FOTOGRAFIE: Nachbearbeitung als Credo

Der höchste Berg außerhalb des Himalaya ist mit nicht ganz 7.000 Metern der Aconcagua, der an der Grenze zu Chile in den argentinischen Anden liegt. Dass er als ein vergleichsweise leicht zu ersteigender Berg gilt, sollte nicht über den Sauerstoffmangel und die damit verbundenen Schwierigkeiten hinwegtäuschen, die der Bergsteiger bei seinem Aufstieg eingeht. Das Erreichen des Gipfels bleibt eine Grenzerfahrung.

Das Unternehmen wirkt waghalsig und scheinbar irrational: Der deutsche Künstler Michael Najjar hat sich für seine erste Bergbesteigung ausgerechnet dieser Herausforderung gestellt und sie als Fotograf ausführlich dokumentiert. Die neun Bilder umfassende Werkserie „High Altitude“, die aus diesem Material entstanden ist, wird zur Zeit nach Stationen in New York und Genf in der Galerie Clairefontaine in Luxemburg ausgestellt. Najjars Arbeiten erzählen von langsam mahlenden Naturgewalten, Erosion durch Wind und Wasser und erinnern an die zerstörerische Kraft des Unwirtlichen aus Caspar David Friedrichs Eismeer.

Schroffe Felsen und zerklüftete Bergketten, das Eis der Gletscher oder Geröllhalden vor dem Hintergrund eines in dunklem Blau schimmernden Himmels. Dabei wirken die im Mittelpunkt stehenden Felsformationen mit ihren steil aufragenden Türmen wie Schlösser und lassen auch oder gerade wegen der lebensfeindlichen Umgebung an ein heilbringendes Shangri-La denken.

Viele von Najjars Arbeiten spielen vor dem Hintergrund der Virtualität unserer Gesellschaft und der Komplexität unserer urbanen Umwelt mit den Schwierigkeiten, die der im Heute lebende Mensch hat, sich darin zurechtzufinden. Dieser werde sich anpassen und dem gängigen Schönheitswahn folgend auch technologisch aufrüsten. Davon erzählt unter anderem seine Portätserie „Nexus Project“, deren Titel der Fotograf von den Sinn suchenden Androiden aus Philip K. Dicks Klassiker Blade Runner ableitet.

Und auch wenn er sich in seiner Serie „Netropolis“ dem Moloch Megapolis angenommen hat, sieht er die Zukunft nicht in Unrat und Gewalt untergehen, wie es vom Cyberpunk in den achtziger Jahren düster prophezeit wurde, sondern den heutigen Idealen folgend als ästhetisch reines Umfeld.

Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er seine Fotografien zum Teil nachträglich umfangreich am Computer bearbeitet und diese oft auch zu diesem Zweck explizit arrangiert. Vielmehr ist diese Bearbeitung Teil seines Konzepts. Najjars Fotografien beziehen sich nicht ausschließlich auf die Realität, sondern sollen durch die Bearbeitung auf der Basis des entstandenen Fotomaterials neue Bezüge liefern. Najjars nachträgliche Bearbeitung hat zum Beispiel die scharfen Kanten der Felsgrate an die Kursverläufe der wichtigsten Aktienindizes in den letzten 20-30 Jahre angepasst und so auf beeindruckende Weise die Irrationalität der Finanzmärkte visualisiert.

In diesem Zusammenhang kommt der aktuellen Werkserie eine besondere Bedeutung zu. Die Naturgewalten, die einen Berg formen, die Größe und das Alter eines Berges, sind für einen Menschen kaum zu erfassen. Das Resultat sind Faszination und Bedrohung, die in religiöser Verklärung die höchsten Gipfel zu Göttersitzen machten. Und auch wenn die Besteigung eines solchen Berges vielen Menschen einer Entweihung gleichkommt, ist es doch diese materielle und physische Erfahrung, mit der Najjar die nur vorstellbare Größe des Berges für sich fassbar machen wollte.

Die entstandenen Fotografien sollen diese Erfahrung nicht ersetzen, sondern diese unvorstellbaren, virtuellen Dimensionen verdeutlichen. Fast erliegt der Betrachter dem Zauber, bis durch die Titelgebung der höhere Bezug hergestellt werden kann.

„High Altitude“, in der Galerie Clairefontaine, noch bis zum 30.4.


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