TRIER: Gesichter der Armut?

Eine Ausstellung in Trier zeigt künstlerische Darstellungen von Armen und gesellschaftlich Ausgegrenzten aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Exponate geben Aufschluss über das Bild, das Wohlhabende seit je her von den Armen hatten.

Brotlose Künstler. Picassos Radierung „Das karge Mahl“ ist eine würdevolle Darstellung Armer.

Liebermann, de Vries, Rembrandt, Hofer, Picasso, Kollwitz, Sander und schließlich der soeben bei der Kunstbiennale in Venedig posthum geehrte Schlingensief ? es sind zweifellos „große Künstler“, mit deren Werken die Ausstellung „Armut ? Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ derzeit Touristen aus der Grenzregion ins Rheinische Landesmuseum und das Stadtmuseum Simeonstift nach Trier lockt.

Von der Antike bis in die Gegenwart ist der Bogen gespannt. Über 250 Exponate, darunter Gemälde, Graphiken, Fotos, Plakate und Installationen geben Einblick in gesellschaftliche Wahrnehmungen von Armut und Armen. Die Schau ist nicht chronologisch gegliedert, sondern nach fünf, in der Ausstellung farbig gekennzeichneten, Perspektiven ausgerichtet: Dokumentation, Appell, Ideal, Stigma und Reform, die wiederum thematische Schwerpunkte des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Uni-Sonderforschungsbereichs Armut (SFB 600) widerspiegeln. Der Forschungsbereich untersucht, wie Armut als Grenzsituation sozialer, politischer oder religiöser Zugehörigkeit seit der Antike konstituiert wurde.

Der Blick auf die Armen wird von den Ausstellungsmachern als Produkt ihrer eigenen historischen, religiösen und politischen Perspektivenwahl dargestellt. Die ausgestellten Bildzeugnisse sind in „Wahrnehmungsräumen“ gruppiert, in denen jeweils ein bestimmtes Muster der Beurteilung von Armen Thema ist. Natürlich ergeben sich zahlreiche Überschneidungen ? und diese sind auch gewollt. Kein Wunder also, dass die Grenzen der jeweils zugeordneten Perspektiven bisweilen verschwimmen und man sehr bald nicht mehr weiß, ob dieses oder jenes Werk nun der Perspektive „Stigma“ oder „Appell“ zugeordnet war.

Erst christlich-jüdische Moralvorstellungen führten Veränderungen in der Darstellung der Armen herbei.

Kontraste sind ein weiteres Stilmittel, mit dem die Trierer Ausstellung überzeugt. Da wird der Rumpf einer schrill violetten Bettlerhand, ein Werk der Künstlerin Katharina Fritsch, dem Bronzeguss „Russische Bettlerin“ von Ernst Barlach ? einer auf den Boden gekauerten Frau ? gegenübergestellt, oder es erscheint die Skulptur eines muskulösen Arbeiters von Constantin Meunier in szenischer Konfrontation mit dem „ausgepressten Proleten“ Fritz Noldes. Gleich zweimal begegnet man Alexander dem Großen und Diogenes als entgegengesetzten Entwürfen des Lebens: eines in Prunk und eines in freiwilliger Armut. Die Werke geben nicht nur Aufschluss, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Armen in ästhetischer Hinsicht ausfallen und wie ansteckend sie mitunter sogar wirken kann, sie ergänzen sich und scheinen regelrecht miteinander zu sprechen.

Dass Besitzlose sich selbst darstellen, kam im Altertum nicht vor. Entsprechend spärlich sind die Funde im antiken Teil der Ausstellung. So geben die etwa 100 Exponate aus dem 3. Jahrhundert vor Christus vor allem den Spott wieder, dem Arme einst ausgesetzt waren. Deshalb sind auch vier Tonstatuen von mit übergroßen Phalli ausgestatteten Bettlern ? die in der Antike häufig auf ihr Geschlecht reduziert wurden ? mit zerknüllten Plastikflaschen kombiniert. Studenten der Fachhochschule Mediales Design haben die Räume im Rheinischen Landesmuseum mit modernen Entwürfen zur Armut bespielt und frischen so die Atmosphäre auf. An den Wänden hängen Pappteller und bringen in die antiken Exponate einen Hauch von Pop Art à la Warhol. Auch eine Wandinschrift aus Pompeji gibt Aufschluss über die Haltung gegenüber Armen: „Ich verabscheue Arme ? wer etwas umsonst will, ist blödsinnig.“

Das mit einer einfachen Pocket-Kamera aufgenommene Bild Karin Powsers eröffnet den Blick „von Armen auf Arme“.

Wie wenig sich diese Verachtungshaltung seit der Antike gewandelt hat, zeigen die Zitate von Politikern und Philosophen auf großen weißen Bannern, die das Treppenhaus zieren, das den Hauptteil der Ausstellung mit rund 170 Exponaten vom 12. bis 21. Jahrhundert enthält. „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“, lautet ein vom Apostel Paulus überlieferter Sinnspruch. Marx und Engels charakterisierten in ihrem Kommunistischen Manifest von 1848 das Lumpenproletariat durch das Bild der „passiven Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft.“ Der „kollektive Freizeitpark“, von dem der deutsche Alt-Kanzler Kohl 1993 sprach, oder die Forderung des Arbeitsministers Müntefering „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ sowie der dumm-infame Slogan der „spätrömischen Dekadenz“, mit der der deutsche Außenminister Westerwelle die Debatte um Hartz IV anheizte, wirken so noch lange nach.

Erst christlich-jüdische Moralvorstellungen führten Veränderungen in der Darstellung der Armen herbei. Christliche Caritas sollte fortan im Mittelpunkt stehen. Den mittelalterlichen Bettlerorden galt Armut aber auch als selbstgewähltes Ideal. Pieter Brueghels Ölgemälde „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ ist ein Beispiel für die Darstellung der christlichen Nächstenliebe in der Kunst. Dass der Fokus der Ausstellung sehr stark auf gerade diese christlich inspirierten Motive und die entsprechenden prominenten Kunstwerke (überwiegend Leihgaben des Museums für Brotkultur in Ulm) ausgerichtet ist, hängt wohl mit den christlich-katholischen Forschungsschwerpunkten des SFB 600 zusammen, passt aber auch ganz allgemein zur katholischen Geschichte der reichen Stadt Trier. Der Problematik dieses christlichen Übergewichts sind sich Kuratoren wie Mitarbeiter des Uni-Forschungsbereichs durchaus bewusst. Die inszenierten Gegensätze können als Versuch gedeutet werden, hier einen Ausgleich zu schaffen, indem beispielsweise auch sozialistische Antworten auf die Soziale Frage präsentiert werden.

Der monothematische Blick wird aber auch durch den begleitenden Ausstellungsband aufgebrochen und hervorragend ergänzt. Die zahlreichen Aufsätze geben Aufschluss über die Bandbreite der Forschungsaspekte. Hier werden auch Randthemen, wie etwa die „Paradoxalen Bilder von Juden im 19. Jahrhundert“ oder die „Sozialfürsorge für französische Muslime (1945-1965)“, beleuchtet und einige Aspekte, die in der Ausstellung nur angerissen werden konnten, ausführlich behandelt.

In der Perspektive Dokumentation, der ersten Station im Simeonstift, stößt man neben bekannten, ausdrucksstarken Bilddokumenten – wie Dorothea Langes Migranten-Mutter als dokumentarisches Zeugnis weiblicher Armut oder August Sanders Dokumentarfotografien aus seiner Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ (teilweise Leihgaben des CNA in Dudelange) ? auf einige beeindruckende Überraschungen. So etwa die monumental vergrößerte, preisgekrönte Fotografie „Wohnkomfort in neuem Stil“ von Karin Powser. Das mit einer einfachen Pocket-Kamera aufgenommene Bild ist das erste in einer Reihe dokumentarischer Zeugnisse selber von Armut Betroffener und eröffnet damit den Blick „von Armen auf Arme“. Das Foto zeigt eine obdachlose Person, die unter dem Werbeplakat der Modefirma Haase schläft, das für seine neue Herbst-Stoffkollektion wirbt. Die Exklusion der Wohnungslosen wird ebenso in der Fotografie dokumentiert wie im Werbetext, der sich lediglich an jene Wohlhabenden richtet, die zum „schöner Wohnen“ animiert werden sollen. Ein Unbekannter hat dem Text handschriftlich den Kommentar „Nein Danke“ hinzugefügt, was die Wirkung des Bildes noch verstärkt. Was auf den ersten Blick als Beispiel bewusster Inszenierung wirkt, ist in Wirklichkeit eine Zufalls-Fotografie.

Geht es hier um authentische Dokumentation von Armut, so zielen die Exponate in der Perspektive Appell darauf ab, den Betrachter zum Engagement aufzurufen. Eine Sammlung von Plakaten der bundesdeutschen Spendenwerbung ist so auf Platten aufgezogen, dass der Besucher sie durchblättern und auf diese Weise nachvollziehen kann, wie sich die Werbestrategien der deutschen Sozialverbände im Laufe der Jahrzehnte drastisch verändert haben. Während bis in die späten 1960er Jahre Caritas und Brot für die Welt noch mittels Schock-Bildern ausgehungerter Kinder aus Afrika und Lateinamerika an die Spendenbereitschaft appellierten, hat sich ab dem Ende der 1970er der Schwerpunkt zunehmend zu den dankbaren Empfängern verlagert. Spenden macht glücklich, ist hier die Botschaft.

Auch Käthe Kollwitz` berühmte Kohlezeichnung „Brot!“, die eine Mutter zeigt, die zwei hungernde Kinder durchzubringen hat, ist ein Caritas-Motiv, das nicht nur von der deutschen Spendenwerbung aufgegriffen wurde. Das Kollwitz-Plakat, während des Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ verboten, wurde von denselben im Spanischen Bürgerkrieg für ihre Propaganda gegen die Republik verwendet ? freilich unter Nicht-Nennung des Namens der Künstlerin ? wie Kurator Hirschmann beim Ausstellungsrundgang zu berichten weiß.

Die Appell-Perspektive führt den Besucher jedoch auch zu aufrüttelnder Kunst aus der Zeit der Weimarer Republik. Zentral ist hier Karl Hofers Gemälde „Arbeitslose“. Hofer dokumentierte in seinem Bild die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1930 und der Arbeitslosigkeit als Massenschicksal. Teilnahmslos und ohne Bezug zueinander sitzen die Männer im Gras. Das berühmte Gemälde kann heute als Sinnbild gesellschaftlicher Exklusion gedeutet werden.

In Auszügen aus einem ?Europa-Knigge‘ der Caritas von 1962 kann man gutgemeinte Ratschläge für den Umgang mit Gastarbeitern lesen. Es sind Dokumente deutscher Sozialverbände, die Aufschluss über rassistische Vorurteile geben.

Die sicherlich spannendste Perspektive“Stigma“ rückt zeitgenössische Auseinandersetzungen um die Ausgrenzung der von Armut Betroffenen in den Vordergrund. Herbert Uerlings` Aufsatz „Zigeuner als Asoziale ? zur visuellen Evidenz eines Stigmas“ im begleitenden Ausstellungskatalog macht deutlich, wie stark unser Bild vom Armen durch Begriffe geprägt ist. „Asozialität gehört zu den Leitbegriffen der Exklusionssemantik“ heißt es darin. Unter den „Stigma“-Exponaten begegnet man aber auch ästhetisierenden Darstellungen von gesellschaftlichen Außenseitern. Mitunter überschreiten die Werke eindeutig die Grenze des Kitsches. So die bemalte und auf Aluminium gezogene Fotografie des kleinen Rumänen Drago, eine Arbeit des französischen Künstlerpaares Pierre & Gilles: Der Akkordeon spielende Junge wirkt in der malerischen Aufmachung der Fotografie verklärt. Motivisch reiht sich das Bild in die Darstellungen von Bettelmusikanten wie zum Beispiel die von Rembrandt ein. Schließlich stößt man auf Picassos berühmte Radierung „Das karge Mahl“, Bildzeugnis des lange verkannten und in Armut lebenden Pariser Bohemiens.

Doch auch ganz Anderes hat hier seinen Platz, Tendenz-Darstellungen der Weberaufstände zum Beispiel, von denen Marx gesagt haben soll, sie hätten mehr für den Sozialismus getan als Hunderte seiner Flugschriften. Oder tagesaktuelle Bildzeugnisse, wie die Fotografie eines Flüchtlingsbootes von Mashid Mohadjerin, das eine Einheit der italienischen Küstenwache vor Lampedusa erspäht hatte. Dabei steht die Frage im Raum, wo man die Grenzen der Solidarität ziehen soll. Vom selbstbewussten Umgang Betroffener mit ihrem Makel zeugt sowohl ein vergoldeter Judenstern, mit dem die Künstlerin Zoya Cherkassky das schlimmste Stigma der Weltgeschichte zum Kunstwerk verarbeitet hat, wie auch die Foto-Montage des Kölner Künstlers Kálmán Várady, der selbst Roma-Wurzeln hat. Seine Installation parodiert die Erfassung von sogenannten Heimatlosen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Im Stil der Polizeifotografie hat Várady seine Töchter abgelichtet und zu einer beeindruckenden Fotoarbeit montiert.

In Auszügen aus einem ?Europa-Knigge‘ der Caritas von 1962 kann man schließlich gutgemeinte Ratschläge für den Umgang mit Gastarbeitern lesen. Es sind einmal mehr Dokumente deutscher Sozialverbände, die Aufschluss über rassistische Vorurteile geben. Was seinerzeit dem Zweck der Integration dienen sollte, erscheint in der Retrospektive als Zeugnis des Ausgrenzungswillens. „Der südländische Gastarbeiter denkt an seine Familie, er spart, man soll keinen Wucher mit ihm treiben“, heißt es etwa und, man reibt sich ungläubig die Augen, „Mit Rücksicht auf ihre Herkunft ist eine Sonderbehandlung manchmal unbedingt erforderlich.“

Gegen Ende werden vor allem aktuelle politische Auseinandersetzungen mit der Armut in Deutschland thematisiert. Es geht also um Hartz IV, die Entstehung der Partei Die Linke oder die von der Bild-Zeitung lancierte Debatte um „Florida-Rolf“. Moderne Künstler wie Immendorf mit seinem „Oskar für Obdachlose“ oder Schlingensief mit seinem inszenierten Abschiebecontainer „Ausländer raus“ setzten häufig auf Provokation. Ebenso der Nürnberger Designprofessor Winfried Baumann mit seinen „Instant Housings“?Wohnbehältern für moderne urbane Nomaden. Die Luxusausführung mit Laptop, Trillerpfeife und Erste-Hilfe-Set kann man sich für schlappe 3.000 Euro übers Internet bestellen. Einen weiteren Schlusspunkt bildet Albrecht Wilds „Sitzender“, den der Künstler ursprünglich für den öffentlichen Raum in Seoul entworfen hatte. Die zusammengekauerte Gestalt wirkt verblüffend echt. Vor ihr steht ? als moderne Form des Bettelns ? ein flimmerndes Werbeband mit der Aufschrift „Ich habe Hunger“.

Die sicherlich spannendste Perspektive „Stigma“ rückt zeitgenössische Auseinandersetzungen um die Ausgrenzung der von Armut Betroffenen in den Vordergrund.

Die bewusste Einordnung der Werke in eine der fünf Perspektiven erscheint dem Besucher am Ende als These, die er versucht ist, aufzubrechen. Denn spätestens beim zweiten Gang durch die Ausstellung verschwimmen die Perspektiven. Es könnte sein, dass ebendies die Absicht der Ausstellungsmacher war. Geht man aufmerksam durch die Trierer Schau, ohne einen Blick über den europäischen Tellerrand zu erwarten, womit natürlich erklärende Ursachen für Armut ausgespart werden, könnte dieses Konzept aufgehen.

Die Ausstellung „Armut ? Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ ist noch bis zum 30. Juli 2011 im Stadtmuseum Simeonstift und im Rheinischen Landesmuseum Trier zu sehen.


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