wird, als sie verbraucht wird. So deckt zum Beispiel der jährliche Ertrag eines Windrades den Strombedarf von mehreren hundert Haushalten. Doch der Verbrauch schwankt mit den Tageszeiten, wohingegen die Leistung der Windkraftanlage von den Wetterbedingungen abhängt. Das bedeutet, dass in den Spitzenverbrauchsstunden in der Regel kein 100-prozentiger Ökostrom geliefert wird, sondern fossil befeuerte Anlagen zugeschaltet werden müssen. KritikerInnen der erneuerbaren Energien haben diesen Umstand immer wieder benutzt, um zu schließen, man könne auf fossile Träger nicht verzichten und die Energiewende sei ein Hirngespinst. In diesem Sinne sind Ökostromangebote interessant, die eine „zeitgleiche“ Einspeisung garantieren: Der verbrauchte grüne Strom wird zu dem Zeitpunkt umweltschonend erzeugt, wo er verbraucht wird, auch in Spitzenstunden. Das ist nicht nur puristischer als die „mengengleiche“ Einspeisung, sondern stärkt die Glaubwürdigkeit alternativer Stromerzeugungsszenarien.

Doch auch der Verbrauch von zeitgleich eingespeistem Strom führt nicht dazu, dass Atom- und Kohlekraftwerke durch Wind- und Solaranlagen ersetzt werden, solange die Nachfrage sich auf niedrigem Niveau bewegt. Die BefürworterInnen der erneuerbaren Energien haben deshalb von Anfang an auf andere Mechanismen gesetzt. Statt die Auswirkungen einer erhöhten Nachfrage nach grünem Strom abzuwarten, soll der Verkauf von Ökostrom direkt dabei helfen, die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Ende der Neunziger war in Deutschland das Aufpreismodell sehr verbreitet: Ohne wirklich den Stromlieferanten zu wechseln, konnte man einen mehr oder weniger grünen Mix beziehen und bekam vor allem garantiert, dass vom Aufpreis der Bau umweltverträglicher Kraftwerke finanziert wurde. Mittlerweile ist dank EU-Direktiven der Wechsel leichter geworden, und das Modell hat an Attraktivität verloren. Wie viel ein Ökostromanbieter in den Bau von Neuanlagen investiert, ist aber weiterhin ein wichtiges Kriterium zur Bewertung der Offerten.

Wenn es nur darum geht, die Produktion von Ökostrom zu fördern, dann könnte man eigentlich auf die freie Wahl des Stromlieferanten verzichten und einfach nur den grünen Stromproduzenten hohe Einspeisetarife garantieren. Das jedenfalls ist die These, die Christiane Marty, Mitglied des Conseil scientifique von Attac Frankreich, in einem polemischen Beitrag der Attac-Zeitung aufstellte. Im Vorfeld der Marktöffnung in Frankreich brandmarkte sie die Ökostromangebote als Täuschung der VerbraucherInnen und als überflüssig, weil die finanzielle Unterstützung durch die Einspeisetarife ausreiche. Doch über diese plausible These hinaus griff sie auch das altbackene Argument der AnhängerInnen der fossilen Energie auf, grünen Strom gebe es nicht, weil er sich nicht vom anderen unterscheiden lasse.

Dass sich die französische Linke mit Umweltthemen schwer tut, ist nicht neu. Die Gewerkschaft CGT zum Beispiel führt soziale und umweltpolitische Gründe gegen Marktöffnung und Privatisierung von EDF an, der Ausbau der Atomkraft gehört aber in ihren Augen zu einer verantwortlichen öffentlichen Energiepolitik. Martys Beitrag hat eine Debatte ausgelöst, bei der sich vor allem AnhängerInnen des alternativen Ökostromanbieters Enercoop zu Wort gemeldet haben. Sie warnen davor, im Namen des Gemeinwohls den ehemaligen Monopolisten EDF zu glorifizieren. In einem Punkt sei er mit Christiane Marty einverstanden, schreibt zum Beispiel der Direktor von Enercoop Patrick Behm: Eigentlich dürfe es seine Firma gar nicht geben. „In einer idealen Welt, wo das öffentliche Stromunternehmen die kollektiven Bedürfnisse perfekt befriedigen würde, wo die Energiewende bereits umgesetzt werde (…), da wäre in der Tat Enercoop überflüssig.“ Doch leider, so Behm, sei ein öffentliches Monopol keine ausreichende Garantie für eine gute Energiepolitik, wie die extrem zentralisierte und auf Atomkraft fixierte Produktionsweise von EDF zeige. Man dürfe nicht den gesamten Privatsektor verteufeln, denn es gebe Strukturen wie seine, die Bürger statt Profitinteressen vertrete.

Dass Marktöffnung und Ökostromangebote nicht der Weisheit letzter Schluss sind, um die Energiewende herbeizuführen, darüber scheint Einigkeit zu herrschen. Uneinig ist man sich, an welchem Punkt, sich die fossile Energiewirtschaft aus den Angeln heben lässt: bei der Nachfrage nach Ökostrom, beim Investitionsvolumen in erneuerbare Energie, oder bei den Rahmenbedingungen, die der Stromwirtschaft von den EU-Direktiven gesetzt werden?

Greenpeace-Vergleich: www.electricite-verte.lu
Global 2000: www.global2000.at/pages/tstrom_stromkennzeichnung.htm
Attac-F Energieseiten: www.local.attac.org/marchew


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