VOR-WAHLKAMPF: Die Debatte ist faul

Konservative PolitikerInnen nutzen ein missglücktes Zitat, um pünktlich zur Regierungshalbzeit um die Wählerinnengunst zu buhlen.

Gummi oder Samt?
Muss man Luxemburger Hausfrauen mit Samthandschuhen anfassen?
(Foto: Christian Mosar)

Als Gaston Gibéryen am Donnerstag vergangener Woche in der aktuellen Stunde zum Benevolat ans Rednerpult in der Chamber trat, schimpfte der ADR-Abgeordnete wie ein Rohrspatz: Frau Biermann solle ihre 260.000 LUF Rente holen und sich verkriechen. Sein Parteikollege setzte einen Tag später im Lëtzebuerger Land noch eins drauf und sprach von „Hasstiraden“ einer „kommunistischen Inquisitorin“. Der Hintergrund für die ADR-Polemiken dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein: Die pensionierte Richterin und zweifache Mutter Marguerite Biermann kritisierte im RTL-Top Thema vom 9. März die Haltung jener Frauen, „déi einfach liddereg“ daheim bleiben – und erklärte, sie habe vor solchen Frauen keinen Respekt, sondern empfinde allenfalls Mitleid.

Starke Worte, die für eine Welle der Empörung vor allem bei Hausfrauen und Ehemännern sorgten, wie zahlreiche Leserbriefe von Privatpersonen und Hausfrauenvertretungen in den Tageszeitungen der vergangenen zwei Wochen zeigen. „Respekt für alle“, auch für die Hausfrau, wird dort unter anderem eingefordert, der Wert der Hausarbeit betont. Marguerite Biermann, in den 70er Jahren maßgeblich an der Reform des frauenfeindlichen Code civil beteiligt, wird im Gegenzug der Titel „Frauenrechtlerin“ abgesprochen. Ebenso die Fähigkeit Kinder zu erziehen oder Recht zu sprechen. Einigen reicht das offensichtlich noch nicht, sie schicken Drohbriefe an die „freche Lesbensau“, warnen davor, ein nächstes Mal „ins Auto zu steigen“.

Auf Stimmenfang

Dass sich bei all der öffentlichen Empörung insbesondere PolitikerInnen von ADR und CSV veranlasst sehen, sich schnellstens mit der angegriffenen Gruppe zu solidarisieren, liegt nahe. Schließlich handelt es sich bei den Hausfrauen hierzulande um eine wichtige Wahlklientel. Mehr als die Hälfte aller Luxemburgerinnen sind Hausfrauen. Analysen des CRP-Gabriel Lippmann und der ILReS über die Zusammensetzung der Wählerinnen im Jahr 1999 zeigen: Sowohl bei den ADR- als auch bei den CSV-Wählerinnen überwiegen die Hausfrauen gegenüber den berufstätigen Frauen.

Wohl deshalb beeilte sich CSV-Präsidentin Erna Hennicot-Schoepges bereits am darauf folgenden Wochenende im Luxemburger Wort zu einer Stellungnahme. Sie schreckte dabei selbst vor Vergleichen mit den Taliban nicht zurück. Auch Marie-Josée Jacobs forderte, eine Woche nach den Aussagen von Biermann, vor laufender RTL-Kamera tief betroffen „Respekt für alle“ ein. Ihr Statement für die Sache der Hausfrauen ist besonders wichtig: Frauenministerin Jacobs sieht sich immer wieder mit der Kritik konfrontiert, sich zu sehr für die Berufstätigen und zu wenig für die Hausfrauen einzusetzen – und das nicht nur von ADR-Mann Gibéryen.

Wer jedoch genauer hinhört, wird bemerken, dass die schnell beschworene Solidarität der CSV mit den Hausfrauen so einfach nicht ist: Da ist die Wirtschaft, die trotz abnehmender Konjunktur in bestimmten Branchen noch immer händeringend nach Arbeitskräften sucht. Zudem können auch die Konservativen mit ihrem traditionell-katholischen Familienverständnis den gesellschaftlichen Wandel nicht länger leugnen: Vor dem Hintergrund einer 50prozentigen Scheidungsquote, sei sie verpflichtet, „vor den Gefahren [der Nichterwerbstätigkeit, d.Red.] zu warnen“, stellte Jacobs im Top Thema fest. Frauen müssten wirklich probieren, „nicht ganz aus dem Betrieb rauszugehen“.

Der Mann als Jäger?!

Erna Hennicot-Schoepges verweist zwar stolz auf die von der CSV eingeführte Erziehungszulage für nicht erwerbstätige Mütter als „besten Beweis“ dafür, dass ihre Parteikollegin eben nicht nur für die eine Gruppe von Frauen eintritt und andere vernachlässigt.

Doch 74,25 Euro monatlich pro Kind bei der Rente angerechnet zu bekommen, reicht einigen Hausfrauen nicht. Eine anlässlich der Biermann’schen Aussagen neu gegründete „Hausfraën-Vertriedung“ fordert eine lebenslang monatlich an die Mutter zu zahlende Erziehungs- und Hausfrauenzulage. „Schließlich“, so die 38-jährige Initiatorin Marie-Anne Thiltgen, „erhält ein Sportler, der Leistung bringt, seine Medaille auch nicht erst nach 45 Jahren.“ Thiltgen will in der jetzigen Familienpolitik „einen Zwang für Frauen zur Erwerbsarbeit und Karriere“ ausgemacht haben. Auf die Frage, warum den Frauen nicht gleiches ermöglicht werden sollte wie den Männern, antwortete die alleinerziehende Mutter gegenüber der woxx: „Der Mann war der Jäger. Das war von jeher so, dass der Mann das Geld in die Familie gebracht hat.“

Genau dieses Rollenverständnis, die einseitige Verantwortung von Frauen für die Erziehung und Familie aber hat Marguerite Biermann in ihrer Rede auf RTL kritisiert und kritisiert sie auch weiterhin. „Jede ist frei, zu wählen, was sie will“, präzisierte Biermann gegenüber woxx am vergangenen Freitag. „Es schockiert mich allerdings, wenn Frauen dafür Reklame machen, wieder in die vier Wände zurückzugehen. Ich möchte nicht dorthin zurück, wo wir die Frauen mühselig rausgeholt haben“. Eine Meinung, mit der sie nicht alleine steht. Eine Mitarbeiterin des Cid-femmes, Christa Brömmel, betonte zwar, die Aussagen von Marguerite Biermann stellten eine „persönliche Meinung“ dar und bedauerte gegenüber der woxx die Polemik, die allen Frauen gerade auch „im Hinblick der nächsten Wahlen“ schade. Sie wies aber zugleich auf notwendige Veränderungen bei den Männern hin: „In einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer die gleichen Rechte eingeräumt werden, müssen Männer verstärkt an Erziehungs-, Haus- und Pflegearbeiten teilnehmen und die traditionelle Männerrolle ändern.“

Zu starke Worte

Auch wenn sie weiterhin die Wichtigkeit der Erwerbsarbeit für die Unabhängigkeit und die Gleichstellung von Frauen betont, ihre Wortwahl hat Marguerite Biermann inzwischen abgeschwächt: „Hätte ich mehr als die sieben Minuten Sendezeit gehabt, hätte ich wohl weniger starke Worte gewählt“, sagte sie gegenüber der woxx. In der aktuellen Ausgabe des „Jeudi“ bedauert sie, „que mes propos aient été réduits à une attaque contre les femmes au foyer (…).“

Vielleicht liest das ja auch Famill-2000-Begründerin Myriam Unsen-Bellion. Sie war es, die eigentlich die Debatte um die „lidderich Hausfraën“ angestoßen hatte: Auf ihren Leserbrief, in dem die Mutter von vier Kindern unter anderem schrieb „Ich bleib‘ jetzt zu Hause: hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Und so nebenbei, neben der ganzen Zufriedenheit und Ausgeglichenheit, die dieser Job mir gibt, erziehe ich meine Kinder zu Menschen …“ hatte Marguerite Biermann ihrerseits mit dem umstrittenen Zitat reagiert.


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