FOTOGRAFIE: „Living in America“

Per Anhalter durch die USA in den Siebzigern. Jacob Holdts fotografische Verarbeitung seiner Odyssee ist eine Fundgrube der sozialen Realitäten.

„Wird der Anteil der schwarzen Bevölkerung zu groß, nehmen die Weißen, selbst Liberale mit offenem Geist, oft ihre Kinder aus der Schule und wechseln den Stadtteil. So haben in Amerika die ?guten Weißen‘ die Schwarzen gezwungen in Ghettos zu leben. Sie haben zu Hass und Verzweiflung der Jungen beigetragen und sie zu Kriminellen gemacht“, meint Jacob Holdt bei der Eröffnung seiner Fotoausstellung im Centre National de l’Audiovisuel (CNA). Seine Bilder geben eindrucksvolle Einblicke in ein Amerika der Siebzigerjahre jenseits des weißen, angelsächsisch-protestantischen Wohlstands. Dabei will der Autor, der sich als Aktivist gegen Rassismus versteht – wenn auch eher in einem humanistischen, denn in einem rein politisierenden Sinn – nicht als Antiamerikaner verstanden werden. Im Gegenteil. Amerika ist seine zweite Heimat. Und: „Diese Abwehrreaktionen, die in Amerika im Rassismus während dreihundert Jahren internalisiert wurden, sind in unserer europäischen Immigrationsgesellschaft gegenüber so genannten Gastarbeitern und Muslimen innerhalb einer Generation entstanden“, so Holdt. Auch in Europa würden die Menschen in den Vororten ghettoisiert. In Dänemark seien einige Politiker überzeugt, dass Muslime Kriminelle sind. „Jedoch: Gerade jene, die so aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, werden zu Terroristen gemacht. Das hat nichts mit Religion zu tun“, meint Holdt.

Holdt kann man durchaus zutrauen, dass er weiß, wovon er spricht. Dieser Althippie mit Kinnzopf war und ist ein Globetrotter, der nicht nur unterschiedlichsten Menschen begegnet ist, sondern auch mit ihnen gelebt hat. Die Aufnahmen des 1947 in Dänemark geborenen Reisenden ähneln den Abenteuern eines Rebellen. Seine Geschichte wirkt wie eine Legende. Fast zu fantastisch. Und zu oft erzählt, um real zu sein: Als Predigersohn und junger Erwachsener lehnte er sich gegen den Vietnamkrieg auf, trat in den gewaltlosen Widerstand ein. Er wurde aus der dänischen Armee entlassen, da er sich weigerte, Waffen zu tragen. 1970 kam Holdt von Kanada in die Vereinigten Staaten und erkundete per Anhalter das Land.

Eigentlich war er auf der Durchreise nach Chile, wo er sich der demokratischen Revolution Salvador Allendes anschließen wollte. Letztlich kam er dort nie an. Er blieb in den USA und interessierte sich für die Lebensbedingungen der Menschen, die er auf seiner Durchreise traf: Von den Ausgeschlossenen und in Ghettos lebenden afro-amerikanischen Einwohnern über arme Baumwollpflücker in heruntergekommenen Hütten ohne Wasser und Strom bis hin zu Drogen- oder Alkoholabhängigen, Strichjungen und Prostituierten. Aber auch Konservative, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, weiße Plantagenbesitzer und Millionäre gehörten zu denjenigen, die ihn beim Autostopp mitnahmen, ihn zum Essen einluden und ihm ihr Heim zum Schlafen anboten. Er teilte den Alltag mit diesen Menschen, stellte Fragen und schrieb lange Briefe in die Heimat. Weil seine Eltern ihm seine Beschreibungen amerikanischer Zustände nicht glaubten, schickten sie ihm eine Kamera.

Holdts Geschichte wirkt wie eine Legende. Fast zu phantastisch. Und zu oft erzählt, um real zu sein.

Ganze fünf Jahre dauerte seine Wanderschaft, auf der er rund 118.000 Kilometer per Autostopp zurückgelegt hat. Am Ende dieser Odyssee, als er 1975 nach Europa zurückkehrte, hatte er rund 15.000 Dias gemacht – ein Werk, jenseits des American Dream. „Für mich sind diese Bilder nur Schnappschüsse, aufgenommen während meiner Vagabundenzeit“, meint Holdt heute bescheiden. Die Fotos sind für ihn Dokumente seiner Reisen und Erinnerungen an die Menschen, denen er begegnet ist. Eigentlich sei er kein Fotograf. „Versetzen sie sich in die Situationen, die ich erlebt habe. Jeder Idiot hätte sehr gute Fotos gemacht“, meinte er einmal in einem Interview. Auch hat er Bedenken, seine Fotos im Rahmen einer Fotoausstellung wie der des CNA zu zeigen. Denn Holdt versteht sich eigentlich als Vortragsreisender und Botschafter zwischen der schwarzen und weißen Welt: Seit den Siebzigern tingelt er durch europäische und amerikanische Universitäten, um seine Bilder im Kontext von Diashows zu zeigen und um seinen Zuhörern die Angst vor dem Fremden zu nehmen. Auch hält er Kurse gegen Rassismus und Ungerechtigkeit.

Bekannt wurde er insbesondere durch die Herausgabe seines Buches mit dem Titel „American Pictures“. Das Buch wurde zum Bestseller. Ein Reisebericht und politischer Essay über Verwahrlosung, rassistische Gewalt und Kriminalität, illustriert mit Texten, Augenzeugenberichten, Briefen und rund 700 schwarz-weiß Bildern. Sogar der sowjetische Geheimdienst interessierte sich für Holdt und wollte seine Bilder im Rahmen einer Propagandakampagne über die Menschenrechte unter Jimmy Carter benutzen – was Holdt mittels eines Anwalts verhindern konnte. Auch der dänische Kultregisseur Lars von Trier hat sich bei den Inszenierungen von „Dogville“ und „Manderlay“ an den Bildmotiven von Holdt inspiriert.

Einer der Kuratoren der CNA-Ausstellung, Paul Cottin, der Holdt zu einer fotografischen Werkschau überredete, beeindruckt vor allem, wie Holdt von einem sozialen Milieu ins andere gewechselt ist. „All diese Fotos, die er im Innern der Häuser gemacht hat – das habe ich vorher in der Form noch nie gesehen“, meint Cottin. Zwar könne man Parallelen ziehen etwa zu dem dänischen Fotografen Jakob Riis, der hundert Jahre vor Holdt in die USA immigrierte und Chronist der New Yorker Slums war. Auch erinnern seine Aufnahmen an Bilder von Dorothea Lange oder Walker Ewans, die für die „Farm Security Administration“ arbeiteten und das Elend der Dreißigerjahre in den USA dokumentieren.

Jacob Holdt bringt den gleichen Willen zum Ausdruck, alles zu sagen, alles zu beschreiben: Er setzt auf Unmittelbarkeit, auf Nähe. In seinem fotografischen Langzeitprojekt geht es um die völlige Hingabe an sein Gegenüber und dessen Lebensgeschichte: Wie etwa die schwarze Frau im rosa Morgenmantel, die in einer ärmlichen Hütte steht und eine mit Pappe isolierte Tür verriegelt: „Ich wohnte erstmals 1975 bei Mary in Alabama, seit nunmehr dreißig Jahren verbindet uns eine sehr enge Freundschaft“, heißt es in der Bildunterschrift. Und: „Aber allein, weil sie einen weißen Freund hatte, warfen drei weiße Männer im Schutz der Nacht eine Brandbombe in ihre Küche, und das ganze Haus stand innerhalb von Sekunden in Flammen. Sie konnte gerade noch ihren Sohn nach draußen bringen, aber ihr Bruder kam in den Flammen um.“

Oder das Foto, auf dem ein Mann blutverschmiert auf dem Straßenpflaster liegt. Hier heißt es lapidar im Bilduntertitel: „Ich wohnte bei Myrann, mit dem ich immer noch maile. Eines Nachts spielten wir Billard mit Butch. Als ich an der Reihe war, ging er kurz nach draußen und brachte diesen Mann um. Ich sah Butch nie wieder.“ Ein auf dem Bett liegender Transvestit, spärlich bekleidet, setzt sich einen Schuss. Im Tagebuchstil heißt es in der Bilderklärung: „Ich entdeckte, dass viele der mit mir befreundeten Transvestiten sich in Drogen flüchteten. Zu allen habe ich heute den Kontakt verloren – wahrscheinlich fielen sie der ersten Aidswelle in den 80ern zum Opfer“. Einige Bilder zeigen okkulte Zeremonien des Ku-Klux-Klans. Er habe Freunde im Ku-Klux-Klan, die Mitglieder des Ku-Klux-Klans seien arme Verlierer, meint Holdt. „Ich reiste mit einem Klanführer zu meinen schwarzen Freunden. Auf dieser Reise entschied er den Ku-Klux-Klan zu verlassen.“ Holdt urteilt nicht. Man hat bei seinen Bildern das Gefühl, dass die Abgelichteten sich Holdt anvertraut haben. „Ich sah die Wut und das Leid hinter all den Pistolenläufen. Es war, als ob von Beginn an die Schwarzen mich an der Hand nehmen würden“, so Holdt.

Formell haben seine Fotos eine eigentümliche Farb- und Schattenqualität. Das nicht nur, weil es auf Fotopapier übertragene Dias sind. Sondern, weil sein rudimentärer Fotoapparat eine Zeit lang defekt war: Sein Objektiv hatte einen Defekt, deshalb musste Holdt seine Aufnahmen aus einer Entfernung von vier bis sechs Metern machen. Da auch sein Blitzlicht kaputt war, benutzte er eine 500-Watt-Birne, die ein eher gelbliches Licht erzeugte.

Dieser Hippie mit Kinnzopf war und ist ein Globetrotter, der nicht nur unterschiedlichsten Menschen begegnet ist, sondern auch mit ihnen gelebt hat.

Noch heute führt Holdt die gleiche Schlacht: Neben seinem Engagement für „Care“ in Ländern der Dritten Welt, entwickelt sich „American Pictures“ nach wie vor weiter. „Ich verfolge den Werdegang der gleichen Familien weiterhin“, so Holdt. Dabei sei ein Update nicht immer nett. „Viele, die ich fotografierte, sitzen heute im Gefängnis oder wurden ermordet.“ Auch die Armut habe sich nur oberflächlich verbessert. Zwar lebten die Menschen heute in Trailerparks – statt in Hütten, wo sich die Tapete von der Wand ablöse und die Löcher notdürftig mit Pappe verschlossen seien. „Wenn man diese Trailer jedoch von innen fotografiert, dann sieht es zwar besser aus, aber es ist die gleiche Armut. Innen herrscht der gleiche Geruch, es ist die gleiche Herabsetzung“, folgert Holdt.

Auch wenn man manchmal versucht ist, am Gutmenschentum dieses Tramps zu zweifeln oder ihm seinen spontanen Idealismus vorhalten möchte – so lässt sich sein missionarischer Eifer wohl auch dadurch erklären, dass er schließlich der Nachkomme einer langen Reihe von Pfarrerssöhnen ist. Sympathisch macht ihn auch eine gesunde Portion an Selbstironie, wovon seine Internetseite zeugt. Und last but not least haben seine Bilder und die damit verbundenen Geschichten eine Authentizität, die man – nicht nur im Kunstbetrieb – oft vergeblich sucht. Einziges Mankum: Die Kuratoren haben sich auf die Siebzigerjahre beschränkt, weshalb die aktuellen Arbeiten von Holdt nicht gezeigt werden.


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