SPITZE FEDERN: Trotzki, der Troubadour

Ein Bildband mit Karikaturen, die führende Bolschewiki voneinander angefertigt haben, verdeutlicht die Stalinisierung der Sowjetunion.

Auch auf dem Papier gab’s mit ihm
wenig zu lachen: Stalin, gezeichnet von Nikolai Bucharin.

Gegenwärtig wird von vielen bürgerlichen Historikern die Geschichte des Kommunismus sehr einseitig und sehr vereinfacht geschrieben. Für die UdSSR stehen die Verbrechen der Stalin-Ära im Vordergrund. Mit dem Kampfbegriff des Totalitarismus werden Kommunismus und Faschismus – die schärfsten Gegensätze des 20. Jahrhunderts – in einem Begriff zusammengefasst. Viele Forscher arbeiten an einem Vergleich der „zwei deutschen Diktaturen“; während die nationalsozialistische Diktatur Leichenberge und Trümmerberge hinterlassen hat, hat die DDR Aktenberge hinterlassen, die einigen Tausend Menschen noch für Jahre oder Jahrzehnte Arbeit und Brot geben.

Das von Alexander Vatlin und Larissa Malaschenko publizierte Buch kann uns helfen, den Vereinfachungen über die widerspruchsvolle Geschichte der Sowjetunion zu entgehen. Das Buch birgt Schnellportraits und Karikaturen, gezeichnet oder auf Papier geworfen von führenden sowjetischen Funktionären., vor allem von Nikolai I. Bucharin und Waleri I. Meshlauk. Die Zeichnungen entstanden meist während der langen politischen Sitzungen. Sie enthalten oft auch Kommentare – kritische und humorvolle – über die Abgebildeten. Zunächst unter den führenden Genossen herumgereicht, landeten sie später in einer privaten Sammlung von Kliment E. Woroschilow und kamen schließlich ins Archiv, aus dem sie nun von den Herausgebern gehoben und kommentiert wurden.

Die radikale Veränderung der Atmosphäre in den führenden Kreisen der KPdSU wird in dem Buch deutlich. Anfangs sind die Konterfeis freundlich, die Kommentare zu den Themen der Sitzungen und den Reden wohlwollend. Im Laufe der Zeit – mit der Konsolidierung der Position Stalins und den beginnenden Repressionen, die in die Bartholomäus-Nacht der großen „Säuberung“ münden – werden die „Karikaturen“ giftig, sind nur noch wenig humorvolle Bejahung der Verfolgungen, denen in den Jahren 1936-1938 die erfahrenen Funktionäre der Partei, der Wirtschaft, des Staatsapparates und der Armee zum Opfer fallen. Stalin gelang es, all jene, die eigene Gedanken und Vorschläge erarbeiteten, die seinen Maßnahmen nicht zustimmten, gegeneinander auszuspielen. Er konstruierte für diese Kritiker Fraktionen und Verschwörer-Zirkel und vernichtete sie nacheinander unter den abstrusesten Anklagen. In seinem Vorwort nennt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore das Jahr 1937, in dem alle Freundschaft im Führungskreis endgültig aufhört.

Im Laufe der Zeit werden die „Karikaturen“ giftig, sind nur noch wenig humorvolle Bejahung der Verfolgungen.

Dieser Prozess – der schrittweise systematische Abbau der sozialistischen Demokratie in Staat und Partei, die Sanktionierung alternativen kommunistischen Denkens – musste schließlich zur gesellschaftlichen Stagnation und in die Katastrophe führen. Dieser Prozess besagt aber auch, dass die KPdSU und ihre Führung nicht von Anfang so waren, wie in der Stalin-Ära und dass diese Entwicklung nicht im Keim in der Oktober-Revolution angelegt war. (Es bleibt dann zu untersuchen, welche Faktoren für diesen Niedergang verantwortlich waren. Das ist nicht Gegenstand dieses Buches.)

Äußerst selten wagten sich die Zeichner an Stalin; es gibt nur eine Karikatur über ihn im Buch. Dagegen wurden viele hohe Funktionäre mit Feder oder Bleistift aufgespießt. Ihre Probleme wurden auf den Zeichnungen erwähnt, ihre Forderungen (zum Beispiel mehr Mittel für ihre Ressorts) kommentiert. So geben die Zeichnungen oft ein Bild vom Inhalt der Sitzungen und den notwendigen Debatten. Die wichtigsten Fragen, um deren Lösung gerungen wurde, werden in den Kommentaren der Herausgeber kurz erläutert. Dennoch ist übersetzter Humor keine leichte Lektüre.

Noch im November 1926 bemühte man sich, Sachfragen mit den Kritikern zu diskutieren; die Zentrale Kontroll-Kommission untersagte der Parteipresse, opponierende Genossen zu karikieren. „Als sich jedoch der erbarmungslose interne Machtkampf zuspitzte, wurde immer häufiger und bedenkenloser gegen die erklärten moralischen Prinzipien verstoßen, vor allem innerhalb der Führungsriege. Die Zeichnungen der Künstler zu dem Thema sind ?schonungslos und respektlos'“, ist in dem Buch zu lesen. Aber selbst die Opposition war dann nicht mehr zimperlich. Auch die Satire wurde nun brutaler, war kaum noch witzig. Ein paar harte Karikaturen richteten sich gegen Stalins Methoden: einige zeigten ihn als zaristischen Gendarmen, der die innerparteiliche Demokratie mit Füßen tritt und die erfahrensten Bolschewiki in die Gefängnisse wirft:. Die Zeichnungen haben wenig Geist, aber viel Gift; oft wird es unappetitlich, manchmal antisemitisch.

Im ersten Teil gibt das Buch Fotos und Zeichnungen der politischen Führer, meist vor 1930 entstanden. Stalin wird noch kritisch gesehen, auch Trotzki als eingebildeter spanischer Troubadour mit einer Gitarre. Die herausragenden Eigenschaften (und Mängel) werden gezeigt oder angemerkt. Wer die Geschichte kennt, weiß um die persönlichen Tragödien, die hinter diesen Bildern stehen: Bucharin, Ministerpräsident und ?Liebling der Partei‘ (Lenin), 1938 hingerichtet, Meshlauk, Vorsitzender der Plankommission, stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, 1938 hingerichtet. Die große Mehrheit der in diesem Teil porträtierten Funktionäre wurde hingerichtet, mindestens zwei begingen Selbstmord. Unter den Opfern waren auch bedeutende Forscher, z. B. Nikolai D. Kondratjew und Dawid B. Rjasanow, beide 1938 erschossen. Überlebt hat unter anderem Jaroslawski, der sich bei Stalin beliebt gemacht hat durch seine besondere Gehässigkeit gegen die Kritiker.

Der erste Teil spiegelt „die spontane und aufrichtige Reaktion der kommunistischen Führer auf einzelne Ereignisse wider; Verstellung und Speichelleckerei, die das Verhalten der sowjetischen Elite Ende der dreißiger Jahre prägten, sind in ihnen in weit geringerem Maße zu finden“ als im zweiten Teil des Bandes. Dieser behandelt ökonomische und politische (innerparteiliche) Fragen. Aus den Kommentaren kann man manches über die Debatten und Entscheidungsprozesse entnehmen.

Zuletzt werden „Karikaturen“ und Zeichnungen zum 17. Parteitag 1934 (dem so genannten Parteitag des Sieges) und zum Februar/März-Plenum des ZK 1937 abgedruckt. Auf dem Parteitag wurde der Leningrader Parteisekretär Sergei M. Kirow zum Nachfolger Stalins gewählt; daher wurde diese Wahl „wiederholt“. Kirow wurde wenig später ermordet; die Mehrheit der Parteitagsdelegierten wurden während der großen Säuberung liquidiert. Das Plenum des ZK beschließt 1937 nach längeren Debatten und verschiedenen Vorschlägen zur Bestrafung von Nikolai Bucharin und Alexei Rykow, beide aus dem ZK und der KPdSU auszuschließen. Es beginnt der letzte Akt im Leben der beiden Alt-Bolschewisten, der mit ihrer Erschießung im März 1938 endet.

Bucharin und Meshlauk sind wohl die begabtesten Zeichner, Bucharin sicher ein Künstler, beide sehr gebildete Menschen. Am Ende greifen sie einander an, ein merkwürdiger Prozess ist zu erkennen: Geständnisse über undenkbare Verbrechen, gegenseitige Denunziationen. Psychische und physische Folter, Drohungen und Erpressung – die Orgie der Säuberung erreicht ihren Höhepunkt; sie untergräbt den sozialistischen Aufbau, schwächt die UdSSR im Inneren und zerstört ihren weltpolitischen Kredit. Keiner der von Stalin Ausgestoßenen kann sich retten. Der Apparat ist erbarmungslos.

Die Autoren haben nur einen kleinen Teil der im früheren Archiv der KPdSU gesammelten Karikaturen publiziert. Die Auswahl wirft einige Schlaglichter auf die parteiinternen Kämpfe, die zwar von Personen geführt wurden, aber doch vor allem um die sozialistische Entwicklungsstrategie, für die es kein Vorbild gab. Auch Kommunisten regieren „by trial and error“. Regierungskunst ist, die Irrtümer frühzeitig zu erkennen, sie öffentlich zu bekennen und schnell zu korrigieren.

Man kann dieses wertvolle Buch besser verstehen, wenn man die Biografien der Künstler und ihrer Objekte und die sozialistische Geschichte kennt.

Alexander Vatlin und Larissa Malaschenko (Hg.) – Schweinefuchs und das Schwert der Revolution. Die bolschewistische Führung karikiert sich selbst. Verlag Antje Kunstmann, 216 Seiten.

Zum Rezensenten:
Professor Dr. Theodor Bergmann, geboren 1916 in Berlin, war bereits in der Weimarer Republik Teil der antistalinistischen Strömung innerhalb der kommunistischen Bewegung. Bis 1946 in Israel und Schweden im Exil, kehrte der jüdische Kommunist nach Deutschland zurück. Der emeritierte Professor für international vergleichende Agrarpolitik und Autor zahlreicher Bücher über die Geschichte der Arbeiterbewegung lebt und arbeitet in Stuttgart. Am 11. Januar diesen Jahres war er – anlässlich der Vorführung eines Filmporträts über sein Leben – in der Cinémathèque in Luxemburg zu Gast.


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