WICKRANGE SHOPPING CENTER: Reckingen gegen den Rest der Welt

Grüner Gürtel zwischen Hauptstadt und Süden? Reckingen an der Mess setzt entgegen den landes-planerischen Vorgaben auf Kommerz um das kommunale Dienstleistungsangebot ausbauen zu können.

„Um in ein Einkaufszentrum zu gelangen verzichtet ja nicht einmal die Frau des grünsten aller grünen Politiker auf ihr Auto.“ Als der Bürgermeis-ter aus Reckingen an der Mess am Montag der vergangenen Woche im rammelvollen Kulturzentrum „Pëtzenhaus“ den Reigen der Redner anführte, um über das geplante „Wickrange Shopping Center“ zu informieren, polemisierte er nach Kräften. Als Vorsteher einer der höchstverschuldeten Gemeinden des Landes benannte Raymond Sinnen auch seine Feinde unverblümt: Die Umweltschützer, die Nachbargemeinden im Süden und Innenminister Jean-Marie Halsdorf.

Letzterer hatte sich öffentlich über die Entscheidung seines Partei- und Ministerkollegen Fernand Boden beklagt, dem vom Unternehmer Guy Rollinger und der belgischen Investitionsfirma „ING Real Estate“ vorgelegten Plan eines Einkaufszentrums zuzustimmen.

Gegenüber der woxx bestätigt Halsdorf noch einmal seine Auffassung, wonach das auf dem Rollinger-Gelände in Wickringen geplante Einkaufszentrum mit landesplanerischen Grundprinzipien unvereinbar sei: „Der ?Plan directeur‘ von 2001 sieht eindeutig vor, dass das visierte Areal einer anderen Bestimmung zugewiesen werden soll. Laut Plan ist eine ?zone verte interurbaine‘ vorgesehen, gelegen zwischen den wirtschaftlichen Zentren Luxemburg-Stadt und dem Süden. Außerdem hat sich die Regierung dem Prinzip des Modalsplit 25/75 bis 2020 verschrieben, das ist mit einem allein auf Individualverkehr ausgerichtetem Projekt unvereinbar.“

Anfang Oktober hatte der Reckinger Gemeinderat dem Projekt seine Zustimmung erteilt: Am östlichsten Zipfel der als ländlich eingestuften Gemeinde sollen auf zwei Ebenen 22.971 Quadratmeter Einkaufsfläche entstehen. „Das Zentrum wird 1.200 Arbeitsplätze schaffen, und um das erwartete Kundenaufkommen zu bewältigen, entstehen unter- und oberirdisch insgesamt 2.200 Parkplätze“, erläuterte in seiner Einführung der Unternehmensberater Carlo Schneider, der für Rollinger und ING die PR-Arbeit macht. Er sieht sich als Frontmann, der den Widerstand gegen das Einkaufszentrum eloquent auffängt und dabei auch schon Mal „faule Eier“ erdulden muss.

Vier Stunden lang Einkaufen

Glaubt man den Thesen des ehemaligen RTL-Journalisten, handelt es sich bei dem Vorhaben des belgisch-luxemburgischen Promotorenteams um ein geradezu ökologisch angehauchtes Projekt. Zum einen lebten im Einzugsbereich des Zentrums rund sechzig Prozent der EinwohnerInnen Luxemburgs und man zähle nicht weniger als sieben Bahnhöfe in fünf bis neun Kilometern Entfernung. Berücksichtige man zudem die Tatsache, dass der Standort des Zentrums nur einen Steinwurf von der Autobahn Luxemburg-Esch entfernt liege, sei der Landesplanung also Rechnung getragen.

Schneider skizzierte auch den besonderen Charakter des Zentrums, das ähnlichen Anlagen der ING Real Estate in Belgien nachempfunden ist. Demnach sollen eher mittelgroße und kleinere Geschäfte in der Shopping-Mall angesiedelt werden. Anders als bei bestehenden Zentren in Luxemburg wird kein großer Supermarkt als Zugpferd fungieren. „In unserem Zentrum sollen die Leute nicht mit großen Einkaufswagen herumrennen“, erläutert Schneider. Vielmehr werden die BesucherInnen zum verweilen animiert – im statistischen Mittel sollen sie drei bis vier Stunden herumschlendern und sich in aller Ruhe das Angebot betrachten.

Dass ein Bedarf für ein solches Konzept bestehe, daran zweifeln die Promotoren nicht: Bereits über 200 Bewerbungen sollen vorliegen, auch von Geschäftsleuten aus den Südgemeinden, deren Dachverband sich ausdrücklich gegen das neue Einkaufszentrum ausgesprochen hatte.

Die Promotoren wie auch der Reckinger Gemeinderat sind sich in ihrer Analyse eins: Die Inkompatibilität mit dem Integrierten Verkehrs- und Landesplanungskonzept (IVL), das 2004 aufgelegt wurde, sei nicht erwiesen. Bürgermeister Sinnen hält das IVL im derzeitigen Zustand für unbrauchbar, weil es zum Missbrauch verleitet: Befürworter wie Gegner könnten sich reichlich aus dem doch sehr theoretisch ausgelegten Text bedienen.

Die Anfeindungen der anderen Südgemeinden schmettert die Gemeindeführung aus Reckingen ebenfalls ab. Dass ausgerechnet das Syndikat Pro-Sud, das zwölf Südgemeinden umfasst, gegen das Wickringer Einkaufszentrum zu Felde zieht, sieht Sinnen als Schlag ins Gesicht seiner Gemeinde: „Wir hatten schon bevor Pro-Sud überhaupt entstanden ist einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt – und warten bis heute auf eine Antwort.“ Diese Funkstille könne nur eines bedeuten: „Reckingen gehört nicht zum Süden.“ Deshalb könne das Argument, wonach das Zentrum nicht mit der „von langer Hand geplanten Entwicklung der Südregion als Einkaufszentrum, in Zusammenarbeit mit der lokalen Geschäftswelt“ übereinstimmt – so ein Pro-Sud-Kommuniqué – nicht gelten.

Und auch die Bedenken der hauptstädtischen Geschäftswelt lassen die Reckinger Gemeindeoberen kalt. Eingepfercht zwischen zwei wirtschaftlich expandierenden Zentren wollen sie die Rolle einer reinen Landgemeinde nicht übernehmen: „Wir haben ein Recht darauf, uns auch einmal etwas leisten zu können.“ Der Kleine der sich gegen die Großen wehren muss – Bürgermeister Sinnen erntet in dieser Rolle Beifall bei seinen Gemeindemitgliedern.

Geldmangel macht erfinderisch

Er trifft damit auch die Achillesferse des IVL und darf – gewollt oder ungewollt – mit dem Zuspruch des Erzfeindes Mouvement Ecologique rechnen. Denn die Grundidee des IVL, wonach Aktivitätszentren nur nach nationalen Gesichtspunkten ausgerichtet sein sollen und demnach einzelne Gemeinden leer ausgehen, klappt nur, wenn die eher ländlich eingestuften Gemeinden einen Ausgleich erwarten dürfen. Solange die Finanzierung der Gemeinden stark an die wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb der Gemeindegrenzen gebunden ist, ist deren Bestreben möglichst viele Betriebe anzusiedeln ein natürlicher Reflex.

Die Nationalregierung trägt zudem selber dazu bei, diesen Druck noch zu verstärken, indem sie den Gemeinden immer weitere, kostspielige Aufgaben, wie etwa die Tagesbetreuung der Kinder oder die „Education précoce“, fast gänzlich ohne finanziellen Ausgleich aufbürdet. Francis Hengen, der als Meco-Mitglied die Entwicklung der Südregion genauer verfolgt, bedauert, dass Gemeinden wie Reckingen im Regen stehen gelassen werden.

Dennoch kann er der Argumentation der Befürworter des Einkaufszentrums kaum etwas abgewinnen. „Die schönen Bilder und die Pers-pektive, endlich wieder in der eigenen Gemeinde einkaufen zu können, sie wiegen wenig gegen das erhöhte Verkehrsaufkommen, das entstehen wird. Zu behaupten, das Projekt trage dem öffentlichen Verkehr Rechnung, weil es in mehreren Kilometern Entfernung sieben Bahnhöfe gibt, ist ein echter Witz, denn wer rennt schon stundenlang mit prallen Einkaufstüten über eine Landstraße zum nächstgelegen Bahnhof“, meint Francis Hengen, der genau wie der Innenminister den allein auf den Individualtransport ausgerichteten Charakter des Projektes kritisiert: „Wenn die Klimadebatte ernst genommen wird, dann muss alles getan werden, um den CO2-Ausstoß zu begrenzen – hier wird das Gegenteil erreicht.“

Das Zusammenspiel der Landesplanung und der Gemeindefinanzierung war von Anfang an eine der Fragen, die nach dem Willen der Umweltgewerkschaft in der Diskussion um das IVL an erster Stelle stehen sollte. Doch bislang hat sich kaum etwas getan. Gegenüber der woxx gibt sich Minister Halsorf zuversichtlich, das Problem der Gemeindefinanzierung mittelfristig in den Griff zu bekommen. Aber zuerst müsse der Rahmen klar gesteckt werden, also das IVL und die darauf aufbauenden sektoriellen Pläne ausgearbeitet werden. Wann dieser Schritt abgeschlossen ist, will der Minister nicht verbindlich sagen. „Die Pläne sollen im nächsten Jahr vorliegen und dann zur Abstimmung gelangen. Wenn keine größeren Einwände kommen, dann dürfte die Prozedur in einem Jahr abgeschlossen sein. Ich werde mich jedoch hüten, ein festes Datum zu nennen.“

Halsdorfs Optimismus speist sich vor allem aus der Arbeit des Landesplanungsamtes, dessen MitarbeiterInnen den Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Wer das IVL genau liest, der weiß, was auf ihn zukommt“, erläutert Halsdorf, der aber auch eingesteht, dass in Sachen Wickringen die Gesetzeslage nicht eindeutig ist.

Der Amenagierungsplan der Gemeinde sieht im Gegensatz zum nationalen Plan directeur eine Aktivitäts-zone vor, mit bestimmten Vorgaben, die Größe und die Flächennutzung der dort angesiedelten Betriebe betreffend. Der Innenminister hat vorerst einmal die entsprechenden Unterlagen bei der Gemeinde angefordert. Halten sich die Promotoren – wie von ihnen selbst beteuert – an die gemeindeeigenen Regeln, dann dürfte es rechtlich schwer sein, das Zentrum zu verhindern.

Die Verzögerung, mit der das Landesplanungsgesetz von Ende der Neunzigerjahre umgesetzt wird, bedauert Halsorf. Er glaubt aber, dass sie unvermeidbar ist, weil Planungen nun einmal nicht übers Knie gebrochen werden können: „Die Situation ist vergleichbar mit dem Amenagierungsgesetz von 1937, das den Gemeinden vorschrieb, Bebauungspläne zu erstellen. Die ersten dieser Pläne kamen dann in den Sechzigerjahren.“ Dazwischen herrschten Krieg und Chaos. Dass es diesmal nur chaotisch zugeht, dürfte zumindest teilweise den Optimismus Halsdorfs erklären.


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