OLYMPIADE IN CHINA: Zu kurz gegriffen

Die Diskussion über einen Olympiaboykott ist nützlich, sensibilisiert sie doch für die Frage der Menschenrechte. Aber der Westen muss auf Glaubwürdigkeit achten.

Was die Möglichkeit freier Meinungsäußerung bringt, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Unter dem Einfluss der weltweiten Entrüstung, von der die Störmanöver beim Fackellauf nur die Spitze darstellen, hat sich die Debatte über die Olympischen Spiele in China weiterentwickelt. In den Tagen nach den Ereignissen im Tibet befanden sich Sportfunktionäre und Politiker in der Defensive. Sie beschränkten sich auf die Aussage, man müsse Sport und Politik trennen und ein Boykott komme nicht in Frage.

Mittlerweile kritisiert Marc Theisen, Präsident des Luxemburger Olympischen Komitees, China offen in Sachen Menschenrechte und hat diese Probleme nach eigenen Angaben in einer Sitzung des Internationalen Komitees zur Sprache gebracht. Auch Sport- und Wirtschaftsminister Jeannot Krecké nimmt kein Blatt vor den Mund. Im RTL-Fernsehen begrüßte er den Druck auf China nach den Ereignissen im Tibet. Er habe bewusst darauf verzichtet, der Fackelübergabe in Beijing beizuwohnen, obwohl er zu dem Zeitpunkt vor Ort war. Zu sagen, wie er sich im August verhalten werde, sei noch zu früh. Diese Haltung, die politischen Konsequenzen von der weiteren Entwicklung in China abhängig zu machen, ist klug, denn sie ermöglicht es, den Druck aufrecht zu erhalten. Ihre Glaubwürdigkeit steht und fällt jedoch mit der Bereitschaft, gegebenenfalls sogar die Eröffnungszeremonie zu boykottieren.

Dass Krecké einen kompletten Boykott der Spiele aber ausschließt, ist wenig verwunderlich. Doch die Begründung, das bringe eben nichts, greift zu kurz. Ein Boykott hätte auch beim historischen Beispiel der Berliner Olympiade von 1936 – womit keine Gleichstellung von China und Nazideutschland suggeriert werden soll – wohl nichts geändert am Gang der Geschichte. Allerdings hätte ein solcher Boykott durchaus Schaden von der olympischen Idee und dem Ideal der Weltgemeinschaft abgewendet.

Boykotts und Sanktionen sind ein komplexes Thema. Während des Kalten Krieges war ihre Wirkung gegenüber der jeweils anderen Seite – Beispiel Olympia 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles – begrenzt. Andererseits zeigten die sportlichen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen Südafrika – einen Staat im westlichen Lager – durchaus Wirkung. Auch die französische Mobilisierung für einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien 1978 schärfte das Bewusstsein für die Lage in den lateinamerikanischen Diktaturen.

Heute, in einer „blockfreien“ Welt, sind fast alle Länder empfänglich für symbolische und materielle Sanktionen. Allerdings ist die chinesische öffentliche Meinung sehr misstrauisch gegenüber westlichem Universalismus. Grund dafür ist neben der Regierungspropaganda die Einseitigkeit der Berichterstattung in vielen westlichen Medien. Wurde in China die Repression gegen die Tibeter kleingeredet, so wurden im Westen die antichinesischen Pogrome ignoriert oder als Propaganda abgetan. Die kritischen Stimmen in China, ob Dissidenten oder um Objektivität bemühte Journalisten wie Chang Ping von der Zeitung „Nanfang Zhomou“, haben einen schweren Stand.

Weil Veränderung in einem Land aber immer auch von innen kommen muss, geht es nicht nur um den Mut zu Sanktionen. So lange der Westen Grundrechte auf dem Altar ders „War on terror“ opfert, ist es ein Leichtes für die chinesische Regierung, die Repression im eigenen Land als notwendige Selbstverteidigung darzustellen. Und das Beispiel westlicher Investoren, die sich kaum um die Rechte der Arbeiter-Innen scheren, lässt das punktuelle Einfordern von Menschenrechten als Manöver im macht- und wirtschaftspolitischen Spiel erscheinen. Glaubwürdige Kritik muss im eigenen Land anfangen und darf sich nicht vor den Karren westlicher Interessenpolitik spannen lassen. Das sollte unter den Bedingungen der freien Meinungsäußerung eigentlich möglich sein.


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