KNAST: Machtüberschuss

Anderthalb Jahre ist die aktuelle Direktion im Schrassiger Centre pénitentiaire im Amt. Statt sachdienlicher Diskussion in puncto Sicherheit kommt es nun zur offenen Konfrontation zwischen Personal und Leitung.

Wer hat die Hosen an?, dürfte im Augenblick die Schlüsselfrage im Schrassiger Knast sein.
(Foto: Bruno Baltzer)

„Wir stehen voll hinter Herrn Godart“, sagt Bob Amlung, „auch wenn die Äußerungen in dieser Form nicht haltbar sind.“ Der beigeordnete Sekretär der Personalvertretung im Gefängnis in Schrassig, zurzeit mit der Repräsentation des Vereins betraut, wählt seine Worte mit Bedacht. Es ist erst wenige Tage her, dass der Präsident der Personalvertretung, Will Godart, für Aufregung gesorgt hatte. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Le Jeudi“ am vergangenen Donnerstag hatte Godart die amtierende Direktion „eine Null“ genannt und seinen Vorgesetzten, den Gefängnisdirektor Vincent Theis, mit einer Prostituierten verglichen.

„La Représentation du Personnel des Etablissements Pénitentiaires se distancie formellement des propos tenus par Will Godart“, hieß es einen Tag später zurückrudernd in einer Presseerklärung. Godart war zu diesem Zeitpunkt bereits von seinem Amt zurückgetreten und verweigert seitdem jede Aussage.

„Wir sind weiterhin an einem konstruktiven Dialog mit der Direktion interessiert“, bestätigt Sekretär Bob Amlung. An der Kritik gegenüber der Ausweitung der Personenkontrollen auf das Personal hält Amlung jedoch fest.

„Wir widersetzen uns nicht grundsätzlich Kontrollen“, stellt er gegenüber der woxx klar. „Wir bestehen aber ausdrücklich darauf, dass wir von Außenstehenden und an einem separaten Eingang kontrolliert werden“, so Amlong weiter. Im Falle einer Kontrolle des Personals müssten zudem alle untersucht werden, einschließlich der Führungsebene. Die besteht mit Sylvie Petri, Carlo Reuland und Vincent Theis erstmalig aus einem dreiköpfigen Direktoren-Team. Ihre Forderungen im Zusammenhang mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen hatte die Personalvereinigung bereits im Mai diesen Jahres in einem Positionspapier festgehalten.

Die Einführung eines neuen, moderneren Sicherheitskonzeptes in Schrassig ist neben den Um- und Neubauten auf dem Knastgelände vor allem notwendig geworden, weil die gegenwärtigen Sicherheitsstandards nicht mehr europäischen Erfordernissen entsprechen.

Sicherheitschecks für alle

Für die Verantwortlichen dürfte vor allem die Forderung der Personaldelegation nach umfassenden Personenkontrollen kein ernstes Problem darstellen. Sowohl Direktor Vincent Theis als auch der übergeordnete Beauftragte für die Gefängnisverwaltung, Claude Nicolay, hatten wiederholt betont, bei künftigen neuen Sicherheitschecks auch vor der Führungsebene nicht Halt machen zu wollen.

Damit sind jedoch in erster Linie das Durchqueren einer Eingangsschleuse sowie Taschenkontrollen gemeint. Gegen das viel diskutierte Drogenproblem in Luxemburgs größtem Knast bringen diese Maßnahmen wenig: Drogenkuriere schmuggeln das begehrte Gift oft in ihrem eigenen Körper in die Haftanstalt, indem sie es schlucken oder rektal einführen.

„Wenn wir an die Drogen kommen wollen, müssen wir Ganzkörperuntersuchungen anstellen“, sagt Nicolay, „wir müssten in jede Körperöffnung gucken“. Ein Unternehmen, das rechtlich bedenklich ist, denn Körperuntersuchungen sind nur bei konkretem Verdacht erlaubt. Und das zudem erhebliche personelle und finanzielle Probleme mit sich bringen würde.

„Wir müssen unterscheiden zwischen der Sicherheitsfrage und der Drogenbekämpfung“, betont Nicolay. Bisher würden Dinge zusammen diskutiert, die „nicht zusammen gehören“.

Vor diesem Hintergrund scheint die momentane Eskalation, zumal nach dem Rückzieher der Personalvertretung, nur vordergründig in einer Uneinigkeit zwischen Personal- und Führungsebene bei der Auswahl adäquater Sicherheitsmodalitäten zu bestehen. Die wirklichen Ursachen für die scharfen Worte der letzten Woche liegen wahrscheinlich tiefer. Konfrontationen zwischen Personal und Direktion gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Allein zwischen 1995 und heute hatten fünf Direktoren das Handtuch geschmissen.

Verselbstständigte Wächter?

„Die Wächter haben sich verselbstständigt“, glaubt Jeannot Schmitz. Der Mitarbeiter von der „info prison“, der ebenfalls einiges an der bisherigen Arbeit am DirektorInnen-Trio Petri-Reuland-Theis zu bemängeln hat, hält sich zurzeit aus taktischen Überlegungen mit Tadel zurück. „Das ist ein Machtkampf zwischen Direktion und Wärter“, so die Einschätzung von Schmitz. Abwarten mit eigener Kritik, lautet die Devise.

Unzufrieden ist die Gefangenenhilfe-Organisation vor allem mit der Kommunikationspolitik. Mehrmals habe man schon auf ein Treffen mit der Direktion gedrängt, bisher ohne Antwort.

Ähnliche Beschwerden erhebt übrigens auch das Personal. Bob Amlung berichtet, dass ein Gesuch der Personalvertretung um einen Termin bei der Gefängnisleitung sechs Monate ohne Reaktion blieb. Pikanterweise sollte es in diesem Treffen um Sicherheitsfragen gehen.

Fehlende Informationen zu den geplanten baulichen Veränderungen und Sicherheitsüberlegungen sowie unklare Kompetenzverteilung beziehungsweise Meinungsverschiedenheiten auf Leitungsebene tragen ebenfalls nicht zur Verbesserung eines „vergifteten Klimas“ bei: Die Aussage „drei Leute, drei Meinungen“ ist in Schrassig in diesen Tagen ein oft gebrachter Spruch.

„Wir hoffen, in nächster Zeit ein umfassendes Sicherheitskonzept präsentieren zu können“, kündigte Claude Nicolay an. Die Gründe für die schwierige Informationslage liegen laut Verwaltungschef weniger bei einer erstmals in der Geschichte des Schrassiger Gefängnisses dreiköpfigen Anstaltsleitung – schließlich habe es in den vergangenen Wochen wiederholt Treffen zwischen Leitung und Personal gegeben – sondern vielmehr in der schwierigen Sachlage. Noch immer seien Fragen bei den Bauangelegenheiten ungeklärt, warteten verschiedene Projekte auf ihre amtliche Genehmigung. „Man kann doch Herrn Theis nicht die Schuld für etwas geben, wofür er nichts kann“, so Nicolay.

Im Machtkampf (Wach-)Personal und Gefängnisleitung jedenfalls könnten schon bald Maßnahmen folgen. Mit seinen unqualifizierten Äußerungen hat der Ex-Präsident Will Godart der Sache seiner Kollegen mindestens einen Bärendienst erwiesen: Der Ball liegt jetzt ganz klar bei der Gefängnisleitung. Und die kommt nächste Woche aus ihren Ferien wieder.

Ines Kurschat


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