PISA-DEBAKEL: Offensive Defensive

Es geht voran, meinte Unterrichtsministerin Anne Brasseur während der Orientierungsdebatte ein Jahr nach PISA. Bloß wohin?, fragt die Opposition.

Hoffentlich platzt er nicht …
(Foto: Christian Mosar)

Ein geschickter Schachzug war das. Als die Unterrichtsministerin Anne Brasseur am vergangenen Mittwochabend endlich an die Reihe kam, um in der Orientierungsdebatte zur PISA-Studie Stellung zu beziehen, zauberte die DP-Politikerin erst einmal jede Menge Papier hervor. Statistiken, Orientierungsdokumente, Lesefibeln, eine CD-Rom und sogar drei Gesetzesentwürfe hinterlegte sie beim verdutzten Chamberpräsidenten und konterte damit – zumindest vordergründig – den Vorwurf der rot-grünen Opposition, die Regierung habe seit dem PISA-Debakel im Dezember 2001 noch immer keine Maßnahmen gegen den Bildungsnotstand in Luxemburg ergriffen.

„Die Bildungsoffensive geschieht in Ruhe“, erteilte Brasseur all jenen eine Abfuhr, die nach dem dramatisch schlechten Abschneiden luxemburgischer SchülerInnen beim PISA-Test vielleicht gehofft hatten, dies könnte endlich Anlass zu tief greifenden Reformen geben. Statt dessen verwies die Ministerin auf eine Aussage des Max-Planck-Experten Jürgen Baumert. Dieser hatte im Zusammenhang mit den PISA-Ergebnissen gemeint, er fürchte sich am meisten „vor jenen Personen, die jetzt genau wissen, was zu tun ist“.

Ohne wissenschaftliche Basics

Dass die selbst ernannte Pragmatikerin eine Freundin der kleinen Schritte bleibt, zeigt ein genauerer Blick auf die verschiedenen, in einem Bericht an die zuständige Parlamentskommission vollmundig angeführten Maßnahmen. Als erledigt oder in der Umsetzung begriffen führt das Ministerium unter anderem Punkte wie die Einführung neuer Lernfibeln, der „éducation précoce“ oder des Team-Teachings auf. Luxemburgisch als Unterrichtssprache frühzeitig vermittelt, soll Kindern helfen, sich der deutschen Sprache anzunähern. Eine gute Idee, allerdings sind die meisten ErzieherInnen im „précoce“ nicht – wie in anderen Ländern – für eine solche Spracherziehung ausgebildet. Zudem fehlt es, obwohl viele der Initiativen aus der Zeit vor PISA entstanden sind, noch immer an einer wissenschaftlich fundierten Evaluation. Der genaue Wert dieser Maßnahmen bleibt also weiterhin ungewiss.

Auch die Ankündigung, Schulen künftig mehr Gestaltungsspielraum zu geben, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als zweifelhafte Angelegenheit. Die Reform des Schulgesetzes von 1912 und die Re-Organisation des Post-Primärunterrichts bringen Eltern, SchülerInnen und Lehrerschaft eher weniger als mehr Mitspracherecht an den Schulen. Aber darüber spricht offiziell, bis auf die Gewerkschaften und die Elternvereinigungen, niemand.

„Wir laufen vor eine Gummimauer“, beschrieb der sozialistische Abgeordnete Jos Scheuer erzürnt die Nach-PISA-Debatten in der Bildungskommission. „Imperméable“ sei die Ministerin. Wer weiß, dass beispielsweise von den über 40 gemachten Vorschlägen der Gewerkschaften zur Reform des Schulgesetzes von 1912 lediglich drei kleine Maßnahmen zurückbehalten und dass zum öffentlichen Hearing zu PISA betroffene NGOs und Wirtschaftsverbände gar nicht erst eingeladen wurden, weiß auch, woher diese Einschätzung herrührt.

„Ich bin überzeugt, dass es die richtigen Maßnahmen sind, sonst würde ich sie nicht nehmen“, lautet das unerschütterliche Credo der Ministerin. Bleibt die Frage, woher Anne Brasseur diese Gewissheit hat, wenn doch bis heute keine wissenschaftlich fundierte Analyse der luxemburgischen Bildungskatastrophe existiert und im Ministerium bis heute keine spezialisierten (Bildungs-)Fachkräfte eingestellt wurden? ExpertInnen in ganz Europa, und ja sogar die Ministerin selber, sind sich jedoch einig über die Besonderheit und Komplexität des Luxemburger Schulwesens mit seiner Mehrsprachigkeit und seinem hohen Ausländeranteil.

Bei so wenig gesammelter Fachkompetenz wundert es auch nicht, dass die Punkte, die im Parlament vorgetragen wurden, bis auf wenige Ausnahmen an der Oberfläche blieben. Claude Wiseler von der CSV trug, nach der Pressekonferenz im November 2002 (siehe woxx Nr. 669), ein weiteres Mal seine 20 Punkte vor. Seine Vorschläge klangen ganz ähnlich wie Anne Brasseurs „Weiter so!“ und Agnes Durdus (DP) „keine Panikmache“.

Rote Karte von den Grünen

Lediglich Robert Garcia ging das Bildungsthema grundsätzlicher an: Der grüne Abgeordnete wiederholte seine Forderung nach einer Gesamterhebung zum Schulsystem. In seiner Motion, die von der Regierungsmehrheit abgelehnt wurde, nannte Garcia sieben Punkte, um die Bildungsmisere zu beheben, darunter unter anderem die Einrichtung einer „Task-Force PISA“. Diese hätte kurzfristig einen Aktionsplan PISA mit kurz- und mittelfristigen Maßnahmen erstellen können, ähnlich dem bereits existierenden „Plan national de l’emploi“. Statt verschiedene unkoordinierte Einzelaktionen zu starten, forderte der Politiker zudem ein kohärentes Sprachenkonzept. „Wir haben zwar ein Sprachenproblem, aber das ist nicht unlösbar“, betonte Garcia in seiner Rede.

Wie ein solches Konzept im Ansatz aussehen könnte, haben die Grünen bereits in ihrem Bildungsgrundsatzpapier von 1998 erörtert: Statt als Lehrinhalt (zu) viel Grammatik festzuschreiben, plädiert die Partei in Sachen Spracherwerb für mehr Praxisnähe und für die Förderung der kommunikativen Fähigkeiten zu üben. Garcia kritisierte in diesem Zusammenhang, dass es in der öffentlichen Schule noch immer an flächendeckenden Sprach-Förderkursen für lernschwache SchülerInnen mangele, wie es sie beispielsweise in der katholischen Privatschule Fieldgen gibt. Sprachförderung sowie die Einführung der Gesamtschule sieht der Grüne denn auch als wichtigste Maßnahmen, um der durch die PISA-Studie bescheinigten sozialen Ungleichheit beizukommen. Solche Forderungen bleiben mit der jetzigen Bildungsministerin freilich ausgesprochenes Wunschdenken.

Die traurige Tatsache, dass das luxemburgische Schulsystem insbesondere AusländerInnen benachteiligt und ausselektiert, ist übrigens beileibe keine neue Erkenntnis, sondern schon seit der Maghreb-Studie in den 1970ern wissenschaftlich belegt. Eine weitere Studie könnte noch genauere Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschlüsse liefern. Könnte – schränkte der LSAP-Abgeordnete Scheuer ein. Denn die vom Unterrichtsministerium für August vergangenen Jahres angekündigte Veröffentlichung lässt noch auf sich warten.


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