HISTORISCHES KULTURERBE: Freilichtbibliothek

In den Wäldern Luxemburgs ruhen seit Jahrtausenden Spuren menschlichen Wirkens, ein wahres Geschichtsmuseum liegt unter dem Blätterdach.

Wer fand in dieser Höhle in Lintgen, in der sich sichtbare Spuren der Vergangenheit und Legenden überlagern, Unterschlupf?

Kann man den Wald lesen? Von jeher ist der Wald Inbegriff des Mystischen, das den Menschen stets in seinen Bann gezogen hat. Nichts sonst wurde Zeuge von so vielem Geheimnisvollen, und nichts anderes hütet Geheimnisse in ähnlich ungebrochener Stille. Verborgene Gefühle und Ängste, vielleicht auch geheime Zusammenkünfte, nie geteilte Gedanken, bedächtige Schritte einsamer Spaziergänger, hastige von Flüchtenden. Poetisch könnte man all dies die Sprache des Waldes nennen. Erzählt der Wald seine Geschichten? Unzählige, so scheint es, wenn man seiner Sprache zuhört, oder vielmehr sie liest, in den Zeichen, die die Natur uns vor Augen führt.

Jean-Michel Muller, Mitarbeiter der Administration de la Nature et des Forêts (ANF) widmet sich im Rahmen seiner Arbeit nun schon seit zwei Jahren dieser Lektüre der ganz besonderen Art. Insgesamt hat er in dieser Zeit 1.700 Hektar des Luxemburger Waldes „gelesen“. Den Wald kulturhistorisch zu „entziffern“, haben sich die ANF und das Luxemburger Museum für Geschichte und Kunst (MNHA) in einem gemeinsamen Projekt zur Aufgabe gemacht. Ihr Ziel ist zunächst der Schutz des im Wald ruhenden historischen und kulturellen Erbes. Konkret bedeutet dies die Fortführung der Arbeit an einer umfassenden, auch topographisches Kartenmaterial einschließenden Datenbank, in der dieses kulturelle Erbe bereits seit 2003 inventarisiert wird. Die vor kurzem von der ANF und dem MNHA veröffentlichte, reich bebilderte Broschüre „Patrimoine historique et culturel en forêts luxembourgeoises“, die auch die in Luxemburg am häufigsten vertretenen kulturhistorischen Elemente beschreibt, soll den zweiten Schritt leisten: die Weitergabe des Wissensgutes über den Erhalt des Erbes an diejenigen, die beruflich oder aus privater Motivation eine besondere Beziehung zum Wald haben und als „Hüter des Waldes“ auch Hüter seines kulturgeschichtlichen Erbes sind.

Museumsgang durch die Epochen

Auch wenn wir unter dem rauschenden Blätterdach des Waldes stets das Fernabsein von der Zivilisation zu finden glauben, sind wir ihr gerade im Wald oftmals näher, als wir zu ahnen vermögen. Hier schreitet man vielleicht gerade über Grabhügel, sogenannte Tumuli, aus der Epoche der „Champs d`Urnes“ – eine Bezeichnung, die auf die spezifische und weit verbreitete Bestattungskultur insbesondere der späten Bronzezeit (13. bis 8. Jahrhundert v. J. Chr.) verweist. Dort erzählen Höhlen Geschichten von der Vorzeit bis in unsere Gegenwart. An anderer Stelle führen die Schritte über ehemalige gallorömische Wohngebäude und Tempel, vorbei an Zeugnissen des Volksglaubens, wie Wegkreuzen und Kapellen. Das Lichtspiel der Bäume hüllt den Museumsspaziergang in die sanfte Melancholie der Vergänglichkeit. In dem Freilichtmuseum „Wald“ ruhen zahllose Spuren vom menschlichen Leben vergangener Zeiten. Die älteste Grabstätte beispielsweise, die bisher in Luxemburg datiert werden konnte, beherbergte unter einem Felsüberhang einen in der Zeit von ca. 6900 v. J.-C. eingeäscherten Menschen. Indem er sie gegen die Witterung abschirmte, hat der Wald solche Überreste durch die Jahrtausende zu bewahren vermocht. Nicht nur Felshöhlen boten Schutz, der Wald selbst hat sich mit seiner Humusschicht oft schützend über diese Spuren unseres historischen Erbes gebreitet. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt beläuft sich das „Basis-Inventar“ in den Wäldern Luxemburgs auf über 3.500 derartige Relikte. Allein seit August 2010 wurden über 2.500 Objekte in die Datenbank aufgenommen.

Das Unentdeckt-Bleiben ist die wohl größte Gefahr für das historische Erbe im Wald. Allzu viele Spuren entgehen dem oft unaufmerksamen Blick, und wenn auch noch die Maschinen im Dienste einer „effizienteren“ Infrastruktur ihre zerstörerische Kraft entfalten, ist das Urteil über die Hinterlassenschaften gesprochen. „Wenn einmal die schweren Maschinen durch die römische Villa gefahren sind, ist natürlich nicht mehr viel von ihr übrig,“ betont Jean-Michel Muller die Wichtigkeit der präventiven Verortung des historischen Erbes. Und schließlich gibt es auch noch die skrupellosen Raubgräber, deren Geschichtsbewusstsein nur eine einzige Dimension, nämlich die materielle aufweist. Nur das Zusammenwirken aller, die beruflich mit dem Wald verbunden sind, kann die Hoffnung begründen, dass der im Wald verborgene Teil unserer Vergangenheit wirkungsvoll geschützt wird.

Vom Entziffern des anthropischen Reliefs

Die Verortung des kulturhistorischen Erbes ist daher ein sehr wichtiger Schritt auf diesem Weg. Die Aufgabe Jean-Michel Mullers besteht darin, das bisher noch nicht erfasste Terrain systematisch abzuschreiten und mit bloßem Auge solche Zeichen zu „lesen“, die darauf hindeuten, dass Menschen vor Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden dort gewirkt haben könnten. Doch wie lässt sich ein sogenanntes „anthropisches Mikrorelief“ von einem natürlichen unterscheiden – zum Beispiel auf dem Kaasselbierg in Beckerich-Hovelange? Wenn Jean-Michel Muller den Hügel erklimmt, „tastet“ er die Oberfläche mit einem Blick ab, der genau weiß, wie es aussieht, wenn Mensch und Natur einander begegnet sind, sich gegenseitig geprägt und verändert haben. Ein „anthropisches“ Stück Wald erscheint geordneter, zuweilen symmetrischer, als ein unberührtes; Planung und Konstruktion können noch nach Jahrhunderten durch einen Laubhaufen hindurchschimmern. So ist auch auf dem Kaasselbierg der Verlauf einer Folge von Hauptwällen und Zwischenwällen – wahrscheinlich einer ehemals gallorömischen Befestigung – bei genauem Hinsehen noch deutlich zu erkennen. Ihr Verlauf ist zu konstruiert, als dass die Natur hier allein am Werk gewesen sein könnte. Manchmal leistet auch die Vegetation Hilfestellung. So ist zum Beispiel die Brennnessel eine eher wald-untypische Pflanze und kann daher auf Spuren menschlichen Eingriffs hindeuten. Oben auf dem Hügel angekommen, stößt der Spaziergänger auf ein Loch von knapp zwei Metern Durchmesser, das sich am Fuße eines Baumes auftut. Um was genau es sich hierbei handelt, können erst genaue archäologische Untersuchungen ergeben, die den zweiten entscheidenden Schritt des Wald-Lesens darstellen: die Interpretation.

Nicht weit von dort haben umgestürzte Bäume einen moosbewachsenen Mauerrest an die Oberfläche gehoben. Auch Scherben wurden zutage befördert, auf denen noch Reste von Glasur erkennbar sind. „Das war wohl das gute Geschirr der Römer,“ schmunzelt Jean-Michel Muller. Es ist kein Zufall, dass genau dieser Baum umgestürzt ist; auf dem ehemals mit Steinen abgedeckten Boden hatte er von Anfang an schlechteren Halt. Noch andere natürliche Helfer wirken dabei mit, historische Funde an die Oberfläche zu transportieren: Maulwürfe und Füchse legen nicht selten Scherben und andere Überbleibsel vergangener Zeiten frei.

Mehr als „gallorömischer Bauschutt“

Während man so die Seiten des Wald-Geschichtsbuches umblättert, begegnet man auch dem weniger greifbaren, „abstrakten“ Kulturerbe, wie besonderen Bäumen, pittoresken Ausblicken und Plätzen, die aus rational kaum erklärbaren Gründen Poesie und Harmonie ausstrahlen und über Jahrhunderte erhalten blieben. „Auch das ist kulturelles Erbe“, sagt Jean-Michel Muller. Hier begegnet man der Geschichte, die sich nicht mehr aus rationalen Zeichen lesen lässt und vielleicht die Geschichte ist, die tief im Inneren der Menschen selbst liegt und sie über die Epochen hinaus miteinander verbindet.

Wenn die kulturelle und historische Erforschung des Waldes auch meistens an konkrete Funde geknüpft ist, so findet sich diese nicht an materiellem Wert messbare Betrachtung des kulturgeschichtliches Erbes auch in ihnen wieder. Der Erhalt der vielen Relikte ist nicht immer mit ökonomischen Argumenten zu rechtfertigen, doch für Jean-Michel Muller geht es hier klar um mehr als nur um „gallorömischen Bauschutt“, wie er die archäologischen Funde im Wald augenzwinkernd nennt. Der Wald wurde durch Menschenhand geprägt und ist gezeichnet durch die Mentalitäten der jeweiligen Passanten oder Bewohner. Wie wurden heute bewaldete Orte damals genutzt? Und von wem? Wie haben die Menschen gelebt, und welche Sozialstrukturen haben sie aufgebaut? Eine genaue Analyse kann auch zu einer topographischen Vernetzung führen, die verstehen hilft, in welcher Sozialstruktur die Menschen lebten und welche Kommunikationswege sie nutzten. So viele Rätsel der Wald beherbergt, so viele Antworten kann er auch geben, wenn wir versuchen, uns in unserer eigenen Zeit zu verstehen.

Die von der ANF und dem MNHA veröffentlichte Broschüre illustriert, wie sich im Wald die Jahrhunderte begegnen und überlagern – so wie in einer Höhle in Lintgen beispielsweise. Seit grauer Vorzeit genutzt, enthält sie unter anderem antike Petroglyphen, in den Stein gemeißelte Sitz- und Liegegelegenheiten und auch Einkerbungen aus jüngeren Zeiten, die von der Konstruktion von Unterständen für Tiere zeugen. Ein rußgeschwärzter Kaminschacht lässt kalte, dunkle Nächte im Wald nachempfinden. Viele solcher „Behausungen“ gerieten nie ganz in Vergessenheit. Überlieferungen erzählen noch heute von ihrem Nutzen, vor allem in politisch unruhigen Zeiten. So habe die Lintgener Höhle den Legenden zufolge Adligen, die vor der französischen Revolution flohen, Unterschlupf geboten, lässt sich der Broschüre entnehmen. Andere vom Wald gebotene Zufluchtsorte dienten beispielsweise als geheime Orte religiöser Praktiken, als die Ausübung der Religion während dieser Zeit verboten wurde.

Doch auch die kleinen Anekdoten des Lebens werden vom Wald aufgezeichnet. So etwa an einer kleinen Waldarbeiter-Hütte, die Jean-Michel Muller tief im Wald entdeckte. Sie war nach den Arbeiten 1990, als der Sturm den gesamten Wald verwüstet hatte, schlicht und einfach vergessen worden „mitsamt den zurückgelassenen reizenden Damenfotos“, … Auch solche Funde zeichnen auf ihre Weise ein Stück unserer Kulturgeschichte nach.

Schutz für Natur und Denkmal

Oft stoßen Forscher auf historische Standorte, die zwar heute vom Wald zugedeckt sind, zu ihrer Zeit aber auf offener Fläche lagen. Als die Römer im letzten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Forstkultur einführten, veränderte dies die bis dahin stark bewaldete Umgebung einschneidend. Die vielen hölzernen Bauten der gallorömischen Zivilisation und die Rodungen für Felder leiteten die Entwaldung des Gebietes ein, die in der Epoche der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Dennoch liegen die Spuren vieler jahrhundertealter Hinterlassenschaften in der Gegenwart erneut im Wald. So wird die Broschüre der AFN und des MNHA mit der Frage eingeleitet: „Qui de la forêt ou de l`Homme était là le premier? La forêt souvent, l`Homme parfois…“1 Stets hat sich der Wald sein Terrain wieder zurückerobert, sich wie ein Mantel des Schweigens über die von Menschenhand geformte und verlassene Umgebung gebreitet. Das Faszinierende daran ist, dass er dies ohne Gewalt tut. Statt die Vergangenheit dem Erdboden gewaltsam gleichzumachen, bewahrt er sie. Damit gewinnt der Erhalt des kulturhistorischen Erbes im Wald eine Dimension, die nicht zuletzt auch in der Kunst immer wieder ihren Niederschlag findet – ein Reflex der tiefen Verquickung von Mensch und Natur, des Synkretismus des von Menschenhand und des von der Natur Geformten.

Vielleicht liegen gerade deshalb der Denkmalschutz und der Natur- und Bodenschutz so nah beieinander. Der Wald als Hüter kulturhistorischen Erbes zeigt, dass die Pflege des kollektiven historischen Gedächtnisses Hand in Hand geht mit der Bewahrung der Natur. Die Broschüre illustriert dies mit einem einprägsamen Foto der Konstruktion der Nord-Autobahn durch den Grengewald. Eine mächtige Schneise aufgewühlter Erde, gegen die der Wald merkwürdig machtlos wirkt. Neben der Natur wird auch kulturelles Erbe zerstört und der Boden bleibend unfruchtbar gemacht. Es ist nicht zuletzt Aufgabe der Politik, den Dialog zwischen Natur-, Boden und Denkmalschutz zu verstärken. Sowohl unsere Geschichte als auch unsere Zukunft sind hierin verankert.

1 Frédérique Lecomte, ONF. In: Aborescences 71: Dossier Forêt et Archólogie


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