FILMKRITIK: Ohne Gegenmittel

Regisseur Juan Carlos Fresnadillo hat mit „28 weeks later“ eine Highspeed-Zombieorgie gedreht – und in dem ganzen Spektakel die Story vergessen.

Es ist vielleicht der furioseste Filmstart, seit wir mit Steven Spielberg bei Omaha Beach aus dem Landungsboot gehüpft sind, um uns wahlweise von der schweren Ausrüstung gurgelnd in die Tiefen des Atlantik reißen oder von deutschen MG-Schützen durchlöchern zu lassen.

Juan Carlos Fresnadillo, Regisseur von „28 Weeks Later“, schickt uns eine Meute Zombies, die in ein verbarrikadiertes Haus einfallen und dort ein Schlachtfest veranstalten, das die Kamera ins Trudeln bringt. Bilder, wie mit der Linse eines Mobiltelefons gefilmt, das ein panisch Fliehender in seiner Hand festkrallt. Eigentlich sehen wir nicht, sondern hören nur den ohrenbetäubenden Lärm der rasenden Mordlust, die die Eindringlinge erfüllt. Schnitt.

Sechs Monate später. Das Virus, das die Menschen in England befallen hat und mit der Infektion schlagartig zu Killermaschinen macht, scheint besiegt. Nato-Truppen haben die Kontrolle übernommen, der Wiederaufbau beginnt. Aufatmen ist angesagt, die Stunde der Skeptiker scheint vorbei – doch für alle Fälle hat die Armeeführung natürlich einen Alternativplan vorgesehen – „Code Red“.

Hatte Danny Boyle mit „28 Days Later“ einen Streifen produziert, der mit ruhigen Passagen und subtileren Elementen zum Nachdenken, etwa über den Zerfall sozialer Normen angesichts einer umfassenden Bedrohung, einlädt, so präsentiert uns Fresnadillo mit der Fortsetzung einen ebenso gnadenlosen wie beklemmenden Schocker, der vom Gefühl absoluter Hoffnungslosigkeit geprägt ist.

„28 Weeks Later“ – aufatmen scheint angesagt, doch für alle Fälle hat die Armeeführung einen Alternativplan vorgesehen – „Code Red“.

Fresnadillo spitzt dabei das Genre des Zombie-Films weiter zu. Das wird schon im eingangs beschriebenen Rückblick auf die ersten Tage der Epidemie deutlich. In Romeros „Dawn of the Dead“ waren die Bedrohten noch in einer Shopping-Mall verbunkert und so mit sämtlichen Wundern der Warenwelt ausgestattet. In Fresnadillos klaustrophobischer Einstiegssequenz gibt es nur mehr Nudeln mit Tomatensoße für die Eingeschlossenen, und zwar seit Jahrzehnten, wie es scheint. Dank der trostlosen Stimmung, die dort herrscht, gibt man den Verbarrikadierten ohnehin nur noch wenige Tage, ehe sie selbst übereinander herfallen. Doch dieses Geschäft nehmen ihnen die Infizierten ab.

Auch der Friedhof, als Geburtsstätte der Zombies einst Quell des Bösen, symbolisiert hier bloß noch die traurige Reminiszenz aus einer vergangenen Zivilisation, die ihre Toten noch zu beerdigen wusste. In „28 Weeks Later“ verrotten die Menschen in ihren Wohnungen, werden zerrissen und zermalmt, verbrannt oder zerfetzt. Fresnadillos Film bearbeitet den menschlichen Körper mit einer Erbarmungslosigkeit, die dem Zuschauer noch die letzte Hoffnung raubt. Während Filme wie Lucio Fulcis „Ein Zombie hing am Glockenseil“ noch die Kritik an der Bigotterie des Christentums unterstrichen und damit in gewissem Sinne getreu der Formel „es rettet euch kein höhres Wesen“ die Forderung erneuerten, es endlich selbst zu tun, stellt Fresnadillo die Überlegung in den Raum, ob es womöglich angesichts all der Barbarei gar keine Rettung mehr gibt.

Verschiedentlich wurde der Film, der sich keinerlei tagespolitischen Deutung aufdrängt, von Kritikern dahingehend interpretiert, er sei als Anklage der westlichen Politik im Irak zu verstehen. Mit dem selben Recht könnte man ihn auch als Anprangerung der Taten all jener an ihrer Religion irre Gewordenen verstehen, deren „Heilsversprechen“ sich in den zerfetzten Leibern zahlloser Menschen manifestiert.

Ein guter Film ist „28 Weeks Later“ nicht. Er funktioniert vor allem auf der ästhetischen Ebene. Fresnadillo lotet an manchen Stellen die Grenzen der filmischen Darstellung von Drastik neu aus, bedient sich bisweilen einer symbolischen Bildsprache, die Raum für alle möglichen Interpretationen lässt. Das jedoch reicht nicht aus, um den Film zu tragen. Die Story selbst ist überaus mager, was man, sich vor dem Dauerbombardement der Schockeffekte in den Kinosessel duckend, erst nach einer Weile merkt. Allein dieser Umstand dürfte für eingefleischte Fans des Genres natürlich Grund genug sein, sich den Streifen anzusehen.

28 Weeks Later, im Utopia.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.