DROGEN: Ein Leben vor der Abstinenz

Zwei Jahrzehnte brauchte die Politik von der Erkenntnis, dass Sucht eine Krankheit ist, bis zur Schaffung von Fixerstuben. Die Forderung nach legalem Heroin für Süchtige ist ebenso alt.

Toxikomane als verelendete Junkies: ein Bild, das sich durch die kontrollierte Heroinabgabe ändern könnte.

„Mir sinn zudéifst iwwerzeegt, dass mir d`Substitutiounsprogrammer kënne besser organiséieren an dass mat der Aféierung vun der Heroinsubstitutioun de Besoin fir Bas-seuil-Strukture wäert erofgoen.“ Wir, das sind weder die Grünen, noch die LSAP. Der Ausspruch, der am 10. Oktober von der Tribüne des Parlaments herunter zu hören war, stammt von der CSV-Abgeordneten Martine Stein-Mergen, im Nebenberuf Ärztin. Die CSV, so darf man die Aussage verstehen, steht für kontrollierte Heroinabgabe an Schwerstabhängige.

Trendwende bei der CSV

In der heftigen Debatte rundum die Fixerstube ging der Satz unter. Doch selbst wenn die Christlich-Sozialen allem Anschein nach das Heroinprogramm gegen die Fixerstube ausspielen wollen, bedeutet dies einen Meilenstein in der Anpassung der CSV an die Realpolitik im Drogenbereich. Immerhin besteht die Forderung nach einer kontrollierten Abgabe von Heroin in Luxemburg schon seit Anfang der Neunzigerjahre. Noch 2001, bei der Verabschiedung der Reform des Drogengesetzes, war es vor allem die CSV gewesen, die konkretere Aussagen zu einem Heroinprogramm verhinderte.

Worum geht es? Bereits in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts starteten in Großbritannien (siehe Kasten) und in der Schweiz erste Pilotprojekte zur Verabreichung von Heroin an Schwerstabhängige. Die Idee dabei war, dass Heroin gegenüber anderen Substitutionsstoffen eigentlich recht gut verträglich ist. Eine legale Verabreichung unter der Kontrolle von geschultem Personal sollte die Gefahren, die beim „normalen“ Konsum bestehen – unsauberes Heroin und schlechte hygienische Bedingungen – ausschalten. Vor allem aber hoffte man, die Beschaffungskriminalität in den Griff zu bekommen und den Süchtigen einen Weg aus dem sozialen Elend zu bieten. Anders als Fixerstuben, in denen Toxikomane ihren illegal besorgten Stoff konsumieren, bietet das Konzept den Vorteil, auch die Kontrolle über das Heroin zu behalten. Die Dealerszene bekommt quasi eine unschlagbare Konkurrenz.

Gegen den Widerstand vor allem konservativer Parteien hat sich die Idee der Heroinvergabe in Europa ihren Weg gebahnt. Der Psychologe Henri Grün, Verantwortlicher bei der „Jugend- an Drogenhëllef“, berichtet von Pilotprojekten in Deutschland, den Niederlanden und nun im belgischen Liège. Und auch in Luxemburg tut sich was, wenn auch mit der üblichen Gemächlichkeit: Laut Drogenaktionsplan 2005-2009 war eine Verabreichung schon für die Zeitspanne von 2000-2004 vorgesehen, die aber „pour diverses raisons“ nicht umgesetzt wurde. In der Parlamentsdebatte zum neuen Aktionsplan wies Martine Stein-Mergen bereits 2005 darauf hin, dass die Posten, die für den Start eines solchen Projektes benötigt wurden, im Budget standen, aber offensichtlich nicht geschaffen wurden.

Mutiger Minister

Nun endlich, in der parlamentarischen Diskussion um die Fixerstube, eröffnete Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo (LSAP), dass das Heroinprogramm in Ausarbeitung sei. Der Minister scheint dabei, im Gegensatz zur CSV, das Heroinprogramm in engem Zusammenhang mit der Fixerstube zu sehen: „Mir waren also der Meenung, dass mer dee Pilotprojet [Fixerstuben] sollten anstänneg a roueg duerchbréngen, a wann dee sech bewährt hätt, dass mer dat Nächst géife maachen. Well ech muss Iech éierlech soen, mir gëtt et och keng Satisfaktioun wann ee seet, mir hunn eng Plaz, wou ee sech Droge ka sprëtzen, an implizit awer seet: Dir musst Iech d’Drogen illegal verschafen.“ Er gehe davon aus, 2008 ein Konzept für die Heroinabgabe vorlegen und spätestens 2009 starten zu können: „Do stéiert et mech net, dass et e Wahltermin ass.“

Der Optimismus des Ministers in Sachen Fixerstube ist angesichts der massiven Oppposition in der Stadt Luxemburg – und der noch gar nicht konkretisierten Fixerstube in Esch-Alzette – erstaunlich. Die zuständige Escher Schöffin Vera Spautz (LSAP) ist noch dabei, mit dem Gesundheits- und Familienministerium zu verhandeln. Dabei geht es nicht nur um Standortfragen. Die von Staatsseite vorgeschlagene Megastruktur, in der sowohl das Nachtfoyer als auch Fixerstube und Tagesstätte vereint wären, lehnt die Stadt Esch ab. Übergangsweise wird nun eine Fixerstube nur für die BesucherInnen des Nachtfoyers angedacht.

Es drängt sich also eher der Eindruck auf, dass Di Bartolomeo die neue Progressivität der CSV nutzen will. Ob und wie Fixerstube und Heroinprogramm zusammengehen, soll nun eine Arbeitsgruppe von RegierungsvertreterInnen und Sachverständigen aus Hilfsorganisationen bereden. Dabei wird vorrangig die Frage geklärt werden müssen, welche Heroinabhängigen unter den „glücklichen Gewinnern“ des Programms sein werden. So sah das deutsche Projekt als Kriterien zur Teilnahme mindestens fünf Jahre Opiatabhängigkeit, zwei erfolglose Therapien und ein Mindestalter von 23 Jahren vor. Dabei, so Henri Grün, konnten diese Pilotprogramme meist auf eine Großstadtpopulation zurückgreifen, 100 bis 200 den Kritierien entsprechende Toxikomane waren leicht aufzutreiben. Das ist aber in Luxemburg nicht der Fall.

Auch diese Frage sah Martine Stein-Mergen im Oktober lockerer. Sie zitierte ein „internationales Klassement“: „Minimal 18 Joer al an zwee Joer opiatofhängeg sinn, op d`mannst zwee Sevragen ouni Succès hannert sech hunn an aner gesondheetlech a sozial Problemer derbäi. Wa mer dës Kritären applizéieren, wäert ee kënne quasi d`Halschent vun de Clientë vun der Fixerstuff an den Heroinprogramm kréien.“

Heroin auf Rezept

Daneben stellen sich eine Reihe ganz praktischer Fragen. Dass TeilnehmerInnen an Heroinprogrammen nicht Auto fahren dürfen, ist dabei noch das geringste Problem. Heroin hat zum Beispiel eine viel kürzere Wirkungszeit als Methadon, muss also häufiger genommen werden. Es wäre also eventuell sinnvoll, Heroin und Methadon zu kombinieren.

Irgendwann wird dann auch zu klären sein, welche der Drogenhilfsorganisationen für das Projekt zuständig sein wird. Und ob dieses in enger Verzahnung mit der Fixerstube funktionieren wird, oder etwa in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern, wie sie die Stadt Esch suggeriert hat. Prinzipiell, so die Escher Schöffin Vera Spautz, sei man bereit, auch beim Heroinprogramm mitzumachen. Sie habe aber die in Esch ansässigen Hilfsorganisationen um ihre Stellungnahmen gebeten.

Nicht nur für Henri Grün ist es zudem eine ethische Frage, ob und unter welchen Bedingungen man einen Suchtstoff wie ein Medikament verabreichen kann. Denn befürchtet wird, dass die anfangs nur für eine eingegrenzte Kundschaft gedachten Programme im Laufe der Zeit zu einer Normalität im Drogenhilfsalltag werden könnten: Heroin auf Krankenschein sozusagen. Doch was spricht eigentlich gegen eine breiter ansetzende Verabreichung? Die Ergebnisse der deutschen Heroinstudie sind vielversprechend (siehe Kasten), die Kosten für solche Programme wären weit weniger hoch als die Folgekosten des illegalen Konsums.

Könnte es also sein, dass man nach einem halben Jahrhundert der Drogenrepression wieder zum Ausgangspunkt zurückfindet? Eine Schadensbegrenzungsmaßnahme wie das Heroinprogramm ist nicht die Lösung des Drogenproblems an sich. Doch schon 1993 plädierte Werner Schneider, damaliger Leiter des Frankfurter Drogenreferats, für „ein Leben vor der Abstinenz“, das heißt für Maßnahmen, die einen kontrollierten Konsum ermöglichen. Wenn Heroin dies zulässt, ist es eigentlich unmenschlich, Süchtigen die Chance zu einem lebbaren Leben zu verweigern.

 

Heroinprogramm: Britische Pioniere

In den Achtzigerjahren entstand in Merseyside ein Heroinverabreichungsprogramm. Die „KlientInnen“ holten heroingetränkte Zigaretten oder Ampullen in Apotheken auf Rezept ab. „Mit Heroin kann man alt und grau werden“, so der Leiter der Klinik, Dr. John Marks. „Unser Ziel ist es, die Leute gesund zu erhalten, bis sie ihre Sucht von selber aufgeben.“ Tatsächlich hört ein Teil der User irgendwann von selbst auf. Doch auch jene, die beim Fixen bleiben, können sich wieder wichtigeren Dingen im Leben zuwenden als dem täglichen Besorgen von Stoff. „Dem Gang zur Apotheke“, so der Journalist Pit Wuhrer, „fehlen natürlich die Faszination der Szene, der Mythos der Rebellion […]. Die Süchtigen stehen morgens wie jede Oma vor der Tür und warten, dass die ApothekerInnen aufsperren.“

Aus: „Wir langweilen sie runter“. Gesundheit auf Rezept. In: WoZ, 1993, Nr. 50.

 

Heroinstudie Deutschland

Während zwei Jahren lief in sieben deutschen Städten eine groß angelegte wissenschaftliche Studie zur Wirkung von Heroin als Medikament. Die Ergebnisse waren positiv. Ein typisches Beispiel ist Claudia (Name geändert): Sie war viermal inhaftiert, brach Methadonprogramme ab, konsumierte Alkohol und verbrachte ansonsten den Tag damit, Geld für Heroin zu besorgen. Seit sie unter ärztlicher Aufsicht spritzt, ist sie körperlich wieder besser in Form, arbeitet als Hilfsköchin und hat ihre Bewährungszeit überstanden. „Ich bin ein normaler, rechtschaffener Bürger, habe ein stinknormales Familienleben und erlebe das alles als Erleichterung.“ Weitere Pluspunkte der Heroinprogramme: keine Überdosierungen mehr und weniger Konflikte mit der Nachbarschaft.
Im September hat der Bundesrat einen Gesetzentwurf verabschiedet, nach dem Abhängige unter Auflagen und ärztlicher Kontrolle synthetisches Heroin erhalten können.

Aus: www.heroinstudie.de, www.wdr.de
 

 


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