LITERATUR: Küchenmeisterdetektiv

Tom Hillenbrands Krimi „Teufelsfrucht“ ist ein – aus luxemburgischer Perspektive gesehen – seltener Glücksfall, geht es darin doch um Luxemburg, seine Menschen und seine Küche.

Mit ihm kommt man nicht unbedingt in Teufels Küche: Tom Hillenbrand.

Wer sich mit den „Bestseller“-Listen des luxemburgischen Verlegerverbands ein bisschen auskennt, der weiß, was er schreiben muss, um bei der hiesigen Leserschaft Kauflust zu erzeugen: Ein Kochbuch, am besten eins, das irgendwie etwas mit Luxemburg zu tun hat. Oder sonst irgendein Buch mit luxemburg-spezifischer Thematik das also von heimischen Kapellen oder Höhlen handelt, von den Wäldern und Wanderwegen und all dem, was auf unserer weiten Flur kreucht und fleucht.

Kein Wunder also, dass das Erscheinen der „Teufelsfrucht“ die Branche in helle Aufregung versetzte: Ein Krimi, in dem auf moselfränkisch gekocht und manchmal sogar „geschwätzt“ wird, in dem Luxemburg so vorkommt wie auf den schönsten Hochglanzseiten der Tourismusbroschüren, und, vor allem, dessen Autor ein Deutscher ist, der nicht einmal hier lebt! Für gewisse Insider musste das sich anfühlen wie ein Ritterschlag.

Doch alles der Reihe nach. „Teufelsfrucht“ ist der erste Roman des Autors Tom Hillenbrand, der bis vor kurzem noch Ressortleiter bei Spiegel-Online und freier Journalist für angesehene deutsche Blätter, wie die Financial Times Deutschland, war – zu viel Sozialkritik sollte man bei der Lektüre seines „kulinarischen Krimis“ also nicht erwarten. Vielmehr geht es um das Milieu der Schönen und Reichen, besser gesagt um die Hinterstübchen, in denen das exquisite Futter für die feine Gesellschaft zubereitet wird. Und wo es gelegentlich auch ziemlich blutig zugeht.

Nicht allzu blutig allerdings, denn „Ich mag keine Leichenbeschreibungen, die über Seiten gehen, mit Verwesungsprozessen und anderen schaurigen Details“, wie uns der Autor bei einem Präsentationsessen für Journalisten in einem feinen Gourmettempel – der in Frisingen steht und einer gewissen Léa Linster gehört – verriet. Also kein hard-boiled zu erwarten; Fans von James Ellroy oder David Peace schauen in die (Back-)Röhre, wohingegen Menschen mit einer Vorliebe für Martin Suter-Romane sich freuen können. Gewisse Ähnlichkeiten zwischen Hillenbrand und dem Schweizer Bestseller-Autor sind nicht von der Hand zu weisen. Wie zum Beispiel die Konzentration auf ein bestimmtes Milieu, das natürlich stark an Suters „Business Class“-Geschichten denken lässt. Aber auch der Stil kommt dem des helvetischen Meisters hier und da ziemlich nahe: Lange Beschreibungen und introspektive Passagen unterbrechen den nicht selten mäandernden Bericht von den Ermittlungen des Kochs und Restaurantbesitzers Xavier Kieffer. Leider merkt man Hillenbrands Stil aber auch an, dass der Autor erst am Anfang seiner literarischen Karriere steht: Viele Stilelemente wirken aufgesetzt, und viele der Beschreibungen sind zu lang und damit der Erzählung und ihrem Fluss alles andere als dienlich.

Eigentlich schade, denn die Geschichte an sich klingt originell. Der Held im Krimi ist nämlich alles andere als ein Ermittler. Xavier Kieffer hat eine Ausbildung zum Meisterkoch hinter sich, aber nach 10 Jahren Arbeit hat er mit der Welt der Haute Cuisine in Paris gebrochen und sich in seine Heimat, das beschauliche Luxemburg, verkrochen um dort ein kleines aber feines Restaurant mit einheimischen Spezialitäten zu eröffnen. Dieses läuft auch ziemlich gut und alles wäre in bester Ordnung, würde nicht eines Tages ein Gast tot in seinem Speisesaal zusammenbrechen. Zu allem Unglück ist dieser Unbekannte leider kein Nobody, sondern ein gefürchteter Tester des weltberühmten „Guide Gabin“. Xavier Kieffer drängen sich gleich mehrere Fragen auf: Wieso kommt der Tester in das Restaurant, wo Kieffer doch nie einen Gabin-Stern anpeilte? Wer hat ihn umgebracht? War es überhaupt Mord? Was hat Kieffers ehemaliger Mentor Paul Boudier mit der Sache zu tun? Und wieso taucht gerade jetzt sein verhasster Konkurrent, der Fernsehkoch Ricardo Esteban, wieder in seinem Leben auf?

Die kulinarische Antwort auf Doktor Schiwago

Fragen über Fragen, die den luxemburgischen Koch durch halb Westeuropa führen und wiederholt in akute Lebensgefahr bringen werden. Originell an „Teufelsfrucht“ ist, dass der Ermittler dezidiert keine Polizeifigur darstellt. Im Gegenteil, Kieffer muss öfters vor der Polizei weglaufen, um seine Ermittlungen zu retten. Denn weder der luxemburgische Kommissar Manderscheid, der mit seiner Pfeife und seiner immer schlechten Laune doch etwas zu karikatural daherkommt, noch dessen französische Kollegen schenken den Erkenntnissen Kieffers Glauben. Für sie ist er eher der erste Verdächtige. Ein bisschen, als ob Xavier Kieffer die kulinarische Antwort auf Doktor Schiwago wäre.

Nur soviel sei noch verraten: Interessant an Hillenbrands Buch ist besonders, dass der Autor es fertig bringt, eine globale Vision der Lebensmittelindustrie in seinen anek-dotenschwangeren Krimi einzubinden, ohne dass dies zu plötzlich käme. Und: Zwar gibt es nicht viele Leichen in der „Teufelsfrucht“, aber auf einigen Seiten, besonders bei den Beschreibungen der Zubereitung von Junkfood in der Mikrowelle, geht es doch ziemlich unappetitlich zu!

Bei alldem stellt sich die Frage: warum ausgerechnet Luxemburg? Hätte das Ganze nicht auch in der pfälzischen Provinz spielen können? – „Ich habe mich in diese Stadt verliebt, als ich Mitte der Neunziger mal ein Praktikum auf Kirchberg absolviert habe. Obwohl ich bis zum Schreiben des Romans nie mehr einen Fuß ins Großherzogtum gesetzt hatte, dachte ich sofort an Luxemburg, als ich begann, einen Handlungshintergrund zu suchen. So kam es, daß dieser Roman in Luxemburg spielt“, erklärt Hillenbrand, bevor er seine Überzeugung kundtut, dass er sicherlich mehr luxemburgische Wörterbücher besitzt als die meisten Journalisten im Raum.

Womit er wahrscheinlich Recht hat. Fazit: „Teufelsfrucht“ ist literarisch sicher kein großer Wurf, aber trotzdem dürfte der Roman ziemlich vielen luxemburgischen Lesern gefallen, und sei es nur wegen der amüsanten Anekdoten.

Tom Hillenbrand, „Teufelsfrucht“, erschienen bei Kiepenheuer&Witsch.


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