STADT LUXEMBURG: Wir planen eine Straße

Die Nachricht von einer geplanten Straße hatte die EinwohnerInnen von Zessingen aufgeschreckt. Nun hat die Stadt Luxemburg ihre Entwicklungspläne für den Südwesten offengelegt – viel Diskussionsstoff.

Unter www.luxembourg-city. lu/vdl ist die Präsentation von Montagabend online verfügbar.

„Der Augenblick ist gekommen, den Schleier über all diese klammheimlichen Machenschaften zu lüften.“ Das schrieb der Zessinger Interessenverein Anfang Januar in einem offenen Brief an den Bürgermeister der Stadt Luxemburg und an die zuständigen Ministerien. Gemeint waren die bis dahin geheimen Pläne für den Bau einer parallel zur Autobahn verlaufenden Umgehungsstraße im Südwesten der Stadt, im Randbereich des Wohnviertels Zessingen. Am vergangenen Montag war es dann soweit. Die Stadt Luxemburg hatte zu einer Infornationsversammlung im Zessinger Centre culturel eingeladen, auf der die Pläne für die Stadtentwicklung im Südwestteil der Stadt vorgestellt werden sollten.

Das Interesse der Betroffenen war groß: Über 500 Leute hatten sich in dem Saal eingefunden, davon 100, die mit Stehplätzen vorlieb nehmen mussten. Der Grund war wohl vor allem, dass die Karte mit der geplanten Straße nur zufällig in die Hände des Interessenvereins gekommen war und daraufhin an die Öffentlichkeit gelangte: Hatte die Gemeinde geplant, ein „fait accompli“ zu schaffen?

Große Pläne

Paul Helminger, Bürgermeister der Stadt Luxemburg, erklärte gleich zu Beginn, dies sei eine besondere Versammlung. Die Gemeindeführung, vollzählig zugegen, wolle nicht über ein punktuelles Projekt informieren, sondern das neue Stadtentwicklungskonzept vorstellen, also den Kontext, in dem sich die Frage dieser Straße stelle. Es folgte ein sehr pädagogisch gehaltenes Referat von 50 Minuten.

Es reiche der Stadt nicht aus, abzuwarten, und zu sehen, wie der Bebauungsplan umgesetzt werde, wie also die vorgegebenen Wohn- und Gewerbezonen erschlossen würden. „Wir wollen einen Stadtentwicklungsplan erstellen, der die Konsequenzen in puncto Infrastrukturen beinhaltet. Wir müssen jetzt mit dem Planen anfangen“, so Paul Helminger. Gerade in Zessingen sei ein starker Bevölkerungszuwachs zu erwarten, der auch mehr Verkehr erzeuge. „Wenn nichts unternommen wird, dann belastet der Verkehr die Wohnviertel“, rechtfertigte Paul Helminger die Pläne für die Umgehungsstraße.

„Danke, dass Sie gekommen sind“, begrüßte Paul Mousel, Präsident des Interessenvereins die Anwesenden. „Das zeigt, dass man unterstützt wird, wenn man etwas unternimmt.“ Unklar blieb, inwiefern der Interessenverein bei seinem Lobbying die kollektiven Interessen der EinwohnerInnen mit Einzelinteressen vermischt. Der offene Brief beschäftigte sich immerhin zur Hälfte mit letzteren: „Es häufen sich die Fälle, wo Eigentümer von Wohnungen oder Baugrundstücken sich genötigt sehen, vor Gericht zu gehen, um ihre materiellen Interessen vor administrativer Willkür und Amtsmissbrauch zu schützen.“ Ein Teil der Diskussion bestand denn auch darin, dass der Bürgermeister sich gegen Vorwürfe dieser Art zu verteidigen suchte. Die Kritiken an den Verkehrs- und Siedlungsprojekten dagegen beantwortete er mit dem Hinweis, die Diskussion fange gerade erst an, und man wolle die Bürger einbinden.

Kleine Probleme

Ein erster Hauptdiskussionspunkt wird dabei der Bevölkerungszuwachs sein. Obwohl der Interessenverein mehrmals betonte, er sei nicht grundsätzlich gegen neue Siedlungen, war es Paul Helminger wichtig, um Verständnis zu werben: „Als ich als Kind hier in der Stadt lebte, hatte auch ich eine Wiese hinter dem Haus. Die war dann irgendwann weg.“ In Zessingen, das 1945 aus ein paar Bauernhöfen bestand und auch heute noch einen dörflichen Charkter besitzt, werden neue Wohnflächen dichter bebaut. Dabei solle, so Paul Helminger, die Lebensqualität, wenngleich in veränderter Form, erhalten bleiben. Er wies darauf hin, dass sehr großzügige Grünzonen in und um Zessingen geplant seien.

Die neue Umgehungsstraße werde den Durchgangsverkehr mindestens verzehnfachen, hatte der Interessenverein geschrieben. Hier versuchte Paul Helminger abzuwiegeln: „Die Straßen auf den veröffentlichten Zeichnungen, das sind nur Striche auf einer Karte, mehr nicht.“ Die Trassenführung solle möglichst nahe an der bestehenden Autobahn verlaufen. Zusätzlich könne man Zessingen ja auch für den Durchfahrtsverkehr unattraktiv machen, zum Beispiel die Durchfahrt unterbrechen.

Wie flexibel die Stadt auch immer auf die Wünsche der EinwohnerInnen eingehen mag, problematisch bleibt, dass die Straße zwei Funktionen erfüllen soll: Zum einen soll sie Zufahrt sein für die EinwohnerInnen vom expandierenden Westteil von Zessingen, was den Ostteil vom Verkehr entlastet, zum anderen als direkte Querverbindung der Kette von Gewerbegebieten zwischen der Cloche d’Or und Bartringen fungieren. Gegenüber der woxx wollte der Bürgermeister sich nicht zur Anzahl der Fahrspuren äußern – das sei noch verfrüht. Er schloss keineswegs aus, dass die Straße vierspurig werde – gegebenenfalls brauche man ja auch Busspuren. Weiter bemerkte er, dass wenn man landesweit so günstige Werte für den Öffentlichen Transport erreichen würde wie bei den Einwohnern der Stadt, die Straßen weniger breit sein müssten.

In einem am Donnerstag veröffentlichen Kommuniqué hatte der Mouvement Ecologique in diesem Sinne einen Tramanschluss für die Cloche d’Or vorgeschlagen. Darauf angesprochen, zeigte sich Helminger skeptisch: „Die Überlegungen gehen eher in die Richtung eines flexibleren Systems von Zubringer-Bussen zu den Zugbahnhöfen.“

Eine andere, vom Mouvement Ecologique vorgebrachte Kritik: Die Prinzipien der landesweiten Dezentralisierung und der Vermeidung des Verkehrsaufkommens an der Quelle würden bei den Entwicklungsplänen der Stadt nicht berücksichtigt. Das will Paul Helminger nicht gelten lassen: „Wir sind für Dezentralisierung. Und unsere Parkingpolitik ist eine Art Abschreckung für die Betriebe: Wir sehen einen Parkplatz pro 125 Quadratmeter Gewerbefläche vor – da kann nur ein Bruchteil der Beschäftigten mit dem Auto kommen.“

Raymond Klein


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