AUSSTELLUNG: Im Verborgenen

„Portugal Agora“ bietet Einblick in eine rege portugiesische Kunstszene, die lange Zeit isoliert war.

Rui Moreira: „The Mother of the Mother of all Wars“ (2006)

Hält man den Katalog „Portugal d’Agora – Portugal Jetzt, über die Ursprungsorte“ der aktuellen Mudam-Ausstellung in der Hand, blickt man zunächst verdutzt auf eine Art Skizzenbuch mit leeren Seiten, durchzogen von grafischen Rastern, einem Koordinatensystem aus Längen- und Breitengraden, das sich über die Umschlagseiten erstreckt. Erst beim zweiten Blick merkt man, dass es sich um gefalzte Druckbögen handelt, Doppelseiten also, die wie in traditionellen Publikationen üblich – erst nach dem Aufschneiden ihren Inhalt preisgeben. Im übertragenen Sinn scheint hier der junge portugiesisch-luxemburgische Künstler Marco Godinho das Nichtvorhandensein seines Ursprungslandes im öffentlichen Kunstbewusstsein darstellen zu wollen.

So möchte die Ausstellung einen Einblick in die aktuelle portugiesische Kunstszene gewähren. Rund 38 portugiesische KünstlerInnen werden mittels verschiedener Medien vorgestellt – sei es Fotografie, Video, Malerei, Skulptur oder Installation. Und das nicht nur, weil die Geschichte Luxemburgs aufgrund der Immigration – rund 14 Prozent der hier lebenden „AusländerInnen“ sind PortugiesInnen – eng mit Portugal verbunden ist. Auch weil die portugiesische Kunstszene, die noch recht jung ist, insbesondere wegen der politischen Zustände lange Zeit verkannt war. Erst nach 1974 mit der Rückkehr zur Demokratie und 1985 mit dem EU-Beitritt hat sich die portugiesische Kunstszene langsam entwickelt in einem Land, das lange isoliert war durch die fast fünfzigjährige Diktatur und finanziell ausgelaugt nach fast dreizehn Jahren Kolonialkrieg. Auch aufgrund seiner geografischen Lage – abgeschnitten vom Kontinent durch Spanien und begrenzt durch den Atlantik – hat sich Portugal schon immer nur bedingt anderen Ländern und Entwicklungen angenähert. So besitzt die portugiesische Sprache sogar einen Ausdruck, der die innere Isolierung umschreibt und alles bezeichnet, was außerhalb passiert: „lá fora“. Dies war ein Grund dafür, warum es lange kaum öffentliche Kunstinstitutionen gab – außer etwa der Fondation „Calouste Gulbenkian“, die von einem immigrierten Armenier während des Zweiten Weltkrieges gegründet worden war. Erst in den Achtzigern entwickelte sich eine interne Debatte über die Rolle der Kunst und es entstanden erste institutionelle Sammlungen und Galerien. Trotzdem hatten es die portugiesischen KünstlerInnen auch in den Neunzigern nicht einfach: Sie waren mit einem Kunstmarkt konfrontiert, der sich ihnen gegenüber nicht öffnete und mussten ihre eigenen Ausstellungen an unkonventionellen Orten organisieren. Auch wenn 1999 in Porto das erste portugiesische Museum für moderne Kunst, „Museum Serralves“, eröffnet wurde – beklagen viele Kunstschaffende nach wie vor, dass es an einer klaren und objektiven Politik zur Unterstützung der Kunst fehle. Es mangele an spezialisierten Medien, Programmen und Ereignissen, um neue Künstler vorzustellen, die portugiesische Kunstszene bleibe fast ausschließlich auf Lissabon und Porto beschränkt. Deshalb müssten auch heute noch viele portugiesische Künstler sich nicht nur mit ihrer Kunstproduktion auseinandersetzen, sondern auch mit fehlenden oder minimalen Bedingungen von Sichtbarkeit.

Vor diesem Hintergrund sind die Arbeiten der einzelnen Künstler der Mudam-Ausstellung zu sehen, wobei verschiedene Generationen von Künstlern aus der Zeit vor und nach der Revolution vertreten sind.

Die erste Generation hat die Diktatur miterlebt. Hier erscheint die Kunstproduktion sehr viel selbstreflexiver. Die Kunst wird zur Möglichkeit, Geschehenes aufzuarbeiten. Zu dieser Generation gehört auch Helena Almeida mit ihrer großformatigen Fotosequenz „I am Here“ (2005): Sie zeigt die Künstlerin in schwarzer Kleidung wie sie über den Fußboden ihres Ateliers rutscht. Mit minimalen Gesten erzeugt die Künstlerin eine Bildsprache, die in fast anklagender Manier nach dem So-geworden-sein und dem Hier-und-Jetzt zu fragen scheinen. Auch die in Pastelltechnik gezeichnete Gemäldeserie „Possession I-VII“ (2004) von Paula Rego setzt sich mit dem Aspekt des Bewusstwerdens auseinander: Zu sehen ist eine Frau in einem violetten Kleid, die auf einer Couch liegend, im Verlauf der Reihung zu erwachen scheint und den Betrachter anschaut. Paula Rego hat sich bei ihren Gemälden durch Fotografien des Pariser Psychiaters Jean-Martin Charcot anregen lassen, dessen Arbeiten zur Hysterie für Sigmund Freud wegweisend waren. Mit dem „Blick“ arbeitet auch die junge portugiesische Künstlerin Filipa César, die zu der Künstlergeneration zu rechnen ist, die die Revolution nicht mehr miterlebt hat. In ihren zwischen Dokumentation und Fiktion anzusiedelnden Videos untersucht sie nicht nur alltägliches Verhalten, sondern konstruiert geschickt daraus Geschichten. Mit Hilfe der versteckten Kamera hat sie in ihrer Videoprojektion „Romance Réédit“ (2003) die erstaunten, neugierigen, misstrauischen oder gelangweilten Blicke von Wartenden auf einem Berliner Bahnsteig aufgenommen und anschließend die einzelnen Bildausschnitte so arrangiert, als betrachteten sich die einzelnen Leute gegenseitig.

Ähnlich poetisch sind viele Werke der jüngeren Generation, die durch ihre fantasievolle Umsetzung überraschen. Etwa die große Stoff- und Drahtinstallation von João Pedro Vale. Dieser Künstler benutzt meistens Geschichten und Mythen, die ihn seit seiner frühen Kindheit berührt haben, wobei er den Betrachter in die Tiefenschichten der menschlichen Imagination entführt. Fürs Mudam hat er das englische Märchen von „Jack and the Beanstalk“ nachgebaut, und zwar ausschließlich jene Szene der Geschichte, nachdem Jack die Bohnenranken zerstört hat, damit der Riese ihm nicht zurück auf die Erde folgen kann. Ähnlich fantastisch sind die Arbeiten des portugiesischen Modedesigners Felipe Oliveira Baptista, der einen Bildfundus von Motiven ausstellt, die ihn zu seiner Herbst-/ Winterkollektion 2007 „Pop-Up-Horses“ inspiriert haben. Ein Kleid aus dieser ums Thema Pferd kreisenden Kollektion zeugt von seinem Interesse an nüchtern-eleganten Schnitten, einem Hang zur Asymmetrie und nicht zuletzt an originellen Ideen – etwa dem Rucksack mit Pferdeschwanz.

Was diese Kunst verbindet, ist schwer zu sagen. Es gibt immer wieder Elemente, die an die portugiesische Kultur und Tradition erinnern. Etwa das den manuelinischen Stil aufgreifende „Red Independent Heart“ (2005) von Joana Vasconcelos, ein überwältigendes Ready-Made aus transparentem, rotem Plastikbesteck. Oder die großformatigen Zeichnungen von Rui Moreira, dessen geheimnisvolle Gestalten in Tücher gehüllt sind, die an traditionell ornamentierten Stoffen inspiriert zu sein scheinen. Zumindest haben viele Werke der jüngeren Künstler eine Poesie, die nicht mit dem Vorschlaghammer daherkommt. “ … no fim de contas, construir uma obra de arte é e será sempre edificar um sonho … „, meinte einmal der portugiesische Künstler Pedro Cabrita Reis: Kunst schaffen, bedeutet noch immer und immer wieder an Träumen zu bauen. Dies trifft wohl vor allem auf eine Generation zu, die trotz institutioneller Widrigkeiten erst dabei ist, die eigenen Möglichkeiten auszuloten. Zumindest gibt es viel Potenzial.


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