FEMINISTISCHE KRITIK: Frau vs. Mutter

Gut lesbar und eingängig entwickelt die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter in ihrem neuen Buch „Le conflit – la femme et la mère“ die These, dass die feministischen Errungenschaften der 1970er Jahre durch eine wieder erstarkende Ideologie der Mütterlichkeit bedroht sind.

Elisabeth Badinter sieht die Freiheiten, die sich Frauen einmal erkämpft haben, in den vergangenen drei Jahrzehnten immer mehr bedroht – in Deutschland noch mehr als in Frankreich. Als Folge der zunehmenden normativen Aufladung der Mutterschaft, in der das Ideal von der ?perfekten, natürlichen Mutter‘ gezeichnet wird, entschieden sich immer mehr Frauen gegen Kinder. Auch werde immer häufiger eine Entscheidung für weniger Kinder getroffen, überdies zu einem späteren Zeitpunkt im Lebenslauf.

Indikator dafür ist laut Badinter der drastische Fall der Geburtenraten in den Industrieländern. Die Autorin konzentriert sich auf einen Vergleich Frankreichs mit seinen europäischen Nachbarn. Frankreich weise, dank der geringeren Ausprägung der Mütterlichkeitsideologie und da Frauen auch unabhängig von ihrer Mutterrolle Anerkennung finden, eine im europäischen Vergleich konstant hohe Geburtenrate aus (derzeit 2,0 Kindern pro Frau). Hingegen bilden Deutschland mit 1,3 und Italien mit 1,4 Kindern bei dominanter Ideologie der Mütterlichkeit die Schlusslichter im europäischen Vergleich. Luxemburg liegt mit 1,6 Kindern im Mittelfeld. Um Interpretationen vorzubeugen, wie sie etwa im Kontext der Sarrazin-Debatte gerne formuliert werden: Der vom hiesigen Gesundheitsministerium seit einigen Jahren verzeichnete, leicht steigende Trend der Geburten geht keineswegs auf eine stärkere Gebärfreude der Zuwanderinnen zurück.

Badinters theoretischer Ausgangspunkt ist die Kehrseite weiblicher Selbstbestimmung. Diese drohe, negativ auf Frauen zurückzufallen: Durch die einfache Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln teilen sie nicht mehr kollektiv das Schicksal der Biologie, sondern werden individualisiert. Je einfacher die Vermeidung einer Schwangerschaft, umso stärker erscheint das Muttersein als freiwillige Wahl jeder einzelnen Frau. Ironischerweise erschwert dies, die ideologische Aufladung und Naturalisierung der Mutterrolle zurückzuweisen und als strukturelle Benachteiligung von Frauen zugunsten von Männern zu kritisieren. Muttersein erscheint als eine hedonistische Form weiblicher Selbstverwirklichung. Durch ein verbreitetes Tabu geraten Mütter nach Badinter in eine weitere Falle: Keine Mutter dürfe im Nachhinein zugeben, sich im eigenen Kinderwunsch geirrt zu haben und in der alltäglichen Kinderpflege enttäuscht und frustriert zu sein. Stattdessen gebietet es die „natürliche Mutterliebe“ Frauen, Erfüllung in ihrer Mutterschaft zu finden.

Ferner sieht Badinter im Postulat vom Wert des Stillens und in der „Herrschaft des Babys“ (so eine Kapitelüberschrift), in der die Bedürfnisse des kleinen Kindes über denen der Frau und ihrer Paarbeziehung stehen, Strategien, Mütter auf die Betreuung kleiner Kinder festzulegen. Diese Strategien beinhalten alle eine neuerliche Biologisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, was diese sowohl verschleiert wie zementiert. Kinderbetreuung und Erziehung erscheint dann nämlich nicht mehr als gesellschaftliche Arbeit, um deren Organisation politisch gerungen werden sollte. Neben den üblichen Verdächtigen, wie die seit den Fünfzigerjahren aus den USA expandierende reaktionäre „Leche League“, die durch die Förderung des Stillens den „moralischen Umbau der Gesellschaft“ propagiert, ist für die Autorin an dieser Entwicklung auch eine Spielart des Feminismus selbst mitverantwortlich: Durch die Betonung weiblicher Differenz und die Ausarbeitung einer spezifisch weiblichen „ethics of care“ habe dieser sich selbst von der einstigen Orientierung an Universalismus und Gleichberechtigung entfernt.

Badinters theoretischer Ausgangspunkt ist die Kehrseite weiblicher Selbstbestimmung: diese drohe, negativ auf Frauen zurückzufallen.

Badinter wendet sich mit ihrer Intervention einem Thema zu, welches in den feministischen Debatten der letzten Jahre vernachlässigt wurde. Die Feuilletons vieler europäischer Länder sind einerseits beherrscht von harschen Diskussionen um das Verhältnis von Frauen und Islam. Zum anderen dominieren, vor allem in der alternativen Linken, popfeministische und queere Ansätze, die um das Thema Mutter-/Elternschaft einen Bogen machen. Letztere sprengen vielmehr die Gegenüberstellung von Gleichheits- und Differenzfeminismus, da sie die kulturellen, normativen und biologischen Zuschreibungen an „Frauen“ und „Männer“ radikal in Frage stellen. Die „Heteronormativität“ von Lebens- und Paarentwürfen (mit oder ohne Kinder) steht dort im Zentrum der Kritik. Die Entwicklung neuer, kollektiver Erziehungsmodelle, die stärker auf sozialer Elternschaft beruhen, steckt jedoch noch in den Kinderschuhen.

Es ist schade und ihrem universalistischen Ansatz geschuldet, dass Elisabeth Badinter in ihrem Buch dieses Spektrum feministischer Ansätze nicht weiter berücksichtigt, obwohl der ideologische Diskurs um Mutterschaft sowohl heteronormativ ist (da in diesem nur heterosexuelle Eltern-/Mutterschaft als „normal“ und „wünschenswert“ gilt) als auch der Tendenz nach rassistisch (man denke an die Angst vor der „Vielzahl neuer Kopftuchmädchen“ und der hohen Geburtenrate der „Unterschicht“, die Thilo Sarrazin derzeit in Deutschland schürt). Dadurch erschwert die Autorin eine Allianz zwischen Gruppen, die alle von der Ideologie der Mutterschaft degradiert werden, wenn auch nicht alle in der von Badinter so treffend analysierten Form.

Elisabeth Badinter – Le conflit. La femme et la mère. Éditions Flammarion, 270 pages.

Deutschsprachige Ausgabe: Elisabeth Badinter – Der Konflikt. Die Frau und die Mutter. Aus dem Französischen von Ursula Held und Stephanie Singh. Verlag C.H.Beck, 222 Seiten.


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