JUGENDHAUS: Scratch your life

Ein Treffpunkt für Jugendliche und ein Ort, den Jugendliche mitgestalten sollen: Das ist das Jugendhaus.

Besser sich beim Kickerspiel austoben, als auf der Straße.

„Les jeunes d’aujourd’hui veulent en profiter, ils veulent qu’on les lâche, car ils veulent souffrir. Leurs vies sont faites, ne riment à rien et tous restent au lit chaque matin. Ils veulent continuer dans leur délire (…) ils gardent aussi une place pour leurs jours de stress, ça les aide à remonter la pente à toute vitesse.“

Dieses Lebensgefühl, ausgedrückt in sattem Sprechgesang, untermalt von kräftigen Beats und dem Gejaule vom Sampling, ist das Thema eines der Stücke auf der CD „Mix it up“. Das Album mit seinem bunten Graffiti-Cover ist selbstgemacht. Die Texte wurden von Jugendlichen der Maison des jeunes im hauptstädtischen Bahnhofsbezirk geschrieben und mit Hilfe der Verantwortlichen vor Ort produziert.

„Es ist besser hier im Jugendhaus als auf der Straße“, meint Ivan und blickt kaum vom Bildschirm der Spielkonsole auf. Breitbeinig sitzt er in einem der Ledersessel, im Trainingsanzug und schwarzen Nike-sneakers, eine Schirmmütze aus schwarzem Lack bis tief in die Stirn gezogen. Den Joystick lässt er nicht aus der Hand. „Hier kann man reden, auf der Straße sind die Aggressionen größer“, meint der Jugendliche, der seit vier Jahren in das Inter-Actions-Jugendhaus an der Straßenecke der rue Fort Neipperg kommt.

Während die einen an der Spielkonsole sitzen, stehen andere um einen Billardtisch, zwei jüngere Kids vergnügen sich an einem Kickerspiel, und in der Ecke sind drei weitere im Internet unterwegs. Billardkugeln prallen aufeinander, beim Tischfußball scheppern die drehbaren Griffstangen, der Ball knallt in die Ecken, Treffer werden bejubelt – die Geräuschkulisse in dem niedrigen Saal ist enorm. Auch wird der helle Raum bis in die äußerste Ecke genutzt: Stilisierte Zeichnungen von Jugendlichen, gerahmte Schwarz-weiß-Fotos der User, bunte Schnappschüsse von diversen Ausflügen, Flyer der Super Dreckskescht tapezieren die bunt angestrichenen Wände. Ein sensorieller Overkill.

Serge Schmit, Erzieher und seit neun Jahren Leiter der Institution, der wie ein Portier in einem kleinen verglasten Nebenraum sitzt, von wo aus das ganze Geschehen im Jugendhaus beobachtet werden kann, gibt einige Informationen. „Unsere Hauptbesucher sind Jugendliche im Alter von 12 bis 21 Jahren. 140 Jugendliche sind bei uns eingetragen. Rund 26 Jugendliche frequentieren pro Tag das Jugendhaus. An einem Samstag können es aber schon mal 60 werden“, erläutert der Pädagoge und kramt nach der Anmeldeliste. Rund 6.000 Präsenzen seien das im Jahr – keine leichte Aufgabe für die lediglich zwei Betreuer, über die das Jugendhaus verfügt.

Mit seinen Ohr Plugs und seinem Piercing in der linken Augenbraue strahlt Schmit Unkonventionalität aus, die bei den Jugendlichen gut ankommt. Dennoch muss er als Pädagoge eine gewisse professionelle Distanz wahren: Zum Beispiel, weil viele Jugendliche aus Haushalten mit alleinerziehenden Müttern stammen und einige von ihnen dazu neigen, eine Vaterfigur zu suchen. Aber die Distanz ist generell wichtig, um Autorität zu bewahren, das ermöglichen auch gewisse Regeln: „Die Jugendlichen müssen sich anmelden, wenn sie ins Jugendhaus kommen wollen. Und damit auch ein gewisses Regelwerk akzeptieren“, erläutert Schmit das Prozedere und zeigt auf das Anmeldeformular. Bei den Regeln gehe es um recht allgemeine Prinzipien, wie Respekt, das Verbot von Gewalt, Drogen, Alkohol oder Zigaretten. „Wir hatten schon so einiges hier – auch Vandalismus“, so Schmit, der sich auf seinem Bürostuhl gerade rückt. Hinter ihm ein Poster der Musikband „Faith No More“, auf dem ein weißer Kranich die Flügel ausbreitet. Jedoch gehe es bei der Registrierung auch darum zu helfen. Wenn Drogen, Hygiene- oder Gewaltprobleme im Spiel sind, dann wird auch schon mal ein Sozialarbeiter eingeschaltet. Und das Regelwerk soll auch klarstellen, dass im Jugendhaus nicht jeder machen kann, was er will. „Es ist zwar eine offene Tür – jedoch wollen wir nicht für die Jugendlichen arbeiten, sondern mit den Jugendlichen zusammen“, verdeutlicht
Schmit die Konzeption.

Eine Folge dieses Grundsatzes ist zum Beispiel, dass in dem Jugendhaus fast keine Sessel vorhanden sind. Es soll verhindert werden, dass die Jugendlichen nur herumhängen. Jeder Jugendliche weiß, dass seine Mitarbeit erforderlich ist. „Wir haben keine Putzkraft und reinigen das Jugendhaus selbst. Wir machen Recycling und gehen gemeinsam Süßigkeiten einkaufen, die wir im Jugendhaus für einen symbolischen Preis verkaufen. Wir kochen zusammen“, so der Erzieher, der mit einem Blick aufs Zimmer um Verständnis dafür bittet, dass das Putzen nicht immer hundertprozentig ist. Neben monatlich wechselnden Aktivitäten steht ein Probesaal für Musikprojekte zur Verfügung, und es gibt ein Tanzatelier für Mädchen. Bei der Programmgestaltung können die Jugendlichen auch eigene Ideen einbringen.

Marco, der zurzeit einen Freiwilligendienst im Jugendhaus absolviert und noch selbst zu den Jugendlichen gehören könnte, die hier aus und eingehen, findet ebenfalls: „Es ist besser die Jugendlichen kommen zu uns, statt im Bahnhofsviertel herumzuhängen.“ Und, sehr wichtig: „Hier werden sie auch warm empfangen, was für viele nicht selbstverständlich ist“,

„Ouvre les yeux renoi, on vit dans un monde chelou. La réaction des jeunes, ils font des trucs trop fous. Dans la vie renoi, quand tu te fais du succès. Même tes vraies peuvent te trahir sans pitié.“ In seinen Straßenslangs, wie „renoi“ oder „chelou“, was so viel wie „schwarz“ und „zwielichtig“ bedeutet, trägt Kenny Da Cruz in seinen Songs dick auf. Dabei wirkt der in Luxemburg geborene 17-Jährige mit kapverdianischen Wurzeln im wirklichen Leben eher schüchtern. Auch er, der die Schule abgebrochen hat, arbeitet und träumt davon, irgendwann den Malerberuf auszuüben, schaut dann und wann im Jugendhaus vorbei – der Freunde wegen. „Meine Texte erzählen von den heutigen Jugendlichen, die Drogen verkaufen und in die Illegalität abdriften“, so Da Cruz. „Vielleicht hat sich die Jugend zu sehr am Image gewisser Musikgruppen, wie dem amerikanischen Rap-Musiker 2 Pac, orientiert“, überlegt der Teenager, dessen weißes Sweatshirt mit rot aufgedruckten Motiven von Kopfhörern, Abspielgeräten und Kassetten ihn schon von weitem als Teil der Rapperszene ausweist. „Die Jugendlichen wollen heute zu viel und sie wollen es zu schnell.“ Viele Eltern könnten ihren Kids das nicht bieten. „Einige gehen dann soweit, Passanten zu überfallen, um sich 50 oder 100 Euro zu besorgen“, so Da Cruz. Das alles sei nicht gut, reflektiert der Jugendliche, der zumindest für sich die Musik als Ventil entdeckt hat.

Diese dunklen Seiten kennt auch Serge Schmit bei seinen Schützlingen. So ist die Jugendarbeit, klagt er, in den letzten Jahren schwieriger geworden – da auch die Kids schwieriger geworden sind. Erschreckend sei die Gewaltverherrlichung und das Gangverhalten. „Keine Woche vergeht, ohne dass jemand ausgeteilt oder eingesteckt hat.“ Deshalb ist die Anteilnahme der Eltern am Jugendhaus durchaus von Vorteil – welche jedoch nicht immer vorhanden ist: Während die Eltern der jüngeren Besucher des Jugendhauses die Kinder am Anfang noch begleiten – teils aus Skepsis und Angst vor dem Bahnhofsviertel mit seinem Drogen- und Prostitutionsaufkommen -, ist das bei Jugendlichen ab sechzehn Jahren meistens nicht mehr der Fall. „Viele Eltern wissen nicht, wo ihre Kids sich tagsüber aufhalten, und haben zum Teil auch überhaupt kein Interesse daran. Aber auch Kulturunterschiede spielen hier eine Rolle“, räumt Schmit ein. Immerhin seien 80 Prozent der Jugendlichen, die in das Jugendhaus kommen, immigrierte junge Erwachsene. „Das Jugendhaus ist ein Treffpunkt für jeden.“ Ein Problem, das noch schwieriger in den Griff zu bekommen ist, ist die Mädchenarbeit. Nur rund 25 Prozent der Besucher des Jugendhauses sind Mädchen. „Das liegt sicher auch an der Lage“, mutmaßt Schmit und zeigt durchs Fenster auf die gegenüberliegenden Cabarets und das Drop-In, eine Hilfseinrichtung für Prostituierte. Eine weitere Hemmschwelle könnte die Anwesenheit der Jungs sein, die, auch wegen des vorhandenen Arsenals, wie Kicker, Billard und Playstation, in der Überzahl sind. „Die kapverdianischen und portugiesischen Kulturen sind machistischer: Während die Mädchen um 19.00 Uhr zuhause sein müssen, dürfen die Jungs noch bis 23.00 Uhr bleiben“, stellt Schmit fest, der während seiner Erläuterungen zeitweilig hinter dem großen Glasbehälter mit Kondomen zur Aidsprävention, der auf seinem Schreibtisch steht, zu verschwinden droht. Das mache es schwer, die Mädchen im Jugendhaus zu behalten und mit ihnen zu arbeiten. „Konkrete Projekte, die zu festen Uhrzeiten außerhalb des Jugendzentrums angeboten werden, kommen bei den Mädchen besser an“, so Schmit. Deshalb wurden Projekte ausgebaut, die sich eher an den Neigungen der Mädchen orientieren: Reitunterricht, Schminkkurse, ein Tanzprojekt und ähnliches. „Das Selbstbild ist bei den Mädchen sehr wichtig. Es ist oft durch den Einfluss der Konsumgesellschaft komplett verzerrt“, stellt Ingrid Monivas, die 28-jährige Erzieherin, fest, die sich im Alltag des Jugendhauses vor allem gegenüber den Jungs behaupten muss. Die Mädchen orientierten sich vorwiegend an Model-Maßen. Und in puncto Sexualität und Prävention wüssten viele Kids – Jungs und Mädchen gleichermaßen – oft nur unzureichend Bescheid. „Wir können nur ergänzend einwirken“, meint Schmit. Das Jugendhaus sei nur ein Element unter vielen und könne die Jugendlichen nicht alleine vor Schwierigkeiten bewahren.

„Je fais partie de ces adolescents sans but. (…) Comme certains disent une crise d’adolescence, et le divorce de mes parents ne ramènent que la malchance. Si vous essayez de peut-être moins crier, il y aurait moins de raisons de vouloir prier. Il y a tellement de choses dans ma tête que ça risque d’éclater“ – heißt es in einem der Songs.


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