WOHNUNGSBAU: Aufmöbeln statt abreißen

Die „Semaine Nationale du Logement“ stellt die Nachhaltigkeit in den Vordergrund. Architekt Thierry Cruchten erläutert, worauf es bei der diesjährigen Ausgabe besonders ankommt.

woxx: Herr Cruchten, der Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf „Bauen im Bestand“. Was versteht man darunter?

Thierry Cruchten: Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass man trotz nachhaltiger Energiepolitik – das heißt der Förderung energieeffizienter Neubauten – bestehende Altbauten nicht einfach abreißen muss. Wir wollen zeigen, dass alte Gebäude immer noch sehr wertvoll sind und dass man mit ihnen interessante Projekte mit großer Nachhaltigkeit realisieren kann. Ob es sich um eine komplette Renovierung oder einfach nur einen Anbau handelt – auf der „Semaine du Logement“ werden solche Projekte ausführlich vorgestellt.

Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit in der Wohnungsbaupolitik in Luxemburg?

Es ist erkennbar, dass die Leute sich der Problematik der Energieeinsparung bewusst sind und auf Nachhaltigkeit setzen. Der Staat schreibt für Neubauten eine Mindestenergieklasse vor. Die Tendenz ist ziemlich klar: Es wird darauf geachtet, nachhaltig zu bauen. So ist es nicht verwunderlich dass der größte Anteil der neuen Projekte im Niedrigenergiestandard geplant und gebaut werden. Die energetische Sanierung im Bestand ist aber natürlich aufwendig und bedarf einer gründlichen Planung und eines Energiekonzepts, das die Architektur nicht vernachlässigt. Deshalb ist es wichtig, sich im Rahmen des Wohnungsbaus auch mit der Erhaltung bestehender Gebäude zu befassen und so Energie und Architektur in Einklang zu bringen.

Wie sieht die Architektur bei „Bauen im Bestand“ aus?

Die Projekte, die dieses Jahr auf der Semaine du Logement ausgestellt werden, reichen von Dachbodensanierung über Anbauten bis zur Komplettrenovierung. Es ist interessant zu sehen, wie die Zusammenarbeit von Bauherr und Architekt, beziehungsweise Ingenieur, zu sehr individuellen und anspruchsvollen Lösungen geführt hat. Einige Projekte gehen sehr gefühlvoll mit der alten Bausubstanz um, während andere klar den Kontrast zwischen Alt und Neu hervorheben möchten.

Welche Erwartungen haben Sie an die Semaine du Logement?

Ich erhoffe mir, dass wir mit unserer Ausstellung die Sensibilisierung erreichen, dass ein Altbau nicht automatisch als schlecht gilt, weil er energetisch nicht auf dem neusten Stand ist, sondern dass ein anderes Potential erkannt wird, das in ihm steckt. Wenn man – mit dem Ziel, Energie zu sparen – immer nur Neubauten in Betracht zieht und zwangsläufig den Bestand abreißt, riskiert man auch, unsere architektonische „patrimoine“ zu zerstören. Es entstehen viele Schäden, die zukünftig irreparabel sind. Schäden in diesem Sinne entstehen aber nicht nur durch das Abreißen, sondern beispielsweise auch durch falsche Dämmmaßnahmen. Denn eine Fassade aus Naturstein von außen zu dämmen, bedeutet, dass nichts mehr vom bestehenden Haus zu erkennen ist. Der Charakter des Hauses geht ganz verloren. -„Bauen im Bestand“ soll kein Mittelweg zwischen Abreißen und Neubauen sein, sondern parallel dazu laufen. Unsere Mission als Architekten und Ingenieure aus Luxemburg ist es, diese Problematik hervorzuheben und darauf hinzuweisen, dass es andere Themen in der Altbausanierung gibt als nur die Energieeffizienz des Hauses.

Die „Semaine Nationale du Logement 2010“ wird vom Wohnungsbauministerium in Zusammenarbeit mit dem OAI (Ordre des Architectes et des Ingenieurs-Conseils) organisiert und findet vom 1. bis zum 4. Oktober in den Hallen der LuxExpo statt.
Programm und Öffnungszeiten:
www.logement.lu


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