INDUSTRIEDENKMAL: Aus Alt wird Neu

Das Potenzial leer stehender Industriegebäude wird oft verkannt. Häufig wartet auf sie nur noch die Abrissbirne – dabei könnte ein aktiver Denkmalschutz auch ihre Umnutzung beinhalten.

Grafik auf der Milschflasche:
Gerade die ehemalige Molkerei
Cellula in Bettemburg ist
ein gelungenes Beispiel
für eine Umnutzung.

Beinahe täglich werden in Luxemburg alte Fabrikgebäude, technische Anlagen, Lagerhäuser, Leitungsstraßen, Maschinen, Häuser aus Arbeitersiedlungen oder historische Verkehrswege dem Erdboden gleichgemacht. Unwiederbringliche Zeugen der indus-
triellen Vergangenheit verschwinden für immer. Dem viel beschworenen Ensembleschutz wird per Salamitaktik die Glaubwürdigkeit entzogen. Man denke nur an die Demontage der Hochofenanlage in Esch Belval, an die Sprengung der Kühltürme in Differdingen, an die anstehende Zerstörung des Kinos Marivaux in Luxemburg-Stadt, um nur die öffentlich diskutierten Beispiele zu nennen.

Dies ist schade, da gerade das Industriedenkmal, das im Spannungsfeld von Technik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kunst- und Architekturgeschichte sowie Produktgestaltung zu sehen ist, zur Erkenntnis der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Landes beiträgt. Auch ist die Auseinandersetzung mit bestehenden Gebäuden längst nicht mehr nur eine reine Frage der Denkmal- oder Stadtbilderhaltung, sondern ökonomische wie ökologische Notwendigkeit zugleich: In einer Zeit, in der sich die Flächennutzungsmöglichkeiten verkleinern, verschärft sich das Gebot, auf vorhandene Bausubstanz zurückzugreifen, statt weitere Grünflächen zu zerstören. Umbau- und Sanierungsmaßnahmen werden in naher Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.

Dass es jedoch auch künftig in Luxemburg kaum eine Lobby für Denkmäler geben wird, hat die Stoßrichtung des Gesetzesprojektes 4715 „concernant la conservation et la protection des sites et monuments nationaux“, das sich zur Zeit noch beim Staatsrat befindet, gezeigt: Statt für mehr öffentliche Transparenz in Bezug auf Klassifizierungsanträge, Gutachten und Entscheidungen zu sorgen, sowie die Partizipation von Gemeinden, Berufsakteuren und der Zivilgesellschaft zu garantieren, wurden gravierende Schwachstellen der Denkmalschutzpolitik nicht behoben – im Gegenteil: Eine Schutzphase für ein Monument soll erst mit dem Vorliegen eines „arrêté grand-ducal“ rechtskräftig werden, was zwischenzeitlich jedem Bauherrn erlaubt, alles Schützenswerte zu zerstören. Dagegen wäre gerade bei Industriedenkmälern ein unbürokratischer Klassifizierungsvorgang wichtig, da die Gebäudekomplexe wie im Falle der Schmelz sich oft auf großen Arealen befinden, die – falls die Anlage nicht verseucht ist – allzu gerne als Spekulationsobjekte genutzt werden. Zudem wird der Wert von Industrierelikten oft ausschließlich an deren Funktionalität statt an deren historischer Bedeutung bemessen – nach dem Motto, eine Maschine, die nicht mehr produziert, gehört zum Schrotthändler. Ein weiterer Punkt, der im neuen Gesetzesprojekt des Kulturministeriums von Nachteil im Sinne eines engagierten Denkmalschutzes ist, ist der Aspekt, dass das Initiativrecht der Bürger beschnitten werden soll, insofern als demnächst zehn Prozent der Unterschriften der Gemeindeeinwohner für einen Klassifizierungsantrag erforderlich sind.

Bisher hat es das Kulturministerium außerdem versäumt, für mehr Transparenz zu sorgen. Etwa, indem eine öffentlich zugängliche Datenbank ins Netz gestellt wird, die über getätigte Schutzanträge informiert und eine Übersicht bereits geschützter Objekte bietet. Will man sich über den Bestand der Luxemburger Industriegeschichte kundig machen, ist man zum Teil auf Privatinitiativen angewiesen, etwa auf die seit 2004 bestehende Internetseite (industrie.lu) des von Industriekultur begeisterten Informatikers Jean-Marie Ottelés: Hier wird ein recht breites Spektrum an landesweiten Industriekomplexen von der Schmelz bis hin zu Metall und Textil verarbeitenden Betrieben, Gießereien und Dampfmaschinen aufgelistet und eingeordnet. „Es erscheint mir wichtig, Industriebestände auf einer ständig aktualisierten Datenbank zu veröffentlichen, um Interessenten über die Vielfalt an Industriekultur auf dem Laufenden zu halten“, sagt Ottelé.

Gerade Industriedenkmäler bergen ein ungeheures Potenzial: Nicht nur im Ausland findet man gelungene Beispiele, etwa die Umnutzung der frühen „Bankside Power Station“ in London zum Kunstmuseum „Tate Modern“. Auch hierzulande dokumentieren einige Projekte, dass Denkmalschutz – falls ein kompletter Erhalt nicht möglich ist – auch originelle Lösungen in einer Umnutzung von Industriebrachen und -gebäuden finden kann. Einige Anlagen sind in einer faszinierenden Einheit von technischer Funktion und architektonischer Ästhetik erhalten geblieben – dank des Engagements von Staat und Kommunen, aber auch von Einzelpersonen und Bürgerinitiativen. Man denke nur an die ehemalige Téitenger Schuhfabrik oder an das einstige Escher Schlachthaus, die zum Kulturzentrum mit Galerie, teils mit Konzerträumen oder Restauration, umgebaut wurden. Oder an den Düdelinger Wasserturm auf dem neuen CNA-Areal, der demnächst als musealer Raum für die Steichen-Ausstellung „The Bitter Years“ genutzt werden soll.

Ein anderes Beispiel ist die alte Bettemburger Molkerei Celula, die zum multifunktionellen Wohn- und Arbeitszentrum umgebaut wurde. Mindestens zwanzig Jahre stand das Gebäude leer. Der Fonds de logement wollte es abreißen, um Platz für Neubauten zu schaffen. Dies konnte jedoch verhindert werden. Heute besitzt die Celula, das erste Loftprojekt in Luxemburg, bestehend aus einem eleganten Hauptgebäude aus den Dreißigerjahren, funktionsorientierten Nebengebäuden aus den Vierzigern, Fünfzigern und Sechzigern, sowie einem begrünten Innenhof dort, wo sich einst der asphaltierte Rangierplatz für die Milchlieferer befand, einen einzigartigen Charme. In den Wohnungen zeugen nach wie vor Elemente wie Kacheln, Transformatoren oder Schalter von der industriellen Vergangenheit der Gemäuer.

Leider wird in Luxemburg heute noch lieber zur Abrissbirne gegriffen, als dass der – letztlich auch ökonomische – Wert dieser einzigartigen Anlagen erkannt wird. So gibt es einige Gebäude, die, in ihrem ursprünglichen Zustand nicht mehr gebraucht, Raum bieten könnten für neue Nutzungen, sei es zur Unterbringung von Kleinbetrieben, Archiven und Bibliotheken, Künstlerateliers, Wohnungen oder von Kongresszentren. Kreative Ideen und ungewöhnliche Konzepte sind dabei ebenso gefordert wie ein angemessener Umgang mit historisch wertvoller Substanz, der im Idealfall zudem das Erkennen von funktionalen Zusammenhängen garantiert.

Auch in der Öffentlichkeit fehlt es nach wie vor an Sensibilität für diese Themen. Dennoch gibt es erste Ansätze in diese Richtung: So organisierte der Mouvement Ecologique „Regionaler Süden“ kürzlich unter dem Motto „Industriedenkmäler in Szene gesetzt“ einen informativen Rundgang, um Beispiele revalorisierter Indus-triegebäude vorzustellen. Auch die „Fondation de l’architecture“ plant im nächsten Jahr eine bestehende Ausstellung der Wüstenrot Stiftung mit dem Titel „Umbau im Bestand“ nach Luxemburg zu holen, in der – um lokale Beispiele ergänzt – hauptsächlich zweckentfremdete Bauten in Deutschland vorgestellt werden.

Neben diesen vereinzelten Initiativen mangelt es jedoch weiterhin an begleitenden Forschungen zu den Themen Industriekultur, Denkmalschutz und Umnutzung. Und nicht zuletzt: an einer klaren Positionierung des Kulturministeriums im Sinne des Denkmalschutzes.


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