ARBEITSUNFÄLLE: Gefahrenzone Baustelle

Mit der Sicherheit am Arbeitsplatz ist es in Luxemburg nicht gut bestellt. Vorschriften werden ungenügend eingehalten – und Kontrollen finden zu selten statt.

Der Helikopter der „Air Rescue“ kam kurz vor Feierabend. Auf einer Baustelle in Beckerich war ein Arbeiter etwa fünf Meter in die Tiefe gestürzt. Als er eine Verschalung habe abmontieren wollen, sei ihm plötzlich schwarz vor Augen geworden, heißt es im Polizeibericht zu dem Unglück von vergangener Woche. Aus dem Bericht ging hingegen nicht hervor, ob die Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle ausreichend waren. „Das wissen wir nicht“, gab ein Polizeibeamter gegenüber der woxx zu.

Der Fall ist keine Ausnahme, wie sich nach Recherchen unserer Zeitung herausstellte. Die Antwort des Polizisten verdeutlicht vielmehr, wie lässig die gesetzlich verankerten Sicherheitsbestimmungen an Arbeitsplätzen in Luxemburg umgesetzt werden. Die Kontrolle obliegt der Inspection du Travail et des Mines (ITM). Diese führt nach eigenen Angaben jährlich etwa zehn groß angelegte unangekündigte Kontrollen durch. Zu wenig, sagen KritikerInnen.

Dabei ist die Zahl der Arbeitsunfälle in Luxemburg innerhalb von sieben Jahren um rund ein Drittel gestiegen. Waren es 1994 noch 20.215 Unfälle im Großherzogtum, verunglückten im Jahr 2001 bereits 26.472 Mal ArbeitnehmerInnen an ihrem Arbeitsplatz, wie aus der Statistik der Association d’assurance contre les accidents (AAA) hervorgeht. Das Spektrum der Arbeitsunfälle ist breit: Unter diese Rubrik fallen Bagatell-Verletzungen und leichte Blessuren ebenso wie Unfälle mit tödlichem Ausgang: Im vorletzten Jahr kamen demnach 20 Menschen am Arbeitsplatz ums Leben. Für das Jahr 2002 hat die AAA noch keine Zahlen veröffentlicht.

Lucien Sins von der AAA führt den Anstieg der Unfälle auf den enormen Zuwachs an Arbeitskräften zurück: „Es sind über ein Drittel mehr Arbeitnehmer als sieben Jahre zuvor. Und es gibt immer mehr Unternehmen.“ Was Sins aber nicht berücksichtigt: Die Zahl der Arbeitskräfte war bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre angestiegen – ohne dass sie zu einer Zunahme an Unfällen geführt hatte. Alex Teotonio, beim OGBL für den Bausektor zuständig – für jene Branche also, die in der Rangliste der Arbeitsunfälle hinter dem Dachdeckergewerbe auf dem zweiten Platz liegt -, sieht die Ursachen in der ungenügenden Einhaltung der Sicherheitsvorschriften: „In Luxemburg gibt es darin einiges nachzuholen“, erklärt der Gewerkschafter im Gespräch mit der woxx. „Besonders kleine und ausländische Betriebe verfügen nur über minimale Standards. Oft haben sie keinen Sicherheitsbeauftragten.“ Ein solcher ist aber obligatorisch. Selbst auf staatlichen Großbaustellen ist es trotz gegenteiliger Beteuerungen des Bautenministeriums nicht immer weit her mit der Sicherheit.

Die Zustände auf vielen Baustellen sind dementsprechend prekär. Kranführer balancieren ohne Absicherung Material über die unbehelmten Köpfe der Arbeiter, deren Kollegen wiederum stundenlang mit dem Presslufthammer hantieren. Von Gehörschutz keine Spur. Andere klettern auf selbst gebastelten Holzpalisaden. Gefahrenschutzpläne seien sowieso meistens nur auf Großbaustellen vorhanden, so der Gewerkschafter. Bei den „schwarzen Schafen“ der Branche werde hingegen die Helmpflicht schlichtweg ignoriert. „Einige karren ihre Arbeiter direkt aus dem Ausland nach Luxemburg, wo sie dann als Handlanger für einen weit unter dem Durchschnitt liegenden Lohn arbeiten. Denen werden dann nicht lange die Sicherheitsbestimmungen erklärt“, weiß Teotonio. Die meisten seien Portugiesen, in deren Heimat auf Baustellen kaum Vorkehrungen zum Schutz der Arbeiter getroffen werden. Dort herrsche einfach eine andere oder keine „Sicherheitskultur“, stellt Claude Lorang von der Gewerbeaufsicht fest.

„Wir müssen die Helme nur in Ausnahmefällen tragen“, erklärte unlängst ein Arbeiter auf einer Baustelle in der Hauptstadt gegenüber der woxx – eine erwiesenermaßen falsche Aussage, denn in Luxemburg herrscht wie in den Nachbarländern auch auf Baustellen Helmpflicht. „Selbstverständlich herrscht bei uns Helmpflicht“, heißt es in der Zentrale derselben Baufirma. „Darauf wird strikt geachtet.“ Über Schutzmaßnahmen sei er nicht aufgeklärt worden, beteuert indes der Bauarbeiter. Die Aufklärung im Zuge von Weiterbildungsmaßnahmen müsse verstärkt werden, erklärt dazu Alex Teotonio.

Aufgemuckt wird selten

Eine landesweite Großrazzia im Bausektor Mitte Juli – neben der ITM waren unter anderem die Polizei und die Abteilung Arbeitssicherheit der Zollverwaltung beteiligt – hatte nicht zuletzt auch die Sicherheit als Schwerpunkt. Während der beigeordnete ITM-Direktor Lorang die Aktion als Erfolg einschätzt, wurde sie von Gewerkschaftsseite zwar als sehr medienwirksam, aber wenig effizient gewertet. Statt einiger weniger Großaktionen, müssten häufiger kleinere Kontrollen stattfinden.

Die Gründe für die Schlamperei bei den Sicherheitsmaßnahmen sind für die Gewerkschaften unter anderem die immer kürzer werdenden Fristen für Aufträge und die damit verbundene hohe Zahl an Überstunden. Die Arbeiter seien schlichtweg übermüdet. Aufgemuckt wird dabei fast nie, nicht zuletzt auch aufgrund der Sprachprobleme. „Sicher ein Schwachpunkt“, so Teotonio. Am schwierigsten sind nach wie vor jene, die erst gar keine Arbeitserlaubnis oder Aufenthaltsgenehmigung besitzen. Die „Illegalen“ sind den Gefahren am Arbeitsplatz schutzlos ausgesetzt. Bei der besagten Großrazzia der ITM gingen den Behörden 14 so genannte Schwarzarbeiter ins Netz: Sechs hatten keine Arbeitsverträge, zwei keine Arbeitserlaubnis und sechs keine Aufenthaltsgenehmigung.

„Gravierende Missstände lagen nicht vor, so dass die ITM keine formelle Schließung erlassen musste“, konstatiert Claude Lorang. „Wir haben in den letzten zwei, drei Jahren enorme Fortschritte erzielt.“ Die Überraschungsaktionen hätten einen abschreckenden Effekt erzielt, so dass eine Trendwende zu erkennen sei. „Dennoch bleibt viel zu tun“, räumt Lorang ein. Schließlich koste jeder Arbeitsunfall das Sozialversicherungssystem im Schnitt rund 50.000 Euro. Der gesamte wirtschaftliche Schaden gehe in die Milliarden. Dagegen wirken sich die Bußgelder, die nach Auskunft der AAA wegen eines Verstoßes gegen die Sicherheitsvorschriften erhoben werden, vergleichsweise mickrig aus: Die belaufen sich auf 2.500 bis 10.000 Euro.

Stefan Kunzmann


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