WANDERN UND WISSEN: Spuren in die Tiefe

Trotz Schnee und Regen: Mit dem Frühlingsbeginn ist auch die Zeit für Fußtouren gekommen. Das neue Wanderbuch „Kulturlandschaft und Geologie der Region Schengen“ stellt Anforderungen an Muskel- und Gehirnschmalz.

Idyllischer Blick vom Primerbierg:
Im Vordergrund prägen die Schichtfolgen
des Keupers das Profil, dahinter
das breite Flusstal und die
Kiesgruben der Pferdemosel.

Links unten im Tal die Mosel. Zu beiden Seiten Weinberge, auf nährstoffreichen Muschelkalkböden. Über die geteerten Wege, die von Schengen kommend hangparallel durch die Weinberge führen, geht es gut voran. Jetzt ein Wäldchen, dann wieder Weinberge. Der Blick öffnet sich nach Süden auf die Festung Sierck und den Moselbogen. Ein steiler Anstieg vorbei an zerklüfteten Felsen – Dolomite – über Trockenrasen, die an Almwiesen erinnern … endlich, das Plateau des Strombergs ist erreicht, 160 Meter oberhalb des Flusslaufs. Die Aussicht über das obere Moseltal lädt ein zum Verweilen, der Anblick von Cattenom und der scharfe Wind treiben zum Weitergehen an. Am westlichen Hang des Strombergs entlang führt der Weg zwischen Gehölzen und Äckern zurück nach Schengen.

Der sieben Kilometer lange Rundweg um den Stromberg ist nur eine von zwölf Wanderungen, die in dem Buch „Kulturlandschaft und Geologie der Region Schengen“ beschrieben sind. Die Begleittexte heben landschaftliche Besonderheiten hervor und stellen so Verbindungen zum allgemeinen Teil des Führers her. Bei der reich illustrierten Veröffentlichung mit hartem Einband und 168 Seiten handelt es sich um mehr als nur ein Wanderbuch. Der erste Teil, „Landschaft entdecken und verstehen“, geht vor allem auf die Geschichte des Dreiländerecks ein. Zu den wirtschaftlichen Faktoren zählt neben Landwirtschaft, Weinbau und diversen Steinbrüchen auch der Tourismusboom – der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Viele LeserInnen werden überrascht sein zu erfahren, dass bereits damals die städtische Mittelschicht an die Mosel und nach Bad Mondorf strömte. So bediente seit 1839 ein moderner Raddampfer die Strecke zwischen Metz und Trier, Symbol für Komfort und Modernität. Mondorf, wo die Architektur immer noch an jene glorreichen Zeiten erinnert, war per Eisenbahn an Luxemburg und Thionville angebunden. Obwohl das Dreiländer-eck damals, anders als heute, eine herausragende Rolle im Tourismus spielte, dürfte dessen Einfluss auf das Landschaftsbild viel geringer sein als die massiven Eingriffe, die Flurbereinigung, LKW-Transitverkehr und Tanktourismus um die Jahrtausendwende mit sich gebracht haben.

Die Grundidee der Veröffentlichung ist einleuchtend: Dem Landschaftsbild liegt die geologische Beschaffenheit des Bodens zugrunde.

Das Herzstück des Buches ist allerdings der Teil zu „Geologie und Landschaft“, den man am besten zu Hause studiert, bevor man die Wanderungen unternimmt. Dort geht es um Plattentektonik, Gesteinsarten, Verwitterung und Ablagerung. In der Tat finden sich in der Region Schengen auf engstem Raum eine Reihe verschiedener geologischer Schichten. Vereinfacht dargestellt verdankt man das der Siercker Schwelle, einer Anhebung der Gesteinsschichten, die auf das heutige Moseltal trifft, und der stetigen Arbeit des Flusses, der sich seinen Weg tief durch diese Schwelle hindurch gegraben und so die Gesteinsschichten freigelegt hat. So reicht das geologische Spektrum zwischen Burmerange und Sierck von Keuper und Lias über Buntsandstein und Muschelkalk bis hin zum Taunusquarzit.

Die Rundwege im dritten Teil des Buches sind denn auch in dieser Reihenfolge angeordnet, also nach der geologischen statt der geografischen Nähe. Ein einführender Text arbeitet das Typische für die jeweilige geologische Konstellation der Landschaft heraus, und dann folgen in der Regel zwei Wegbeschreibungen mit Karte. Die Routen-Auswahl geht weit über die Grenzen des Großherzogtums hinaus: Für die Lias-Landschaft fährt man bis Rodemack, für schönes rotes Taunusquarzit gar bis Orscholz. Neben den ansprechenden Naturfotos und den Wegkarten findet man zahlreiche Schemata, welche die Ausführungen zur Geologie veranschaulichen sollen.

Die Grundidee der Veröffentlichung ist einleuchtend: Dem Landschaftsbild, ob natürlich bewachsen oder durch menschliche Eingriffe verändert, liegt die geologische Beschaffenheit des Bodens zugrunde. Fast poetisch drücken sich Georges Moes und Stephan Müllenborn, die Autoren des Buches, aus, wenn sie beschreiben, wie „von den Erscheinungen der Oberfläche oft eine Spur in die Tiefe führt“. Diese Einsicht sei dem steinzeitlichen Jäger, der einer Fährte folgt, ebenso zu eigen, „wie sie der modernen Wissenschaft zugrunde liegt, wenn sie etwa versucht, aus der Schichtung, Verteilung und Zusammensetzung der Gesteine einer Landschaft auf deren geschichtliches Werden und Vergehen zu schließen“.

Interessant ist der Blick in die Erdgeschichte schon allein, wenn man sich vor Augen hält, was Gesteinsbezeichnungen wie „Muschelkalk“ vermitteln: Es handelt sich um – im späteren Verlauf der Erdgeschichte zusammengepresste – „marine Sedimente“, Ablagerungen also aus einer Zeit, als die Landschaft vom Meer überflutet war. Dabei handelt es sich sowohl um mit der Strömung herangetragene Partikel als auch um wasserlösliche Substanzen, die beim Verdunsten angefallen sind – und natürlich um Exkremente und Überreste von Organismen – wie zum Beispiel Muscheln.

Konkreter wird es, wenn man die Ausführungen zum Moseltal liest: Im Bereich des Strombergs trifft die Mosel auf den harten Taunusquarzit, fließt deshalb in einem tief eingeschnittenen Tal mit höherer Geschwindigkeit und trägt die „fluvialen Sedimente“ weiter in die weicheren Keuperschichten zwischen Remerschen und Remich, wo das Tal breiter wird, der Fluss sich verlangsamt und Schotter abgelagert wird. Auch die Hangverläufe, mit einem steilen First und einem flachen Unterhang, erklären sich aus der Abfolge von harten und weichen Gesteinsschichten. Interessant sind die Informationen zur vergangenen und gegenwärtigen Nutzung der verschiedenen Böden: Abbau von edlen Materialien wie Alabaster in Erpeldange, als Baumaterial mehr oder weniger taugliche Sandstein-Varietäten, bestens für den Weinbau geeignete Trochitenschichten. Manches Geheimnis bleibt auch ungelüftet. So diskutieren die Wissenschaftler immer noch, warum die Saar bei Orscholz gerade diesen Flussverlauf gewählt hat. Eines wird am Beispiel Saarschleife deutlich: Unter fast jeder spannenden Landschaft versteckt sich eine spannende Geologie.

Wer mehr als nur Ästhetik sucht, wird die Begleittexte zu den Touren – Landschaftsbild, Geologie und Entwicklung der Kultur-landschaft – zu schätzen wissen.

Für regelmäßige Wanderer wird ein Teil der im Buch vorgestellten Ausflüge nicht neu sein. Stromberg, Haff Remich, Kuebendaellchen und Saarschleife sind Klassiker, die man auch in anderen Wanderführern findet. Manche Routen sind erweitert gegenüber beispielsweise denen des rosafarbenen „Wandern ohne Grenzen“-Ordners der Editions Guy Binsfeld. Das gilt für die Saarschleife und für das Leukbachtal, die „Kollesleuker Schweiz“ im Buntsandstein bei Freudenburg. Bei Perl fällt die Geologie-Rundwanderung zwar kürzer aus als die im rosa Ordner, führt dafür aber über den französischen Teil des Hammelsbergs mit seinen Orchideenrasen und seiner ans Gebirge erinnernden Topografie. Wer mehr als nur Ästhetik sucht, wird aber bei allen Touren das Plus der Begleittexte im „Kulturlandschaft und Geologie“-Führer zu schätzen wissen.

Positiv sind auch die Vorschläge hervorzuheben, wie man die einzelnen Wege kombinieren oder teilen kann – immerhin variieren die Längen zwischen drei und achtzehn Kilometern. Trotz Routenbeschreibungen kann man sich leider leicht verlaufen, denn die Wege sind nicht ausgeschildert und die Karten nicht allzu detailliert. Weil landschaftlicher Reiz oft mit topografischer Unübersichtlichkeit einher geht, sollte man häufiger einen Blick ins Buch werfen – es also nicht allzu tief im Rucksack verstauen. Ein Kompass kann dabei helfen, an schwierigen Stellen schneller den richtigen Weg zu bestimmen. Für unbeschwerte Wanderungen an warmen Tagen wäre es sicher günstig gewesen, wenn die Verleger den Teil mit den Routenbeschreibungen aus dem doch recht gewichtigen Buch ausgegliedert hätten.

Unter pädagogischen Gesichtspunkten ist „Kulturlandschaft und Geologie“ nur eingeschränkt empfehlenswert. Zum Hin- und Herblättern zwischen den verschiedenen Kapiteln und den Wegbeschreibungen fehlen die Querverweise, auch das knappe Stichwortverzeichnis ist keine ausreichende Hilfe. Ein Glossar wäre ebenfalls nützlich gewesen, um mit Passagen wie der folgenden etwas anfangen zu können: „Der flache Unterhang der Weinberge ist mit den weichen Schichten des Pseudomorphosenkeupers aufgebaut, am Anstieg zum Goldberg liegt der Übergang zu den Roten Gipsmergeln, während der Bereich des weiter oben liegenden Aussichtspunktes aus Steinmergelkeuper aufgebaut ist.“

Dieses Beispiel verdeutlicht die Stärken und Schwächen des Buchs: Es versucht, den NaturfreundInnen die Augen zu öffnen für geologische Merkmale der Landschaft, schafft es aber nicht durchgehend, sich vom Fachjargon zu lösen. Das Ergebnis ist eher ein Werk zum Studieren, Wandern und Nachlesen, als ein „Geologie aktiv für Dummies“-Büchlein. Eltern, die bei der Vermittlung der Buchinhalte an den undisziplinierten Fragen ihrer Kinder scheitern, können es mit geführten Wanderungen versuchen, wie sie das „Haus vun der Natur“ und andere Naturschutzeinrichtungen anbieten. „Kulturlandschaft und Geologie“ mag nicht immer geeignet sein, den Wissensdurst von unbedarften Wanderer und Wanderinnen zu stillen, es bleibt jedoch das Verdienst des Buches, ihn überhaupt geweckt zu haben.

Kulturlandschaft und Geologie der Region Schengen.
Naturführer mit zwölf Wanderrouten, Preis: 20 Euro.
Georges Moes, Stephan Müllenborn / Hëllef fir d’Natur.
Bestellung: Haus vun der Natur, Kockelscheuer, Telefon 29 04 04-1.

 


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