MENSCHENRECHTE: Ist Universalismus allgemein gültig?

Die Kulturwissenschaftlerin Imke Leicht setzt sich mit der Frage auseinander: Muss es universelle, für die gesamte Menschheit geltende Normen geben oder sind jeweils spezifische Kulturen die einzige Legitimationsquelle für rechtliche und moralische Prinzipien?

Das Kopftuch: Repressionsinstrument, schützenswertes Kulturgut oder Ausdruck von Individualität?

Es hätte wohl kaum des Minarettverbots in der Schweiz, der Verschleierungsdebatte in Frankreich oder des Anschlags auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard gebraucht, um zu bestätigen: Multikulti steckt in der Krise. Einst von Linken gehätschelt und von Rechten zum Feindbild erkoren, sind die Koordinaten des Konzepts vom gleichberechtigten Zusammenleben verschiedener Kulturkreise in Europa gehörig durcheinander gekommen. Begriffe wie Respekt und Toleranz haben scheinbar ihre Bedeutung verloren. Zwangsverheiratungen, „Ehrenmorde“ und gewalttätige Angriffe auf Islamkritiker wie Westergaard lassen den deutschen Publizisten Hendryk M. Broder zu dem frustrierenden Schluss kommen: „Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen.“

Im Bemühen, Migranten gegen rassistische Aggressionen der Dominanzgesellschaft zu verteidigen, verklären indes viele Linke konservative Traditionen. Das Tragen von Kopftüchern wird zum schützenswerten Kulturgut, Feministinnen wie Christina von Braun und Bettina Mathes enttarnen die Burka als Schutz vor der kapitalistischen Verwertung der Frau und damit als Gegenstück zur westlichen Pornografisierung des weiblichen Körpers. Säkulare Positionen, einst Grundlage jedes emanzipatorischen Denkens, werden gegen die Gefahr abgewogen, religiöse, sprich islamische Gefühle zu verletzen. Die „selbstverständliche Affirmität zwischen Linken und Feministinnen“ sei verloren gegangen, beschwerte sich die Psychologieprofessorin Birgit Rommelspacher jüngst in der Tageszeitung „taz“, und meinte damit nicht etwa religionskritische Gemeinsamkeiten. Im Gegenteil: Sie ging heftig mit den Islamkritikerinnen Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und Seyran Ates? ins Gericht und kritisierte, dass deren „antimuslimischer Feminismus“ mit rechten Strömungen kompatibel sei.

Ist der Kampf gegen patriarchale Gewalt also rechts oder gar rassistisch, wenn er sich gegen die Tradition nichteuropäischer Kulturen richtet? Geht Religionsfreiheit zusammen mit radikaler Religionskritik? Und wer verteidigt dann eigentlich das Menschenrecht? „Der Kern dieser Problematik liegt schon in der Begründung des Kulturrelativismus im ausgehenden 19. Jahrhundert“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Imke Leicht in ihrem Buch „Multikulturalismus auf dem Prüfstand“. Die Autorin geht dem Widerspruch zwischen Universalismus und Kulturrelativismus auf seinen historischen Grund: Muss es universelle, für die gesamte Menschheit geltende Normen geben oder sind jeweils spezifische Kulturen die einzige Legitimationsquelle für rechtliche und moralische Prinzipien? Eine Frage, die nicht nur im Multikulturalismusstreit, sondern auch in der über diesen Streit hinaus gehenden Menschenrechtsdebatte eine wichtige Rolle spielt. So etwa, wenn es um die Einmischung westlicher Mächte bei Menschenrechtsverletzungen in „anderen Kulturen“ geht: im Iran, in China oder in einigen afrikanischen Staaten.

Es ist naheliegend, dass vor allem linke und andere Antiimperialisten bis heute den kulturellen Relativismus verteidigen. Es waren auch zunächst fortschrittliche Kräfte, die diesen Ansatz in Abgrenzung zum von der Kolonialzeit geprägten rassistischen und ethnozentristischen Denken entwarfen. Gegen die Evolutionisten, die von einer sich weltweit nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten entwickelnden Menschheitskultur ausgingen und die westeuropäische Zivilisation als die am weitesten entwickelte betrachteten, setzte der Ethnologe Franz Boas Ende des 19. Jahrhunderts seine antikoloniale Theorie: Jede Kultur hat ihre spezifischen historischen Wurzeln, ihre eigene Entwicklung und ist gänzlich unabhängig von anderen Kulturen entstanden. Als grundlegende Idee des Kulturrelativismus vertrat Boas absolute Toleranz gegenüber fremden Kulturen.

In der Folge und unter dem Eindruck zweier imperialistischer Weltkriege sowie des Nationalsozialismus entstand die Forderung nach Anerkennung von kultureller Identität und Differenz sowie „nationaler Souveränität der Völker“. Den wohl prägnantesten Ausdruck erhielt diese Theorie mit dem Anthropologen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss. In einer Rede zur Eröffnung des internationalen Jahres des Kampfes gegen Rassismus im Jahr 1971 vor der UNESCO setzte sich der Franzose dafür ein, „in einer von Monotonie und Uniformität bedrohten Welt die Verschiedenheit der Kulturen zu erhalten“. Mit seinem Plädoyer gegen die „fortschreitende Verschmelzung der Populationen“ brachte er die Ambivalenz kulturrelativistischer Position auf den Punkt.

Die Autorin geht dem Widerspruch zwischen Universalismus und Kulturrelativismus auf seinen historischen Grund.

Lévi-Strauss‘ Thesen erlangten zentrale Bedeutung für antikoloniale Kämpfe, dennoch wurden sie von vielen Theoretikern kritisiert. So etwa von Alain Finkielkraut. Wo der Begriff der kulturellen Identität zum Sinnbild von Unabhängigkeit und die Betonung der Verschiedenheit zum Stolz über die eigene Wesensart werde, würden die Kolonisierten erneut eingesperrt: diesmal in einer kollektiven Identität als aufgezwungener Homogenität, erklärte der französische Philosoph. Folgt man dieser Kritik, so ist es nahe liegend, dass das Postulat für ein „Recht auf Differenz“ auch mit rechten Ideologien vereinbar ist. Beispielsweise beruft sich Alain de Benoist, der Chefideologe der französischen Nouvelle Droite, auf antiimperialistische Bewegungen und verteidigt die „Vielfalt der Rassen, der Ethnien, der Sprachen, der Sitten oder Religionen“ gegen eine „US-amerikanische Verwestlichung“.

Doch die Autorin Leicht beschäftigt sich nicht nur mit den offensichtlich negativen Implikationen kulturrelativistischer Theorien. Sie zeigt auf, wie sich aus der Ablehnung des am US-geprägten „Melting-Pot“ der Multikulturalismus entwickelte. Gegen ein Zusammenschmelzen, das de facto die Akzeptanz einer „vermeintlich US-amerikanischen Identität“ bedeutet habe, so Leicht, sei in den 1960er Jahren in den USA aus sozialen Bewegungen und der „Black Community“ ein „ethnic revival“ entstanden.

Die daraus über die Kontinente hinweg weiter entwickelte Multikulti-Debatte zeichnet die Autorin, die selbst in Kanada geforscht hat, bis in die heutige Zeit hinein nach. Vertreter eines liberalen Multikulturalismus kommen ebenso zu Wort wie radikale Kritiker. So etwa der kanadische Politologe Will Kymlicka, der liberale und universalistische Werte mit ausgedehnten Minderheitenrechten verbinden will. Oder auch Theoretiker der „Cultural“ und „Post-colonial Studies“, die den Begriff der „kulturellen Identität“ zugunsten der „kulturellen Hybridität“ generell in Frage stellen. Da soziale Wirklichkeiten permanent im Wandel sowie vielschichtig und widersprüchlich seien, stehe das traditionelle Konzept der Identität grundsätzlich zur Disposition. Durch konstruierte Nationalkulturen, so der Cultural-Studies-Vertreter Stuart Hall, würden soziale Differenzen innerhalb einer Gesellschaft durch die Erfindung gemeinsamer Traditionen, Symbole, historischer Erzählungen, Erinnerungen und Mythen unsichtbar gemacht.

Nicht zuletzt beschäftigt sich Leicht mit jenen umstrittenen Frauen, die auch jetzt wieder im Schussfeld stehen: Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und Seyran Ates?. Deren radikale Kritik an islamischen Traditionen, autoritär-patriarchalen Familienstrukturen in einigen Migrantenmilieus und an den romantisierenden und folkloristischen Wunschvorstellungen des Multikulturalismus provozierte schließlich weite Kreise: traditionelle Linke und Feministinnen ebenso wie moderne Migrations- und Rassismusforscher. Unvergesslich bleibt hier jene Erklärung einer Gruppe von Wissenschaftlern in der deutschen Wochenzeitung „Zeit“ im Februar 2006: Keleks Analysen seien „nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über „den Islam“ und „die Türken“, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte.“

Imke Leichts Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit. Entsprechend enthält sich die Autorin aufgeregter Polemiken, ohne auf eine kritische Einordnung der verschiedenen Ansätze zu verzichten. Ohne den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft außer Acht zu lassen, erteilt sie Versuchen eine Abfuhr, durch eine alleinige Fokussierung auf das Problem der rassistischen Diskriminierung vor einer Kritik am frauenfeindlichen, reaktionären Traditionalismus mancher migrantischer Milieus zurückzuweichen. Diese Strukturen würden häufig als pure Reaktion auf Ausgrenzung relativiert oder entschuldigt. „Jedoch sind die Identitäten von Migrantinnen und Migranten noch lange kein Ausweis für eine ausschließliche Opferrolle oder gar emanzipatorische Gesinnung“, so Leicht.

Nicht zufällig bringt die Autorin immer wieder die Menschenrechte ins Spiel. Schließlich zählt zu den kritikwürdigsten Spielarten kulturrelativistischer Ideologien, dass sie mit ihrer Romantisierung traditioneller Kulturen und der Verteidigung „nationaler Souveränität“ die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschriebenen Regeln auszuhebeln versuchen. Wie in der Multikulti-Debatte werden auf internationaler Ebene autoritäre oder frauenfeindliche Verhältnisse hingenommen, um nicht rassistischen bzw. imperialistischen Aggressionen Vorschub zu leisten: Folterungen im Iran, die Verfolgung Oppositioneller in Kuba oder China und in letzter Konsequenz sogar Genitalbeschneidungen in Somalia oder Ägypten.

Gegen solche meist von traditionellen Antiimperialisten eingenommene Haltungen bringt Leicht ein universelles Menschenrechtsverständnis in Anschlag, wie es von dem Philosophen Heiner Bielefeldt vertreten wird. Bielefeldt, der selbst der starren Dichotomie von Universalismus und Kulturrelativismus entkommen will, verweigert sich dem Vorwurf, die allgemeinen Menschenrechte seien eurozentrisch definiert und ein Werkzeug imperialistischer Mächte. Diese seien im Gegenteil eine Reaktion auf Unrechtserfahrung und Ausdruck von politischen und sozialen Missständen, die überall erkämpft und verteidigt werden mussten. Subjekte menschenrechtlicher Anerkennung seien weder Kulturen noch kulturelle und religiöse Traditionen, sondern die Menschen, „die solche kulturellen Traditionen tragen oder auch nicht mehr tragen wollen und die ihre je eigenen Identitäten ausbilden und verändern“. Hinter diesen Ansatz sollte die Debatte um Multikulturalismus nicht mehr zurückfallen. In rassistischer Verallgemeinerung von „den Muslimen“ zu reden wird dann ebenso wenig möglich sein wie die Rechtfertigung von Menschenrechtsverbrechen im Namen kultureller Traditionen oder nationaler Souveränität.

Imke Leicht – Multikulturalismus auf dem Prüfstand. Kultur, Identität und Differenz in modernen Einwanderungsgesellschaften. Metropol Verlag, 205 Seiten.


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