MAROKKO: Feminismus mit vielen Facetten

Dem König sei Dank verbesserte sich vor sieben Jahren die Situation der Frauen in Marokko vor dem Gesetz. Dafür kämpfte vor allem die Frauenbewegung. Ihre Bilanz der Reform ist gemischt. Und auf die Frage, was heute Feminismus ist, gibt es im Land der Gegensätze viele Antworten.

Säkular, islamisch, islamistisch.
Marokkos Frauen kennen viele Welten. Ihre Frauenbewegungen auch.

Assisa glaubt nicht mehr ans Heiraten. Und nicht mehr an die Männer. „Sie nehmen die Ehe nicht ernst“, sagt die junge Marokkanerin mit fester Stimme. Weder Wehleid noch Abscheu sind in ihren Zügen zu erkennen. Dabei hätte sie dazu jeden Grund. Assisa sitzt uns in einem kleinen Büroraum im Untergeschoss des „Centre Tilila“ gegenüber und schildert ihre grausamen Ehe-Erfahrungen. Von oben dröhnt Kindergeschrei, dort spielt in einem der Zimmer des geräumigen Landhauses ihre einjährige Tochter mit den Kindern der anderen Mütter, die hierher ins „Tilila“, ins „Centre d´hébergement pour femmes en détresse“ am Rande von Casablanca geflüchtet sind. Im Nebenraum sitzen ein halbes Dutzend erwachsene Frauen mit Schiefertafeln ausgerüstet um einen großen Tisch herum und lernen lesen und schreiben.

Hier unten erzählt Assisa von ihrem Mann, der keinen festen Job hatte und ihr dennoch kurz nach der Hochzeit verbot, weiter arbeiten zu gehen. Die 31-Jährige erwartet gerade ihr zweites Kind. In ihren Jeans und grüner Fleece-Jacke, das knappe Kopftuch im Nacken zusammengeknotet, sieht sie deutlich jünger aus. „Vor allem am Ende des Monats, wenn das Geld nicht reichte, hat er die Nerven verloren und fing an, mich zu schlagen“, berichtet sie. „Wir kannten uns drei Jahre lang, bevor wir heirateten, da war alles ganz anders. Er konnte die Verantwortung nicht tragen.“

Das „Tilila“ wurde vor vier Jahren von der „Ligue Démocratique pour les Droits des Femmes“ (LDDF) gegründet. Bis heute ist es das einzige seiner Art in der Drei-Millionen-Metropole Casablanca. Mit einer Kapazität von höchstens 20 Frauen droht eine permanente Überbelegung. Das Zentrum wurde mit Hilfe von Spendengeldern finanziert, eine Anfrage an die Regierung, ein Lokal zur Verfügung gestellt zu bekommen, blieb bislang ohne Erfolg.

Seit zwei Wochen ist Leila hier. „Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich weiß, dass mein Mann sich nicht ändern wird“, sagt die 35-Jährige. Als sie ihren Job verlor und das Geld kaum mehr zum Leben reichte, wurde ihr Mann zunehmend brutaler. Als Leila schließlich von Scheidung sprach, drohte er, sie umzubringen. In ihrer Umgebung kümmerte das niemanden. „Ich ging jedes Mal zu seinen Eltern und erzählte ihnen, was passiert war“, sagt Leila. Doch sie rieten ihr, Geduld zu haben und „keine Familiengeheimnisse auszuplaudern“. Auch ihre eigenen Eltern wollten sich nicht einmischen.

Fouzia Assouli: „Wir versuchen die Verhältnisse, die auf der Dominanz der Männer beruhen, zu verändern.“

Ansprache fand sie nach langer Suche im „Centre d´écoute“ in der rue Rahal Meskini, mitten im belebten Viertel Mers Sultan im Zentrum von Casablanca. Bevor Leila und Assisa im „Tilila“ unterkamen, waren sie hier zum Beratungsgespräch. „Die Gesellschaft treibt die Frauen oft dazu, die Gewalt zu akzeptieren und sich unterzuordnen“, bestätigt Tikerouine Khadja. Die Juristin arbeitet seit acht Jahren in dieser Anlaufstelle, die von der Ligue betrieben wird. „Die Nachfrage nach Unterstützung ist groß“, sagt sie. „Die meisten Frauen kennen ihre Rechte nicht.“

Dabei hat sich die rechtliche Lage für Frauen gerade in Marokko entschieden verbessert. Vor sieben Jahren, am 10. Oktober 2003, kündigte der König eine Reform der Moudawwana, des „Code de statut personnel“ an, die dafür sorgte, dass sein Königreich zumindest auf dem Papier über eine der fortschrittlichsten Familiengesetzgebungen der arabischen Staaten verfügt.

Seitdem können Frauen gleichberechtigt heiraten und die Scheidung ohne Einwilligung des Mannes einreichen. „Das ist zweifellos der größte Erfolg des neuen Gesetzes“, sagt Fouzia Assouli, Präsidentin und Mitbegründerin der LDDF. Die Ligue unterhält im Stadteil Mers Sultan auch das „Centre d´Information et d´Observation des Femmes Marocaines“ (Ciofem), in dem sich an diesem Morgen eine Handvoll Mitarbeiterinnen eingefunden hat. Als „Brücke zwischen der praktischen Arbeit und der Forschung“, beschreibt die 52-jährige Rechtsberaterin das kleine Zentrum. Auch Männer arbeiten mit. „Es ist wichtig, dass wir die Idee der Chancengleichheit den Jugendlichen näher bringen“, sagt Abdelhamid Garouane, der die Jugendarbeit betreut. An den Wänden hängen neben Plakaten mit arabischen Texten auch bekannte Poster wie etwa das der Initiative „ni putes ni soumises“ oder die Charta der Grundrechte der Europäischen Union.

„Wir sind eine feministische Bewegung. Wir versuchen die Verhältnisse, die auf der Dominanz der Männer beruhen, zu verändern“, stellt Fouzia Assouli klar. Neben der Sensibilisierungsarbeit gehören auch regelmäßige Expertisen über die neue Moudawanna zu den Aufgaben des Ciofem. Darin zeigt sich, dass Theorie und Praxis noch weit auseinanderklaffen. „Das Gesetz lässt vor allem den Richtern sehr viel Spielraum“, sagt Assouli und nennt das Beispiel der Ehen mit Minderjährigen. Dem neuen Gesetz nach sind sie verboten, der Richter darf jedoch Ausnahmen genehmigen. Dass dies gängige Praxis ist, zeigt die offizielle Statistik: Immerhin zehn Prozent der Frauen, die heiraten, sind minderjährig. Die Begründungen dafür seien inakzeptabel, so die Feministin: „Da heißt es etwa, es sei Brauch, die Mädchen früh zu verheiraten oder dass sie schwanger seien.“

Den Erfolg der neuen Moudawwanna macht die Ligue wie viele andere von der Alphabetisierungsrate der Frauen abhängig. Man muss seine Rechte kennen, um sie einfordern und durchsetzen zu können. Derzeit können jedoch in Marokko weit weniger als 50 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Die LDDF tourt deshalb in ihren „Caravanes de l´égalité“ mit mobilen Fortbildungsstätten durch das Land. Auch in der Großstadt findet diese Arbeit statt.

Fadela Sebti: „Der Wunsch, seinen Glauben nach außen zu zeigen, wird begleitet von Fatalismus und weniger Kampfbereitschaft.“

Ein paar Straßen vom Ciofem entfernt hat die LDDF ein kleines Lokal im dritten Stock eines Wohnhauses gemietet. Ein Dutzend Frauen sitzen im Kreis und beugen sich über arabisch-französische Lesebücher. „Ich möchte einen Scheck auf der Bank korrekt ausfüllen können“, beschreibt die 29-jährige Alioune Khadija ihre Motivation, hierher zu kommen. Am Flipchart steht Hamid Eddokakali. Für den freiwilligen Unterricht hat der frühere Kämpfer der Linken einen weißen Kittel übergestreift. Auf allgemeinen Wunsch wird der Leseunterricht durch Alltagsthemen ergänzt. Heute ist das menschliche Blutbild dran. „Die weißen Blutkörperchen stellen das Verteidigungsministerium, wenn wir sie verlieren, bricht die totale
Anarchie aus“, doziert der Lehrer.

Noch tiefer im Zentrum der pulsierenden Metropole, am Boulevard Hassan II nahe am Justizpalast und an der berühmten Place Mohammed V, hat Fadela Sebti ihre Kanzlei. Sebti ist ebenfalls eine Feministin der ersten Stunde: 20 Jahre lang kämpfte sie für die Reform des Familienrechts. Die Anwältin verfügt, so lässt es bereits diese Adresse in Downtown Casablanca erahnen, über eine Klientel aus der gehobenen Mittelschicht. Ihr modernes Büro liegt im 9. Stock eines älteren Bürogebäudes. Vom Balkon aus kann man die Aussicht über die Dächer der Stadt bis zum Meer genießen. Die jung gebliebene 60-Jährige verbreitet schlichte Eleganz im eng anliegenden schwarzen Kleid; man hört ihr an, dass sie zehn Jahre in Frankreich gelebt hat. Ihre wachen Augen scheinen die Fragen zu erraten, noch bevor sie gestellt sind.

Als „profondément attachée aux valeurs de l’individu, à l’humanisme et à la solidarité“ stellt sich Sebti selbst auf ihrer Homepage vor. 15 Jahre ist es her, dass sie ihren Roman „Moi Mireille quand j´étais Yasmina“ geschrieben hat, durch den sie über Marokkos Grenzen hinaus berühmt wurde. Die Geschichte handelt vom Schock der Kulturen, dem die Französin Mireille und ihr marokkanischer Ehemann ausgesetzt sind. Was hat sich in Marokko getan, seitdem das Buch erschienen ist, würde es Mireille heute anders ergehen? Dieser Frage geht Fadela Sebti etwas aus dem Weg. „Die Situation hat sich komplett verändert. Unsere Töchter können sich nicht vorstellen, wie die Gesetze früher waren“, sagt sie, und: „Das ist ein wenig wie die Kinder der 68er Generation, die nicht verstehen, wofür ihre Eltern gekämpft haben.“ Ist der Feminismus in Marokko noch lebendig? „Die jungen Frauen sind weniger motiviert, eben weil viele Probleme scheinbar gesetzlich gelöst sind.“

Die Frage, ob es auch Rückschritte gab, beantwortet sie deutlich: „Das ist doch ganz klar. Sehen Sie sich doch nur in meiner Kanzlei um: Drei der fünf Angestellten tragen ein Kopftuch“, sagt Sebti lachend. „Das hätte ich noch vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten. Ich habe vergeblich versucht, mich dagegen zu wehren.“ Der Wunsch, seinen Glauben nach außen zu zeigen werde nun einmal begleitet von einem Fatalismus und einem Mangel an Kampfbereitschaft, so das Fazit der langjährigen Kämpferin.

Sebtis Bilanz der Reform fällt wie jene der Ligue-Frauen sehr gemischt aus. „Die materiellen Probleme der Frauen wurden nicht gelöst“, lautet ihre Hauptkritik. Etwa, weil den Frauen bei der Kalkulation der Unterhaltspflicht die Hausfrauentätigkeit nicht angerechnet wird. Für Frauen ohne Beruf stellt somit die Scheidung eine prekäre Perspektive dar. Zudem bleibt nach dem neuen Recht der Vater weiterhin Vormund der Kinder. „Und ich bin noch keinem Mann begegnet, der in einem Ehevertrag auf dieses Recht verzichten wollte“, sagt die Juristin, die auf solche Verträge spezialisiert ist.

„Der Gesetzgeber wollte viel weiter gehen als die Richter es in ihren Urteilen tun“, bemängelt Fadela Sebti. Eine gewagte Analyse – wenn man bedenkt, dass die politischen Verantwortlichen, die am Text herumfeilten, längst nicht einer Meinung sind. Für viele steht heute fest, dass der Fortschritt seiner Majestät, Mohammed dem VI zu verdanken ist. Der Monarch, eine progressive Kraft im Vergleich zur vom Volk gewählten Exekutive? „Auf jeden Fall“, sagt etwa Fouzia Assouli. „Wenn wir vom Parlament abhängen würden, hätten wir nicht das, was wir heute haben.“

Regierung und Parlament tagen in der Hauptstadt. Casablanca und Rabat sind durch hundert Kilometer Autobahn verbunden, immer an der Küste entlang. Wegen des regen Verkehrs braucht man für die Distanz jedoch selten unter zwei Stunden. Gegenüber der lauten und sowohl mit Autos als auch mit Menschen vollgestopften Metropole wirkt die Hauptstadt recht überschaubar und ruhig.

Die „Chambre des représentants“ liegt etwas zurückversetzt an der vierspurigen Avenue Mohamed V. Über dem kastenförmigen Gebäude weht die rote Landesflagge, rot leuchtet auch die Fassade hinter den quadratischen sandfarbenen Säulen. An diesem Dienstagmorgen demonstriert vor den schweren Eisentoren ein Grüppchen von Menschen. Entspannt stehen ein paar Polizisten hinter den Absperrungen herum. Ein Teil der Protestierer hat sich auf den mit Palmen umsäumten Mittestreifen zurückgezogen, der Verkehr fließt weiter. „Das sind Arbeitslose, aber solche mit Diplomen“, sagt der Parlamentarische Sekretär des „Parti de la Justice et du développment“ (PJD), der uns am Hintereingang abholt. „Überall ist Krise, auch in Marokko“, fügt er in gebrochenem Französisch hinzu und führt uns nach oben in den dritten Stock. Wir nehmen in einem nüchternen Wartezimmer Platz und warten auf die Chefin des Sekretärs, eine Frau, die innerhalb der islamistisch orientierten Partei eine bemerkenswerte Karriere hingelegt hat. Seit acht Jahren sitzt Bassima Haqqaoui nun schon im Parlament. Bei den vergangenen Wahlen trat sie als Spitzenkandidatin an. Nun ist sie einziges weibliches Mitglied des Parteivorstands. Der islamistische PJD, der als legale Partei in Marokko die doppelte Rolle des Königs als religiöses und politisches Oberhaupt offiziell anerkennt, hat inzwischen 46 von 325 Sitzen inne und ist damit zweitstärkste Partei. Bei den letzten Wahlen vor drei Jahren schafften 34 Politikerinnen den Sprung ins Parlament, das sind vier mehr als es die seit 2002 festgelegte Quote vorschreibt. Sechs davon stellt der PJD.

Bassima Haqqaoui: „Über die Sharia konnte man diskutieren, als die allgemeine und die lokale Stimmung das zuließ.“

„Wir sind dafür, dass Frauen in der Politik stärker vertreten sind“, sagt die prominenteste von ihnen. Bassima Haqqaoui ist traditionell gekleidet, das braune Kopftuch ist farblich mit der Tunika abgestimmt. „Der PJD bewertet die weiblichen Kompetenzen sehr positiv. Ich trage Verantwortung in einem Maß, wie es Frauen in anderen Parteien untersagt ist“, sagt die promovierte Sozialpsychologin. Ihre Antworten kommen schnell. Sie ist es gewohnt, Interviews über Frauenfragen zu geben.

Haqqaouis Partei wird eine widersprüchliche Haltung zur Moudawwanna vorgeworfen. Zwar hat der PJD für die Reform gestimmt. Regelmäßig macht er jedoch auf die „Gefahren“ aufmerksam, die sich daraus angeblich ergeben. Etwa in Bezug auf die Scheidung. Die aktuelle Situation mache angesichts der hohen Scheidungsraten ein wenig Angst. „Man kann sich also fragen, ob die Prozedur wirklich positiv ist“, sagt Haqqaoui.

Als „falsche Debatte“ und Propaganda der Frauenorganisationen bezeichnet die Abgeordnete die Diskussion um die Ehe von Minderjährigen – man werde doch „wegen der paar Ausnahmen nicht in einen Krieg ziehen“. Die Leute, die sich für ein Mindestalter von 18 Jahren für Heiratswillige einsetzen, seien von einer „Agenda von außen“ bestimmt, so ihre Überzeugung. „In der marokkanischen Gesellschaft stellt sich das Problem in dieser Art nicht“, sagt sie unmissverständlich.

Die Frage, ob der PJD für eine totale Gleichstellung von Mann und Frau ist, beantwortet die Politikerin weniger spontan. „Wir sind für eine „Gleichberechtigung im Sinne der Gerechtigkeit“, sagt sie zögerlich und fügt etwas umständlich hinzu: „Manchmal hat man die Gleichheit zum Ziel und das führt dazu, dass Menschen Rechte verlieren. Weil sie andere Prozeduren brauchen, um davon zu profitieren.“

Eindeutiger fällt die Stellungnahme zum islamischen Recht, der Sharia aus. Der PJD habe sich nie dafür ausgesprochen. Doch: „Darüber konnte man diskutieren, als die allgemeine und die lokale Stimmung das zuließ“, so Haqqaoui. „Wir sind uns durchaus bewusst, dass es derzeit unmöglich ist, diese Praxis einzuführen“, fügt sie hinzu, nicht ohne zu bedauern, dass „es in der heutigen Gesellschaft nicht genug Gerechtigkeit gibt“. „Ich glaube an Gottes Gerechtigkeit“, so die PJD-Abgeordnete auf die Frage nach dem Erbrecht, das sich im marokkanischen Gesetz auch nach der Reform weiter am Koran orientiert und verschiedene Erbanteile für männliche und weibliche Erben vorsieht.

Dieses Erbrecht, so Haqqaoui, sei für die moslemische Gesellschaft gedacht. „Die Männer bekommen in manchen Fällen mehr, weil sie es sind, die die Familie beschützen und unterhalten müssen.“ Die Frage, ob ihre Partei Frauenarbeit fördern will, weist sie entschieden zurück: „Hören Sie, das ist doch wirklich überholt! Sehen Sie mich doch an, ich bin Professorin, Abgeordnete und Präsidentin einer Frauenorganisation, ich komme nachts nach 23 Uhr heim – und ich bin verheiratet“, lautet die fast schon empörte Antwort.

Sich auf den Islam stützen und dennoch feministische Ambitionen haben, das fordern muslimische Frauen bereits seit einiger Zeit. Sie treten für eine neue Art von Feminismus ein und haben den Begriff „islamischer Feminismus“ geprägt. Um eine ihrer bekanntesten Vertreterinnen Marokkos zu treffen, verlassen wir das Zentrum Rabats und fahren in ein Viertel am Rande der Stadt. „Les Ambassadeurs“ hat seinen Namen verdient. Links und rechts der planquadratisch angelegten Straßen liegen großzügige Residenzen, deren Ausmaße sich vor den Mauern, die sie umgeben, nur erahnen lassen. Asma Lamrabet empfängt uns in der vorderen der drei Sofagarnituren, die in der großen Eingangshalle verteilt sind.

Vormittags arbeitet die Ärztin im Krankenhaus, nachmittags studiert sie die heiligen Schriften und befasst sich mit Religionsphilosophie. Seit Jahren setzt sie sich für eine „nouvelle approche féminine islamique“ ein. Diese habe zum Ziel, „sich vom Inneren des Islam her für die Rechte der muslimischen Frauen einzusetzen“, schreibt sie in einer ihrer grundlegenden Schriften. Ihre Kritik am Bestehenden ist radikal. Die Grenzen zwischen religiösem und feministischem Engagement werden von der modern gekleideten Frau und überzeugten Kopftuchträgerin etwas unscharf gezogen.

Asma Lamrabet: „Im Koran gibt es keine Probleme mit der Gleichstellung von Mann und Frau. Das ist alles eine Frage der Interpretation.“

„Man muss die Religion vom Politischen befreien“, lautet ihre Hauptbotschaft, die sie bei grünem Tee und allerlei Gebäck erläutert. Damit sei die „Befreiung der Religion von ihrer Instrumentalisierung durch die Politik“ gemeint. Denn diese habe dazu geführt, dass der Islam zur „Quelle der Unterdrückung wurde, so die Schriftstellerin. Sie verurteilt den politischen Islam, den Islamismus ebenso wie eine Jahrhunderte lange „patriarchale und diskriminatorische Lesart“ des Korans. Stattdessen müsse man die Texte neu interpretieren, „mit dem Ziel, die universelle Ethik herauszuziehen“.

Worin sich diese Lesart von westlichen Werten unterscheidet, bleibt offen. „Es gibt keinen Unterschied“, ist Lamrabet überzeugt. Doch sie bekräftigt auch: „es gibt islamische Referenzen“. Sie spricht von einem spirituellen, einem universellen und einem befreienden Islam. Diese Botschaft findet Lamrabet im Koran. „Auch mit der Gleichstellung von Mann und Frau gibt es dort keine Probleme“, sagt die Ärztin, „das ist alles eine Frage der Interpretation.“

Die religionsphilosophische Arbeit der islamischen Feministin stößt bislang bei den Gelehrten zumeist auf Widerspruch. Ein hoher Rat lehnte ihr jüngstes Buch „Der Koran und die Frauen“ ab. Weniger groß ist der Abstand zu den säkularen Feministinnen. Dennoch gehen sie auf Distanz: „Man kann nicht gleichzeitig Feministin und islamisch sein“, sagt etwa die Anwältin Fadela Sebti, „es gibt eine Antinomie zwischen den beiden Begriffen, denn im Islam gibt es keine Gleichstellung von Mann und Frau“. Für die Aktivistin Fouzia Assouli steht ebenfalls fest: „Der Feminismus kämpft gegen die Ungleichheiten. Diese Bewegung braucht keine andere Etikette.“ Sehr viel deutlicher fällt das Urteil über die islamistische PJD aus: „Die nehmen den Feminismus als Geisel und wollen uns wieder zu Gehorsam und Sklaverei bringen. Und da sagen wir: Diese Zeit ist rum.“


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