WOXX VORPREMIERE: „Die Linke dient heute nur noch als Karikatur“

Mit Fatih Akin sprach die Woxx über seinen preisgekrönten Film „Auf der anderen Seite“, die Bedeutung von Bildungsträgern, das Ende der Linken und über deutsches Bauchgefühl.

Woxx: Sie wurden in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Der Film ist in drei Episoden untergliedert, mit dem Kuss der beiden lesbischen Darstellerinnen in der Mitte. Dadurch entsteht auch eine recht mechanische Drehbuchkonstruktion. Welche Funktion hat diese Gliederung?

Fatih Akin: Sie ist da, damit der Zuschauer sich orientieren kann. Diese Gliederung gab es im Drehbuch nicht und ich hatte den Film mit meinem Cutter ursprünglich so geschnitten, wie es das Drehbuch vorsah. Als wir mittendrin feststellten, dass es so nicht funktioniert, haben wir es verändert, weil der Zuschauer ohne eine „mechanische Konstruktion“ – wie Sie es genannt haben – eher überfordert ist.


Ihre Filme gelten als Schauspielerfilme: Die Entwicklung der Charaktere steht im Mittelpunkt. Inwiefern haben Sie sich an den Persönlichkeiten der Darsteller inspiriert?

Ich schaue den Schauspielern eigentlich viel zu, anstatt sie zu etwas zu zwingen. Ich biete ihnen immer recht viel Freiraum – sofern sie ihr Ego und ihre Eitelkeit im Griff haben. Darsteller, bei denen das nicht der Fall ist, muss man eher lenken. In der Vergangenheit hatte ich öfters mit solchen Leuten zu tun. Die Schauspieler jedoch, mit denen ich jetzt gearbeitet habe, waren sehr kollegial und haben sehr gut mit gearbeitet. Eigentlich hätten sie auch einen Drehbuchtitel mitverdient.


Im Film spielt unter anderem ein Buchladen eine große Rolle, Goethe wird zitiert, ein Buch von Selim Öcalan wird erwähnt. Welche Rolle spielt Bildung bei diesem Wechselspiel der Kulturen?

Es ist eigentlich die versteckte zentrale Botschaft des Films, dass Bildung global gesehen lebensrettend sein kann: Es gibt viele Konflikte, weil nicht genügend qualitative Bildung vorhanden ist und dieses Defizit mahne ich persönlich an. Deshalb sind auch die Helden von «Auf der anderen Seite» Bildungsträger. Etwa der türkische Germanistikprofessor oder die politische Aktivistin, die am Ende aus dem Gefängnis entlassen wird und ihre ganzen Bücher an Mithäftlinge verschenkt.

Im Film wird Goethe zitiert mit „Ich bin gegen Revolutionen, denn es geht genau so viel Bewährtes, Altes kaputt wie Neues geschaffen wird“ und „Wer wollte schon eine Rose im tiefsten Winter blühen sehn, alles hat doch seine Zeit: Blätter, Knospen und Blüten – nur der Tor giert nach diesem unzeitgemäßen Rausch“. Werden damit die linken Aktivistinnen im Film konterkariert? Versteckt sich dahinter auch ihre persönliche Auffassung?

Ich war sehr überrascht über dieses Zitat von Goethe, denn ich hatte eher ein revolutionäres Bild von ihm. Im Film mochte ich die situationsbedingte Ironie: Denn als der Germanistikprofessor das Goethe-Zitat bei seiner Vorlesung vorträgt, verpasst die junge linke Aktivistin die Botschaft, da sie im Hörsaal schläft. Auch hätte sie es nicht verstanden, da sie kein Deutsch kann. Vielleicht teile ich diese Aussage von Goethe. Zumindest empfinde ich die Zitate als Diskussionspunkte, die man in den Raum stellen sollte. Der Titel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Cicero lautet „Das Ende der Linken“. Zu sehen ist Che Guevara mit kapitalistischem T-Shirt. Das trifft sich zeitlich gut, weil es sich mit bestimmten Beobachtungen deckt, die auch in meinen Film eingeflossen sind: dass die Linke heutzutage leider nur noch als Karikatur dient.

Kann man das so verallgemeinern? Es spielt ja eine Rolle, wo und mit welchen Mitteln man welchen Zweck verfolgt – auch als Linke?

Bestimmte Mechanismen, ob das nun politisch links oder rechts ist,  sind gleich. Vor allem, wenn es um Gewaltanwendung geht. Ursprünglich ist die Linke angetreten, um die Arbeiterrechte zu verteidigen. Aber die Linke, ob das Maoismus oder Leninismus ist, hat leider keinen Bestand. Gerade in den Ländern, wo sie herkommt. China etwa, ist nur noch auf dem Papier eine kommunistische Regierung, hier herrscht ja eher der Turbokapitalismus. Wenn man sich China als Linker ansieht, entdeckt man die Ironie oder den Trugschluss dahinter: Das wollte ich auch in meinem Film erwähnen.

Würden Sie sich nicht mehr als Linker bezeichnen?

Doch. Aber, das hat nichts mit dem aktuellen Trend zu tun. Links sein, rechts sein – es gibt in der Politik stets gewisse Mauern, Linien und Kämpfe, und meine Arbeit steht eigentlich immer ein Stück weit dafür, dass Grenzen überschritten werden. Hinter der Politik steht die Philosophie und das finde ich eigentlich viel interessanter. Politik alleine ist einfach so begrenzt.

In „Auf der anderen Seite“ thematisieren Sie auch eine lesbische Liebe. Inwiefern ist das Thema in der Türkei noch immer ein Tabu?

Es ist in der Türkei kein Tabu, das nicht im Kino oder in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Wenn man meinen Film in einem türkischen Kontext sieht – schließlich hat der Film einen türkischen Koproduzenten – dann reiht er sich Film in die Tradition des aktuellen türkischen Kinos ein, in dem Sexualität sehr wohl ein Gegenstand der Erzählung ist. Natürlich haben wir noch nicht den abgeklärten, befreiten Umgang damit, wie das in Deutschland der Fall ist. Dennoch kann man sich offiziell zu seiner Neigung bekennen.

Die türkische Aktivistin kritisiert die EU als kolonialistischen Länderverbund, dem die Türkei nicht beitreten sollte. Entspricht das auch ihrer Ansicht zum EU-Beitritt der Türkei?

Nein. Das ist eine Stellungnahme, die ich an vielen Stammtischen und Diskussionsrunden mit Freunden beobachtet habe. Ich persönlich stehe irgendwo zwischen dieser Ansicht und der Auffassung von der Mutter, die den Beitritt der Türkei als politisch heilsam begrüßt. Nur manchmal, wenn ich schlechte Laune habe, dann verfalle ich in einen ähnlichen Jargon wie die Aktivistin.

In Ihrem vorherigen Film „Gegen die Wand“ ging es unter anderem um einen Generationenkonflikt, die türkische Elterngeneration, die in der Türkei sozialisiert wurde wohingegen die eigenen Kinder in Deutschland aufwachsen. Inwiefern spielt dieser Aspekt hier noch eine Rolle?

Der Wunsch war diesmal da, auch diesen Generationenkonflikt in ein universelles Licht zu rücken. Denn solche Konflikte finden in jeder Gesellschaft statt, in Luxemburg genauso wie in Deutschland oder der Türkei. Es liegt in der Natur des Menschen, nach Weisheit und Wahrheit zu streben. Als Evolutionsmerkmal vielleicht, um Altbewährtes abzustreifen und Dinge zu verbessern. Der Generationenkonflikt ist erzählenswert, dramatisch und wie gerufen für einen Kinofilm.

Im Vorfeld Ihres Filmes „Auf der anderen Seite“ meinten Sie, dass es diesmal eine viel deutschere Geschichte wird?

Wenn man jetzt die Filme als Kritiker vergleicht und analysiert, dann merkt man, dass mein früherer Film „Gegen die Wand“ eher ein Bauchfilm ist. „Auf der anderen Seite“ ist dagegen eher ein Kopffilm. In Deutschland haben wir nach wie vor den Ruf – auch wenn es sich gerade verändert – zu kopflastig zu sein: Das neudeutsche Kino der siebziger Jahre erfüllte dieses Klischee wie etwa Filme von Fassbinder oder Wenders. „Auf der anderen Seite“ ist ein Stück weit postmodern, indem der Film die Erzählweise des neuen deutschen Kinos zumindest zitiert – mehr noch als „Gegen die Wand“ oder meine Filmprojekte davor.

Finden Sie, dass derzeit das deutsche Bauchgefühl zurückkehrt?

Ja. Es ist sogar mehr als nur ein Bauchgefühl und geht eher unter die Gürtellinie. Zumindest wenn man einen Querschnitt durchs Fernsehen macht und sieht, wie dem Zuschauer hier Dummheit, schlechter Geschmack und die billigste Form von Vergnügen geboten wird. In der Taz stand heute ein Artikel zur OECD-Bildungsstudie „Deutschland macht sich dümmer“. Die Hochkultur, die Deutschland einst darstellte, verfällt immer mehr. Wir als Intellektuelle haben auch die Verantwortung, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen und Netzwerke zu schaffen.


In Ihrem neuen Film geben vor allem Frauen etwas auf: Yeter die Prostituion, Lotte ihr bisheriges Leben, Ayter ihren bewaffneten Widerstand, die Mutter eine gewisse Einstellung. Muss man Dinge aufgeben, um auf die andere Seite zu kommen?

Vielleicht. Der Film hat wenig Botschaften. Eine Botschaft ist die bereits erwähnte Bildungsbotschaft, ansonsten beobachtet er eher. Er war auch nicht als gesellschaftskritischer Film angedacht. Durch die Art, wie wir gefilmt haben – eher distanziert, wenig manipulativ, mit wenig Musik – ist der Zuschauer aufgefordert, sich selbst ein Bild von den Geschehnissen zu machen. Und jetzt diese große philosophische Frage zu beantworten, ob man etwas aufgeben muss, um auf die andere Seite zu kommen? Ich weiß es nicht. Aber der Film ist Ausdruck von dem, was ich fühle, nicht von dem, was ich weiß. Jetzt widerspreche ich mir selbst, weil ich vorhin meinte, es sei eher ein Kopffilm.


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