FATIH AKIN: Wie ein Astra-Bier

Mit „Soul Kitchen“ präsentiert Deutschlands Regisseur für Multi-Kulti-Dramen Fatih Akin seine erste Komödie.

Schöne Zeiten: Als man in Kneipen noch ungestraft rauchen durfte … Moritz Bleibtreu in „Soul Kitchen“.

„Ich hatte Bock, eine Komödie zu machen. Ich hatte Bock zu lachen. Und wenn die Leute den Film auch noch mögen, freut mich das natürlich total“, so Fatih Akin in einem Interview. Dass er mit seinem neuen Filmprojekt „Soul Kitchen“ einen solchen Erfolg haben würde, hätte der Regisseur angeblich nicht gedacht. Auf den letzten Drücker fertig gestellt, räumte sein Beitrag bei den 66. Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury ab.

Dabei haben die Filme des in Hamburg geborenen, deutsch-türkischen Regisseurs, schon lange Kultstatus. Mit „Im Juli“ oder „Solino“ schuf sich Akin in der deutschen Filmlandschaft einen Namen und mit „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ erlangte er auch international Anerkennung. Heute ist er in Deutschland so angesagt, dass sein Porträt schon mal das Cover von „DB-mobil“, dem Werbeheft der Deutschen Bahn, ziert.

Nicht zuletzt seiner festen Crew von Charakterschauspielern wie Birol Ünel, Moritz Bleibtreu oder Adam Bousdoukos, mit denen er seit Jahren dreht und die ihre Rollen lässig, wie aus dem Ärmel geschüttelt, spielen, verdankt Akin seinen Erfolg.

Diese altbekannten Gesichter begegnen einem auch in „Soul Kitchen“. Adam Bousdoukos spielt den deutsch-griechischen Kneipenbesitzer Zinos. Sein kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) hängt in dessen Kneipe rum, wenn er Ausgang aus dem Knast hat. Birol Ünel gibt den kauzigen Koch Shayn, der dank seiner Kochkünste aus der heruntergewirtschafteten Hafenhalle einen Gourmet-Schuppen macht. Eine geklaute Stereo-Anlage, ein paar coole Sounds und Shayns kulinarisches Können genügen um die Kneipe zum Brummen zu bringen.

Kaum hat sich der Laden zum angesagten Szene-Treff gemausert, droht auch schon das Aus durch einen Immobilienhai, einen Schulfreund von Zinos, der das „Soul Kitchen“ aufkaufen will, um dort eine moderne Apartmentanlage zu errichten. Wie mit dem Hammer vermittelt Akin dem Zuschauer damit das Thema Gentrifizierung als sozialkritisches Leitmotiv. So verteidigen Akins Helden nicht nur ihr selbst erwirtschaftetes Lokal, sondern zugleich ihr Viertel, indem sie den neoliberalen Kräften trotzen.

Die Ausleuchtung der Szenen, Schnitt und Einstellungen sind dank großzügiger deutscher Filmförderung durchaus auf internationalem Niveau. Die schauspielerische Leistung dagegen bleibt mäßig. Zwar ist Moritz Bleibtreu in der Rolle des prolligen Kleinganoven überzeugend, der Immobilienspekulant Neumann (Wotan Wilke Möhring) mimt den Bösewicht hingegen so klischeehaft, dass man ihn nur eine Sekunde sehen muss, um zu wissen, dass er der bad guy des Films ist. Obwohl es öfter Grund zu lachen gibt, bleibt der Humor vordergründig. Etwa, wenn Zinos seinen Bandscheibenvorfall von der schönen Physiotherapeutin Ana behandeln lässt und dabei eine Erektion bekommt oder wenn die Kundschaft des Soul Kitchens durch Beimischen eines Aphrodisiakums in den Nachtisch geil wird und dies schließlich in einer wilden Orgie endet.

Eine Hommage an seine wilden Zeiten, eine Liebeserklärung an seine Stadt Hamburg, seine Clubs und Kneipen habe Akin machen wollen und er habe – so urteilt das deutsche Feuilleton unisono – damit das Genre Heimatfilm neu bestimmt. Das ist übertrieben, sieht man doch nur wenige charakteristische Bilder Hamburgs und seiner Clubszene. Stattdessen sind viele stilisierte Klischees der 70er und 80er Jahre zu sehen und hippe Leute, die Astra-Bier in sich hineinschütten. Mit viel Wohlwollen kann man darin Soul erblicken.

„Soul Kitchen“ ist im Grunde ein versöhnlicher und ganz netter Familienfilm, der niemandem weh tut und bei dem es allemal mehr zu lachen gibt, als bei anderen deutschen Komödien. Und es ist ein Film, den man schnell wieder vergisst.

„Soul Kitchen“, im Utopia.


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