INDUSTRIAL POP: Ende neu?

Einen passenderen Bandnamen für ein Rockhal-Konzert kann man sich nicht mal einfallen lassen: Die Einstürzenden Neubauten, ergraut aber immer noch entzürnt kommen am 8. April nach Esch.

Der Mick Jagger der intellektuellen Geräuschemacher: Blixa Bargeld.

Am 1. April 1980 trommelte Punk-urgestein Blixa Bargeld einige seiner Freunde zusammen, um mit ihnen im Berliner Schuppen „Moon“ die Bühne in ein musikalisch-dadaistisches Feuerwerk zu verwandeln. Bargeld und seine Kollegen gehörten damals der dadaistischen Musikströmung „Die genialen Dilettanten“ an und hatten sich schon einen gewissen Namen in der lokalen Underground-Szene erkämpft. Mit ihrer Performance im „Moon“ trafen sie den Nerv der Zeit, verschwanden dann aber wieder diskret von der Bildfläche. Jedoch nur für kurze Zeit …

Tatsächlich war sich zu diesem Zeitpunkt keiner der wenigen Zuschauer wirklich bewusst, dass sie der Geburtstunde einer der legendärsten deutschen Bands beigewohnt hatten, einer Band, die in Zukunft eine prägende Rolle in der intellektuellen, experimentellen Musikgeschichte spielen würde.

Fast genau 28 Jahre später werden die Neubauten am 8. April auf der kleinen Bühne in der Rockhal stehen, umgeben von den industriellen Brachen der Belval-Landschaft, jenem Fleckchen Minette-Architektur, welches Musikerkollege Nick Cave einmal in charmanter Manier als „dumping ground for dead bodies“ umschrieben hatte. Es ist der Beginn einer mehrmonatigen Europatour, die von Esch/Alzette nach St. Petersburg, von Stockholm nach Malaga führt. Die Konstellation hat sich seit ihrem ersten Konzert sehr geändert. Mittlerweile sind Alexander Hacke, Rudi Moser und Jochen Arbeit hinzu gestoßen. Im Oktober 2007 veröffentlichte die Band ihre neueste Platte „Alles wieder offen?“. Die Entstehungsgeschichte dieses Werkes hat Pionierstatus in der Musikszene. Die Formation gehört seit einigen Jahren keinem Label mehr an, sondern finanziert ihre Publikationen durch die Fans, die sich via Internetseite abonnieren und damit aktiv an der Produktion teilnehmen können. Jedes Mitglied des so genannten „Supporter-Projects“ kann sein eigenes Pfefferkörnchen dazugeben und darf via Webcam sogar bei verschiedenen Proben dabei sein.

Das 2004 veröffentlichte Album „Perpetual Motion“ war das letzte, das auf üblichem Weg an die Öffentlichkeit gelangte. Seither hat nur die zahlende Internetgemeinde das Recht, die Arbeit der Neubauten zu verfolgen, spezielle DVDs von Konzerten zu erhalten und die ersten Versionen neuster Kompositionen zu genießen. „Alles wieder offen?“ ist der Zusammenschnitt dieser vier Jahre kreativer Zusammenarbeit zwischen Fans und Künstlern.

Es wird sogar gemunkelt, dass die Platte das letzte Lebenszeichen unter dem Neubauten-Signum sein könnte. Der Titel, eben als Frage formuliert, lädt zu solchen Spekulationen ein, und auch Blixa Bargeld hat dementsprechende Andeutungen gemacht. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass bisher fast jedes Album in der Lebensgeschichte der Band einen Neuanfang markiert hat, und daher sollte man sich nicht vorschnellen Schlussfolgerungen hingeben. Immer wieder verbinden die Neubauten ihren industriellen Sound mit neuen Einflüssen, mit New Wave Einschnitten, zarten Popmelodien oder gar fetten Beats. Dieses Talent, sich ständig neu zu erfinden gehört genauso zu ihnen wie das schwarze Strichmännchen auf ihrem Logo.

„Alles wieder offen?“ ist daher ganz in Neubauten-Manier wieder voller Überraschungen. Die Musik schwankt verspielt zwischen Bauch und Kopf, zwischen rudimentären Geräuschklängen und jenen poetischen Textzeilen, die nur der genialen Feder Blixa Bargelds entspringen können. Die meisten Tracks sind in gewohnter Weise expressionistisch, poly-rhythmisch, dissonant und abstrakt. Blixa Bargeld flüstert, schreit oder singt. Die Songtexte kreisen um die Liebe, die Verzweiflung, das Verlorensein, die Einsamkeit, den Tod. Aber die wahre Überraschung ist das Lied „Let’s Do it a Dada“, ein Song, der das Potential eines Dancefloor Hits hat und in ähnlicher Form noch auf keinem früheren Album erschienen ist.

Man darf gespannt sein, ob die Neubauten nun mit ihren brachialen Klängen die toten Körper des Belvalgeländes wieder zum Leben erwecken werden.


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