JAGD UND WILD: Ausgrechnet Saumagen!

Eine Studie zeigt, dass Wildschweine massiv von der Jägerschaft gefüttert werden. Munition für die JagdkritikerInnen, die unter anderem ein Fütterverbot fordern.

Er ist das Lieblingsessen des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und war zwei Jahre lang Studienobjekt der Wildbiologin Sandra Cellina: der Saumagen. Doch während die gastronomische Variante mit Kartoffeln, Schweinefleisch und Gewürzen gefüllt ist, galt das Interesse der Biologin dem Originalinhalt der Mägen von 3.000 erlegten Wildschweinen. Die kulinarischen Vorlieben von Herrn Kohl sind bloß eine Anekdote der politischen Zeitgeschichte. Frau Cellinas Untersuchungsergebnisse aber könnten einen erheblichen Einfluss auf die derzeitige Debatte über eine Reform des Luxemburger Jagdgesetzes haben.

Seit Jahren streiten Jagdverband und JagdkritikerInnen darüber, welche Rolle die Wildfütterung bei dem starken Anwachsen der Bestände spielt. Cellinas Ergebnisse ermöglichen eine klare Antwort: Die Biologin stellte fest, dass im Jahresmittel 40 Prozent des Darminhaltes der Schweine aus Futtermais bestehen. Bei solchen Quantitäten erscheint die Behauptung der Jägerschaft vollkommen unglaubwürdig, sie praktiziere nur Not- und Ablenkfütterung, setze den Mais also nur in harten Wintern ein oder um das Wild von den Äckern abzulenken.

Einen Tag nach einem öffentlichen Vortrag Sandra Cellinas, meldeten sich die Grünen zu Wort. „Schluss mam Jeeërlatäin“, forderten sie auf einer Pressekonferenz. In den kommenden Monaten wird die Chamber über eine Reform des Jagdgesetzes diskutieren. Die Gelegenheit war also günstig, eine Breitseite gegen die Jäger-Lobby abzufeuern. Die Grünen verglichen die Fütterpraxis der Wildtiere mit einer „Mast auf freiem Feld“. Neben der Cellina-Studie führten sie weitere Untersuchungen an: In Baden-Württemberg wurde festgestellt, dass Futtermais die Wildschweine keineswegs davon abhält, sich das frischere Futter von den Äckern zu holen. Eine andere Studie führt die Bestandszunahme auf den Klimawandel und die milden Winter zurück – der Jagdverband hatte bisher argumentiert, der wachsende Maisanbau sei schuld. Schließlich zitierten die Grünen noch das Gutachten der Experten des Naturhistorischen Museums zum Jagdgesetz: Die fordern ein generelles Fütterungsverbot.

Ein paar Misstöne gab es auch beim grünen Halali. So behauptete man kühn, die luxemburgische Jägerschaft sei „Weltmeister im Füttern“. Richtig ist, dass bisher noch nirgendwo ein so hoher Anteil an Futtermais in Wildschweinmägen festgestellt wurde. Doch was die Grünen zu erwähnen vergaßen: In ganz Europa gibt es gerade mal drei Studien zu diesem Thema. Auch argumentierte die Partei mit ihrer Meinungsumfrage von 2002: Damals fanden 60 Prozent der Befragten die „Klappjuegd“ inakzeptabel. Doch wenn man die Bestandsdichte massiv verringern will, ist die „Klappjuegd“ die effizienteste und tiergerechteste Methode, das gaben die Grünen im Verlauf der Pressekonferenz zu. Auch hält die Partei nicht mehr an der Fundi-Forderung fest, die HobbyjägerInnen durch professionelle WildhüterInnen zu ersetzen – vorausgesetzt, die Hobby-Jägerschaft unterwirft sich einer Reform.

Doch dem grünen Pragmatismus steht von Seiten des Jagdverbands sturer Fundamentalismus entgegen. Sein Diskussionsbeitrag zur Reform des Jagdgesetzes zielt auf uneingeschränktes Füttern während der Winterzeit sowie auf ganzjährige Ablenk- und Lockfütterung ab. Beides wird so weit ausgelegt, dass mit einem Fortdauern der jetzigen Praxis zu rechnen wäre. Damit deckt sich, dass der Jagdverband eine Gesetzesreform grundsätzlich ablehnt. Mit dieser Haltung steht er allerdings allein auf weiter Flur. Die Vorschläge von TierschützerInnen, Umweltverbänden und Biologen gehen zum Teil noch weiter als die grünen Forderungen.

Doch auch in der Jägerschaft brodelt es. Die zwei höchsten zuständigen Beamten der Forstverwaltung, beide selber Jäger, haben sich öffentlich für ein weit gehendes Fütterverbot und andere gesetzliche Neuerungen ausgesprochen. Jetzt, wo eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass die Kritik an der Fütterung berechtigt ist, dürften immer mehr JägerInnen sich Fragen stellen. Saumagen sei Dank.


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