GIRLS‘ DAY 2003: Kurbelwelle statt Dauerwelle

Jungen werden Baggerfahrer, Programmierer oder Professoren. Mädchen werden Friseurin, Sekretärin oder Grundschullehrerin. Der Girls‘ Day 2003 will am 8. Mai mit diesen Klischees aufräumen und Mädchen für atypische Berufe begeistern.

„Les filles en avant!“ lautet das Motto des zweiten Girls‘ Day, der am 8. Mai diesen Jahres in Luxemburg stattfindet. Der Startschuss ist gefallen, das Fraueninformations- und Dokumentationszentrum Cid-femmes, das den Girls‘ Day koordiniert, hat in einer Pressemitteilung und mit Briefen Betriebe, Verwaltungen und Organisationen im ganzen Land dazu aufgerufen, an jenem Tag ihre Türen für interessierte Mädchen zu öffnen. Vor allem im Technik- und Kommunikationsbereich werden noch Praktikumsplätze gesucht.

„Die Sache nimmt Gestalt an“, sagte Christa Brömmel auf Nachfrage der woxx. Die zuständige Koordinatorin des Cid-femmes rechnet dieses Jahr mit mehr TeilnehmerInnen als noch im Vorjahr, „unsere Initiative spricht sich allmählich herum“. Im vergangenen Jahr, beim ersten Girls‘ Day, hatten 26 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren an der Aktion teilgenommen. Im Angebot: 85 Plätze in 13 Betrieben, von Autowerkstätten (so sie denn über Frauenklos verfügten) bis hin zu den „Services du Géomètre“, also mehr, als von den Mädchen tatsächlich genutzt wurden. Für dieses Jahr gilt es deshalb, den „Mädchenzukunftstag“, wie er in Deutschland genannt wird, insbesondere unter den Schülerinnen bekannter zu machen. Die erste Hürde wurde auch schon genommen. Anders als im Vorjahr ist das Unterrichtsministerium – neben den Gewerkschaften OGBL und LCGB, welche die Initiative finanziell und mit diversen Kontakten zu Betriebsräten und betrieblichen Gleichstellungsbeauftragten fördern – als Partner mit von der Partie.

OGBL, LCGB und MEN mit dabei

„Wir unterstützen den Tag, in dem wir die Schulleitungen und die Lehrergewerkschaften auffordern, das Projekt bekannt zu machen“, sagt Chantal Fandel, zuständige Sachbearbeiterin des Unterrichtsministeriums, gegenüber der woxx. Zudem soll für den Girls‘ Day auch auf der hauseigenen Website und in verschiedenen Publikationen geworben werden. Auch finanziell beteiligt sich das Unterrichtsministerium an der Initiative, es übernimmt Druck- und Materialkosten, die dem Cid-femmes im Rahmen der Mobilisierung entstehen, und LehrerInnen, die sich für das Projekt engagieren wollen, bekommen ihre Überstunden weitgehend ersetzt.

„Wir haben ähnliche Ziele“, erklärt Fandel das diesjährige Engagement. Im vergangenen Jahr habe man sich noch nichts darunter vorstellen können, aber nun, nach der ersten positiven Bilanz des Cid-femmes, wolle man sich verstärkt am Girls‘ Day beteiligen. Immerhin gehe es darum, so Fandel, Schule und Betriebe zusammenzubringen. Eine Erkenntnis, die wohl auch daher rühren dürfte, dass die Zahl der Jugendlichen, die nach dem Schulabschluss keinen Arbeitsplatz bzw. keine Lehrstelle finden, auch hierzulande steigt.

Erstaunlich bleibt vor diesem Hintergrund allerdings, dass sich der Arbeitsminister bisher noch nicht zum Girls‘ Day geäußert hat. Überhaupt scheint es Kommunikationsprobleme zu geben: Den Brief, den das Cid-femmes vor Wochen ans Arbeitsministerium verschickte, hat das der Behörde unterstellte Arbeitsamt ADEM jedenfalls nicht erhalten. Deren Frauenbeauftragte Karin Meyer ist der Initiative gegenüber zwar grundsätzlich aufgeschlossen, wartet aber noch bis heute auf Details.

Offenbar ist die ADEM-Mitarbeiterin aber nicht die einzige, die sich einen besseren Informationsfluss wünscht, Ähnliches ist auch von einigen Unternehmen zu hören. Und sogar in den angeschriebenen Verwaltungen größerer Gemeinden scheint der Mädchentag noch nicht sehr geläufig zu sein. Reaktionen wie in Bettemburg oder Sanem, wo auf Nachfrage sofort an die Gleichstellungsstelle weitervermittelt wird und diese fachkundig Rat geben kann, sind noch relativ selten. Offenbar wurde mal das entsprechende Informationsmaterial nicht oder spät weitergeleitet, mal fehlten AnsprechpartnerInnen oder einfach das nötige Interesse. Darum sollen, so fern bekannt, verstärkt Frauen und Frauenbeauftragte in den Verwaltungen und Betrieben angesprochen werden und es soll – bei ausbleibender Antwort – telefonisch nachgehakt werden. Viel Arbeit für die zuständige Cid-Koordinatorin, die lediglich eine Teilzeitstelle innehat.

Landesweit und grenzenlos

Wichtige Verstärkung bekommt die Initiative nun aus dem Süden: Das Gleichstellungsbüro der Stadt Esch/Alzette übernimmt die Organisation des Girls‘ Days im Escher Raum. „Wir haben schon mehrere Zusagen von Escher Lyzeen“, berichtet Nicole Jemming. Die städtische Mitarbeiterin hat neben Schulen, dem Jugendhaus und den schulpsychologischen Diensten auch etwa 90 Unternehmen, unter ihnen männerdominierte Bereiche wie Schreinereien, Malerbetriebe, technische Verwaltungsbereiche und Baufirmen, kontaktiert – erste interessierte Rückfragen und Angebote, zum Beispiel vom im Esch ansässigen nationalen Institut für berufliche Weiterbildung CNFPC, hat sie schon.

„Ich denke, das ist ein wichtiges Thema und ein echter Beitrag zur Chancengleichheit“, erklärt Jemming ihre Motivation. Gewünschter Nebeneffekt: Das erst vor kurzem eingerichtete Escher Gleichstellungsamt knüpft erste Kontakte zu wichtigen sozialen AkteurInnen in der Region.

Die Nachbargemeinde Sanem wird am 8. Mai wahrscheinlich nicht dabei sein: Sanem hat keine Lyzeen, die meisten SchülerInnen zwischen 13 und 17 Jahren gehen in Esch zur Schule und profitieren deshalb vom Escher Engagement. Ein Engagement, das die Sanemer Frauenbeauftragte Jeannine Kettmann-Schumann in jedem Fall unterstützt. Ihre Gemeinde plant für Juni diesen Jahres eine ähnliche Aktion, um Mädchen und Jungen für eine „klischeefreie“ Berufswahl zu sensibilisieren.

Und noch eine Besonderheit hat der diesjährige Girls‘ Day, der sich übrigens stark am deutschen Vorbild orientiert: Dieses Mal wird grenzüberschreitend zusammengearbeitet. So ist der Cid-femmes im Arbeitskreis Verbundstelle Trier mit dabei. Erstmalig sollen Mädchen Einrichtungen in der Grenzregion besuchen können: etwa die Trierer Uni, die mit dem Frauen-Mentoring-Projekt „Ada Lovelace“ vor allem im hochqualifizierten IT-Bereich über wertvolle Kontakte und Informationen verfügt. Die Kooperation ist freilich keine Einbahnstraße. Angesichts der eher zögerlichen Rückmeldungen von Unternehmen aus dem Trierer Raum freuen sich die dortigen Girls‘ Day-Organisatorinnen, ihre Schülerinnen auch nach Luxemburg vermitteln zu können.

Ines Kurschat


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