JAHRTAUSENDFLUT: Wenn alle Dämme brechen

Die Überschwemmungskatastrophe in Mitteleuropa offenbart das Scheitern eines antiquierten Hochwasserschutzes. Die Umweltorganisationen geben Politikern die Schuld, während man in Luxemburg aus der Vergangenheit gelernt zu haben glaubt.

Land unter an Elbe und Donau, Tausende Tote bei Überschwemmungen in Asien, Unwetter in Nordmexiko und Südrussland: Die aktuellen Flutkatastrophen sind nach Meinung der meisten Klimaexperten Vorboten einer sich anbahnenden ökologischen Katastrophe. Für viele Wissenschaftler besteht kein Zweifel: Der befürchtete Klimawandel hat begonnen.

„Die Erde hat sich in den vergangenen hundert Jahren um 0,7 Grad Celsius erwärmt, in Deutschland stieg die Temperatur sogar um 0,9 Grad. Dadurch kann die Atmosphäre mehr Wasser speichern, so dass es häufiger zu Niederschlägen kommt“, erklärt Tim Staeger. Zwar habe es auch in der Vergangenheit größere Unwetter gegeben, so der Meteorologe von der Universität Frankfurt am Main. Auch könne man einen Klimawandel nicht an einzelnen extremen Ereignissen festmachen. „Die Flutkatastrophe passt jedoch ins Bild“, meint Staeger gegenüber der woxx. „Die Summe der Extreme hat in den vergangenen 50 Jahren um den Faktor vier zugenommen“, konstatiert Friedrich-Wilhelm Gerstengabe vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. „Ein starker Indikator dafür, dass wir uns in einer Klimaveränderung befinden.“

„Gegen Treibhausgase helfen keine Deiche“

Die Mehrheit der Wissenschaftler nennt als Hauptursache den anthropogenen Treibhauseffekt. Einziges Mittel gegen die Erderwärmung sei die Reduktion der Treibhausgase, mahnt Gerstengabe. „Die Emission ist die einzige Schraube, an der wir drehen können. Um den Klimawandel zu stoppen, müsste sie um bis zu 80 Prozent verringert werden.“ Die im Kyoto-Protokoll festgehaltenen Verpflichtungen belaufen sich jedoch nur auf fünf bis sieben Prozent. Zudem wurde das Klimaschutzabkommen von den US-Amerikanern boykottiert, die rund 25 Prozent der Treibhausgase produzieren.

Angesichts der Jahrtausendflut fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unter dem Motto „Gegen Treibhausgase helfen keine Deiche“ Sofortmaßnahmen beim Klimaschutz. Dringlich sei auch, die Flächenversiegelung drastisch zu reduzieren, kanalisierte Flüsse zurückzubauen und weitere Kanalisierungen zu stoppen, um den Flüssen und Bächen bei starken Niederschlägen einen natürlichen Überschwemmungsraum zu bieten. Täglich werden nach BUND-Informationen in Deutschland 130 Hektar pro Tag versiegelt. Die Flüsse verfügten nur noch über 10 bis 15 Prozent ihrer ursprünglichen Überschwemmungsflächen, so der BUND-Pressesprecher Rüdiger Rosenthal.

Die Klimaexperten werfen den Politikern vor, den Hochwasserschutz bislang sträflich vernachlässigt zu haben. Statt beispielsweise neue Überlaufflächen zu schaffen, seien oft lediglich die alten Deiche geflickt und verstärkt worden. „So hohe Deiche und so viele Talsperren kann man überhaupt nicht bauen, um das Problem in den Griff zu bekommen“, sagt Georg Rast vom WWF-Aueninstitut im badischen Rastatt. Die Naturschutzorganisation fordert den Abschied von einer falschen Hochwasserpolitik. Fehler in der Bauleitplanung und der Landnutzung hätten die katastrophalen Folgen der Regenfälle mit verursacht. Bergwälder wurden gerodet, Bachtäler verbaut, Flüsse begradigt sowie natürliche Überflutungsgebiete für Siedlungen und Industrieanlagen trocken gelegt. Eine „nachhaltige Siedlungs- und Verkehrspolitik“ und ein Abschied von „antiquierten Ausbauphantasien“, wie es Gerd Billen, der Geschäftsführer des deutschen Naturschutzbundes (Nabu), formuliert hat, sei dringend erforderlich.

„Wir können nur warnen“

Während die Flut die Menschen in den derzeitigen Hochwassergebieten unvorbereitet traf, sind die Mosel-Anrainer hochwassererfahren. Nach den größeren Überschwemmungen Mitte der 90er Jahre setzte man vor allem in Rheinland-Pfalz verstärkt auf örtlichen Hochwasserschutz. Zudem schafft die geografische Lage der Mosel ganz andere Voraussetzungen als in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das Mosel-Tal ist verhältnismäßig eng, und der Fluss wurde außerdem nie nachteilig ausgebaut.

Während die Europäische Union fünf Milliarden Euro an Hilfsgeldern für die betroffenen Regionen zusagte, schickte Luxemburg diese Woche Sandsäcke, Feldbetten und Decken via Trier nach Ostdeutschland. Premier Jean-Claude Juncker bewilligte eine Soforthilfe von 500.000 Euro. Westeuropa kam diesmal ungeschoren davon. Doch was passiert, wenn hierzulande 370 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, wie es im Erzgebirge Anfang August geschah? Die Experten im Luxemburger Innenministerium, die auch im künftigen Wasseramt für den Hochwasserschutz zuständig sein werden, glauben, aus der Vergangenheit gelernt zu haben.

Ein Projet de Loi zur Schaffung der Behörde wurde am 25. Juli im Parlament deponiert (designierter Chef ist Paul Hansen aus dem Umweltministerium), eine Diskussion über Hochwasserschutz steht hingegen ebenso noch aus wie eine aktuelle Stellungnahme der Umweltorganisationen zum Hochwasserschutz. Als Reaktion auf die letzten beiden Hochwasser 1993 und 1995 wurde laut Fränky Wohl von der Direction de la Gestion de l’Eau ein „konkretes Programm ins Leben gerufen“. Einige Maßnahmen beträfen dabei das Moselgebiet. Das Hauptaugenmerk sei jedoch auf Alzette und Sauer gerichtet, und dabei besonders auf die neuralgischen Punkte Diekirch, Ettelbrück und Wasserbillig, die damals von der Flut heimgesucht wurden.

In den gefährdeten Orten solle möglichst wenig Boden versiegelt und die Kanalisierung von Wasserläufen vermieden werden, erklärt Wohl. „Die Alzette wird ganz renaturiert“, so der Hochwasserexperte. Der Ausbau des Flussbetts bei Diekirch, der Bau eines Rückhaltebeckens in Welscheid – die Luxemburger „Hochwasserschützer“ setzen nach eigenen Worten auf den schonenden Umgang mit der Natur. „Völlig geschützt sind wir jedoch nicht“, gibt Wohls Kollege Robert Kipgen zu. „Wir können nur warnen und die Geräte bereit stellen, wenn das Wasser kommt. Bei so starken Regenfällen wie zuletzt in Mitteleuropa können auch wir nicht mehr tun. Außer die Feuerwehr informieren.“

Stefan Kunzmann / Anne Gast


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