SPUTNIK: Begleiter der Fifties

Mit der Zeitmaschine zurück zum 4. Oktober 1957: Eine Metallkugel von 84 Kilo wurde vor fünfzig Jahren zum Tagesgespräch in der Luxemburger Presse.

„Romantische Seelen, die am Samstag ihr Rundfunkgerät zum Nachrichtendienst einschalteten, konnten falls sie nachlässig hinhörten, annehmen, das Zirpen einer Grille zu vernehmen. Nun, es handelte sich nicht darum: Vielmehr handelte es sich um die Tonbandaufnahme der von den Abhördiensten aufgefangenen Signale des ersten künstlichen Satelliten, der seit Freitag die Erde umkreist und eine neue Epoche einleitet, welche die sensationellsten Zukunftsromane über Weltraumfahrten und Eroberung des Alls wahrmachen wird.“ So schrieb das „tageblatt“ am Montag, den 7. Oktober, dem ersten Erscheinungstag der Printpresse nach dem Start des Sputnik.

Die neue Epoche hatte sich bereits seit dem Zweiten Weltkrieg angekündigt. Aber dass der erste „künstliche Mond“ von der Sowjetunion in den Weltraum geschickt würde, damit hatte im Westen niemand gerechnet. Die kommunistische „Zeitung vum Letzebuerger Vollek“ behauptete: „Die ganze Welt hielt den Atem an, als die Moskauer TASS-Agentur in der Nacht von Freitag auf Samstag diese Nachricht bekannt gab.“

In der Tat bedeutete die mehrwöchige Weltraumreise des Sputnik mitten im Kalten Krieg eine verlorene Schlacht für die USA. Das „tageblatt“ betonte zwar, Politik und Forschung in den USA hätten auf die Nachricht vom „Baby Moon“ mit „leichter Enttäuschung über ihre eigene Verspätung, aber mit echt sportlicher Fairness“ reagiert. Doch das „Wort“ berichtete schon montags, dass in den USA jetzt politische und technische Fehlentscheidungen bezüglich des eigenen Raketenforschungsprogramms kritisiert würden. Fallende Aktienkurse an der New Yorker Börse brachten zum Ausdruck, dass der Sputnik den Glauben an die technische Überlegenheit der USA ins Wanken brachte.

Weltbewegend
Darüber hinaus verwies der Flug in schwindelerregende Höhen auf eine zumindest theoretische Alternative zum Kalten Krieg. „Die Funkzeichen des Satelliten wurden in allen Ländern der Erde deutlich empfangen,“ meldete das „Luxemburger Wort“ montags. Der deutsche Wissenschaftler Heinz Gartmann schrieb ein Jahr später in „Künstliche Satelliten“: „Betrachten wir einen Atlas, eine Erdkarte oder einen Globus, so orientieren wir uns stets von dem Punkte aus, an dem wir uns gerade befinden, von Europa, von der Sowjetunion, von den USA aus; jetzt, von den künstlichen Satelliten als Betrachter in den Weltraum versetzt, sehen wir die Erde auf einmal als Planeten. Wir haben die Grenzzone zwischen Atmosphäre und Raum im Geiste überschritten und damit einen neuen Standpunkt gewonnen.“ Der gesellschaftliche Effekt war enorm – und völlig überraschend für die Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft.
Gesteigert werden sollte die Euphorie in der Bevölkerung durch den bereits im Oktober angekündigten Plan der Sowjets, bald auch einen „behundeten“ Satelliten zu starten. Zum Beispiel Frits Hulskes, der als 11-Jähriger den Sputnik-Schock in den Niederlanden erlebte, berichtet im Gespräch mit der woxx: „Ich stamme aus einem sozialdemokratischen Milieu und hatte eine starke Aversion gegen die Russen. Der Start des Sputnik stellte die amerikanische Überlegenheit auf technischer Ebene nicht in Frage, er war für mich nur eine Blechkiste. Aber der Hund im Weltall, das war das, was mich am meisten begeisterte.“ Zu sehen bekam er die „Blechkiste“ allerdings gar nicht. Man suchte zwar den abendlichen Himmel ab, doch war der Satellit lediglich in manchen Gegenden mit bloßem Auge zu erkennen. Nur wer sich in den Zeitungen informierte oder zu dieser Zeit bereits einen Fernseher hatte, konnte sich eine genauere Vorstellung vom Sputnik machen.

Trotzdem: Das weltweit gemeinsame Erleben eines solchen technischen Fortschritts war wohl mit der früheste Ausdruck einer Globalisierung, die in den fortschrittsgläubigen Fünfzigerjahren durchaus Anlass zu Euphorie gab. Die Ankündigung eines interplanetarischen Zeitalters, in dem Mondflüge und Marsmissionen an der Tagesordnung sein würden, führte zumindest einen Moment lang zu einem mentalen Zusammenrücken. Der Traum, internationale Politik und Wirtschaft könnten eines Tages durch friedliche Zusammenarbeit bestimmt sein, konnte noch geträumt werden, eine Weltregierung, wie sie sich durch die Schaffung der Vereinten Nationen anzukündigen schien, schien noch denkbar.

Sputnik statt Schuhe
Solche Tendenzen liefen den Absichten der Protagonisten des Kalten Krieges völlig zuwider. In Luxemburg brachte der „Sieg“ der Sowjetunion im Wettkampf um den ersten Satellitenstart die Presse denn auch in eine heikle Position. So schrieb das „Wort“ schon am 12. Oktober: „An früheren Erfindungen bescheideneren Ausmaßes freute sich die Menschheit. Der ‚Sputnik’ (Satellit) aber zeugt Schrecken. […] Das Bangen wegen der atomaren Kräfte spannt sich bis zur Zerreißprobe.“ Derweil griff das „tageblatt“ die These auf, das kommunistische Regime erweise sich als „unfähig, der Bevölkerung anständige Schuhe zu liefern, weil der Bau von Flugzeugen – oder Elektrizitäts- und Atomzentralen und Raketen – für das Regime unendlich viel wichtiger ist als die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse der Bevölkerung.“

Doch im „Letzeburger Land“ meinte Léon Kinsch, der „Gewinn Russlands an politischem Prestige“ sei „erheblich, besonders bei den unterentwickelten Völkern Asiens und Afrikas“. Und einige Seiten weiter schrieb „Spectator“: „Es ist Moskau gelungen, in einer Welt, die für politische Sauberkeit wenig übrig hat, die peinlichen Folgen der Ungarnintervention zu verwischen, ebenso wie die in zeitlichen Abständen vorgenommenen Säuberungen innerhalb des Obersten Sowjet.“

Weitreichende Wirkung
Selbst auf das Luxemburger Tagesgeschehen hatte der „rote Mond“ Einfluss. Carlo Hemmer bilanzierte am 25.10. im „Land“, der „Schatten des Erdsatelliten“ sei „sogar bis in die luxemburgischen Wahlkabinen“ gefallen. Denn der Start des Sputnik fiel nicht nur zusammen mit dem 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, sondern auch mit der heißen Phase des Luxemburger Gemeindewahlkampfs. Besonders nach dem ungarischen Aufstand im Jahr zuvor war eigentlich erwartet worden, die Kommunistische Partei werde eine Schlappe einstecken. Nun aber sonnte sich die KPL in diesem, wie die „Zeitung“ festhielt, „Ereignis von welthistorischer Bedeutung“.

Bis zum Wahltag am 13. Oktober erschienen fast jeden Tag Berichte und Kommentare über die Bedeutung des Sputnik. Und man erkühnte sich bereits in den ersten Kommentaren: „Dieser jüngste Erfolg der sozialistischen Wissenschaft und Technik, dem weitere, noch größere folgen werden, ist uns luxemburgischen Kommunisten, wie den Kommunisten aller Länder, ein neuer Beweis, dass unsere Lehre, unsere Theorien, und unsere Ziele richtig sind.“ Das schien auch die Wählerschaft zu glauben: Die KPL konnte ihren Stimmenanteil halten.

Auch sonst kam der Sputnik in Luxemburg gut an: So schrieb bereits 1957, lange vor Coronet und Astra, Edouard Seidel die Theaterkomödie „De Sputnik 5“, über den improvisierten Bau eines Luxemburger Satelliten.

Der Sputnik löste sicher keine komplette Infragestellung des amerikanischen Systems aus, wie sie sich die KPL wünschte. Und doch markierte er auch in Luxemburg den Anfang vom Ende der Nachkriegs-Begeisterung für die USA. Lucien Blau schreibt in „Américanisme et Anti-américanisme dans les années 50“:
„[…] bien que musique, films, way of life américains passionnèrent encore et toujours la jeunesse luxembourgeoise, l’image positive du grand frère américain commença sensiblement à se fissurer. L’engagement des Etats-Unis au Vietnam ne fut plus vécu comme une guerre reposant sur les mêmes valeurs que celle de 1940-1945 et l’anti-américanisme ne se réduisit plus cette fois-ci au seul PCL et à ses compagnons de route.“


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