KAPITALISMUS: Arbeiten ohne Ende?

Ein neuer Sammelband diskutiert die Zukunft der (Lohn-)Arbeit. Während einige Beiträge über eine mögliche Abschaffung der Arbeit nachdenken, wollen andere selbst noch die so genannte Freizeit nach dem Modell der Arbeitsgesellschaft regulieren.

Alternativen zur kapitalistisch organisierten Arbeitsgesellschaft denken – das ist das Anliegen des im Argument-Verlag erschienenen Readers „Arbeiten wie noch nie?!“. Unbezahlte „weibliche“ Reproduktionsarbeit, zunehmende Umweltprobleme, sozialer Absturz großer Teile der Bevölkerung, die Ausweitung des Niedriglohnsektors sowie die Senkung des Arbeitsvolumens sind für die Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Österreich Anlass, die Organisation und den „Wert“ der Arbeit zu hinterfragen.

Arbeit, kommen die in dem Band versammelten Text überein, ist das Paradigma der gegenwärtigen Gesellschaft schlechthin und betrifft die gesamte Existenz des Menschen. Mit der Entwicklung des Kapitalismus sei die Arbeit jedoch zur bloßen Erzielung von Profit verkommen und stehe nicht im Kontext der individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse. Die von Arbeit beherrschte Gesellschaft stößt aus der Perspektive der AutorInnen aber an ihre Schranken, da die Produktivkräfte sich durch Technologisierung und Automation so weit entwickelt haben, daß die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für das Überleben reduziert werden könne. Dennoch sei die Gesellschaft paradoxerweise noch nie so stark von Arbeit geprägt gewesen wie zur Zeit ihres Überflüssigwerdens. Das Festhalten der Regierungen am Konzept der Vollbeschäftigung ist dafür nur ein Symptom unter Vielen. Ein Umdenken hin zu weniger Arbeit und einer menschengerechteren Organisation der Arbeits- und Lebenswelt sei daher unabdingbar. Dennoch bleibt Arbeit für die meisten der AutorInnen eine „Naturnotwendigkeit“ – denn wer soll schließlich die Brötchen backen, den Müll wegbringen oder die Kinder versorgen?

Die Sozialwissenschaftlerin Sabine
Gruber sucht in ihrem Beitrag in den zentralen Wirtschaftstheorien Antworten auf die Überwindung von Arbeitslosigkeit und Armut, sowie auf die Umweltzerstörung und die nicht erfolgte Gleichstellung der Geschlechter. Weder der Keynesianismus, der staatliche Regulierungen vertrete, noch die neoklassische Theorie, die für eine Marktfreiheit plädiere, habe historisch befriedigende „sozial- und umweltverträgliche“ Lösungen geliefert, so Grubers Befund. Einzig die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie betrachtet die Autorin als hilfreich für eine Analyse der aktuellen Krisenerscheinungen der Arbeitswelt, weil diese das System des Kapitalismus an sich in Frage stelle.

Der Politikwissenschaftler Bernd Röttger zeichnet die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in ihren historischen und gegenwärtigen Zügen nach. Erreicht worden sei vieles, etwa Arbeitszeitregelungen oder Kollektivlöhne, gescheitert seien die Arbeiterbewegung aber an der Frage nach Eigentumsrechten. Aktuell ist die Forderung nach Aneignung der Produktionsmittel durch die Produzenten für Röttger aber nach wie vor. Nur so sei eine Befreiung von der Lohnabhängigkeit und eine „Demokratisierung der Arbeit“ denkbar. Er fordert daher beispielsweise eine Gewerkschaftsbewegung, die weniger Zugeständnisse an das Kapital mache.

Die Sozialanthropologin Johanna Riegler kommt zu dem Ergebnis, Arbeit als zentrales Vergesellschaftungsmoment sei keine historische Konstante.

Auch Stephan Krull, langjähriger Betriebsrat beim Automobilkonzern VW in Wolfsburg, zeichnet die defensive, aber auch kämpfende Rolle der Gewerkschaften der letzten Jahrzehnte nach. Der Krise der Automobilindustrie im Jahr 2008, die zu Lohnkürzungen und Massenentlassungen geführt habe, setzt er die Produktion umweltfreundlicher öffentlicher Transportmittel als Alternative entgegen.

Eine feministische Perspektive nimmt die Politikwissenschaftlerin Alexandra Weiss mit ihrem Artikel „Die Arbeit der Anderen“ ein. Sie stellt sich dabei insbesondere Fragen zur Verteilung und Entwertung von Arbeit. Die Rechtfertigung von sozialer und ökonomischer Ungleichheit für Frauen und Zuwanderer – Arbeiter „zweiter Klasse“ – sieht sie nicht nur ökonomisch, sondern auch sexistisch und rassistisch begründet. Eine demokratische Gesellschaftsorganisation erfordere daher eine „Bewusstseinsbildung“, eine „Vergesellschaftung von Erziehungs-, Betreuungs- und Pflegearbeit“ sowie eine gerechte „Verteilung von Reproduktionsarbeit“.

Einen fundamentalen Einspruch gegen das Arbeitsparadigma der gegenwärtigen Gesellschaft erhebt die Wiener Kultur- und Sozialanthropologin Johanna Riegler. Sie dekonstruiert den historischen und kulturell gewachsenen Arbeitsbegriff und kommt zu dem Ergebnis, Arbeit als zentrales Vergesellschaftungsmoment sei keine anthropologische und historische Konstante. Zudem sei angesichts neuer Technologien immer weniger produktive menschliche Arbeitskraft notwendig und das Versprechen der Wohlstandsvermehrung durch hohe Produktivität nicht eingelöst. Grund genug für die Autorin, das Dogma der Arbeit zu hinterfragen. Eine Lösung sieht sie nur in der Durchbrechung der Verwertungs- und Arbeitslogik.

Ein handlungsorientiertes Konzept als „utopisch visionäre Perspektive“ und realpolitische Sinngebung in einem, liefert die Sozialwissenschaftlerin und marxistische Feministin Frigga Haug. Sie stellt die Frage, wie Arbeit beschaffen sein müsste, damit man sich in ihr „zuhause“ fühlt. In ihrer so genannten „Vier-in-einem“-Perspektive fordert sie, dass alle Menschen tätig sein sollten, und zwar „in der Arbeit an den notwenigen Lebensmitteln in der Form der Erwerbsarbeit; der Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen“ ebenso wie im politischen und gesellschaftlichen Engagement. Diese vier Bereiche sollen bei jedem und jeder Einzelnen 16 Stunden pro Tag ausmachen und auf jeweils vier Stunden pro Bereich verteilt werden, wobei die Übergänge fließend sein und sich durchdringen sollen. Was Haug erreichen möchte, ist eine gerechte und geschlechtergleiche Verteilung von Arbeit, was gleichermaßen zur Aufwertung reproduzierender Tätigkeiten wie zur Abschaffung der Arbeitslosigkeit führen soll.

Gegen eine Politik, die über die Köpfe der meisten hinweg entscheidet, wendet sich Haug ebenso wie gegen die Gestaltung einer konsumorientierten Freizeit im Sinne einer Work-Life-Balance, die lediglich der Reproduktion von Arbeitskraft diene. Stattdessen setzt die Autorin auf die künstlerische und sportliche Entfaltung zum Selbstzweck und zur Selbstverwirklichung der Individuen. Musizieren, Malen oder Schreiben – bisher nur wenigen finanziell bzw. mit freier Zeit Gesegneten vorbehalten, soll nun unabhängig von Klasse, Hautfarbe und Geschlecht möglich werden. Auf lange Sicht verspricht sich Haug von der politischen Aktivität der Arbeitnehmer einen Systemwechsel. Wo der jedoch hinführen soll, bleibt unkonkret. Von einer Umverteilung der Reichtümer oder der Abschaffung des Privateigentums hält sie nichts.

In einem thematisch anknüpfenden Dialog zwischen Frigga Haug und Johanna Riegler wird Haugs Arbeitsbegriff kontrovers diskutiert. Für Riegler hält Haugs Konzept am gegenwärtigen Arbeitsparadigma fest und bedeutet Kontrolle und Arbeitszwang. Muße, Ruhe, Spiel, Zeitverschwendung, das Nichtstun und die „eigentliche Freiheit des Tuns und Lassens“ fehlten darin. Riegler begründet ihre Kritik mit der Annahme, dass es kein dem Menschen angeborenes Bedürfnis zum Arbeiten gebe. Zudem regele die zeitliche Verkürzung von Lohnarbeit noch nicht das Was, Wie oder Wozu der Produktion. Ob die Einkommensbeschaffung weiterhin unabdingbar durch Erwerbsarbeit gewährleistet werden müsse, diskutieren die beiden entlang der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Für Riegler befreit ein Grundeinkommen vom Zwang zur Arbeit und gewährleistet eine „Freiheit in der Gestaltung der Lebensräume“. Es beseitige aber nicht die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Für Haug fällt beim Grundeinkommen die Gesellschaftsgestaltung unter den Tisch. Gesellschaftliches Engagement durch „praktisches Tun“ statt Unterhaltung der „Überschussgesellschaft“ ist für Haug unerlässlich für die Bewältigung der Weltprobleme.

Sabine Gruber fasst am Ende des Buches die Ergebnisse zusammen. Insbesondere benennt sie Schwierigkeiten, die jeweiligen Vorstellungen umzusetzen und zeigt Wege für praktische Ziele auf. Probleme erkennt sie etwa in der Stundenregelung von Haugs Ansatz und in der darin enthaltenen Voraussetzung verantwortungsbewusster Individuen. Grubers Vorschlag orientiert sich an den Reflexionsmethoden des systemischen Arbeitens und der Erinnerungsarbeit: Menschen sollen befähigt werden, angelernte Werte und Muster zu durchbrechen, um für eine Veränderung frei zu werden. Eine „Kultur des Wir“, eines „weltverbundenen, kooperativen Tuns“ hält Gruber für unerlässlich, um die politische Gestaltbarkeit der „Vier-in-einem“-Perspektive zu gewährleisten. Die zusammen mit Frigga Haug initiierte Utopiewerkstatt soll helfen, mögliche Arbeitsabläufe zu konstruieren.

So werden an Haugs Konzept sowie am Grundeinkommen für Gruber zwar Handlungsspielräume sichtbar, es sei aber noch keine Überwindung der kapitalistischen Systemlogik gewährleistet, da Markt- und Wachstumszwänge erhalten bleiben. Beide Modelle können für sie daher nur Übergangslösungen sein, die weitergedacht und erprobt werden müssen.

Was die AutorInnen mit wenig Pathos beabsichtigen, ist ein „friedlicher Wandel“ statt revolutionärer Praxis. Auch wenn es keine fertigen Lösungsansätze gibt, so immerhin einige schlüssige Überlegungen, die weiter und umfassender gedacht werden müssen. Das Konzept von Frigga Haug etwa würde einen kompletten Umbau der derzeitigen Steuersysteme bedeuten. Letztendlich kann aber eine Utopie nicht durchgerechnet werden, sie bleibt schematisch und kann vorerst bloß Wegweiser für politisches Handeln sein. Auch wenn man Haugs orthodox-marxistisches Festhalten am Arbeitsbegriff hinterfragen kann, eröffnet sie eine kapitalismuskritische Debatte im Feminismus, die sich jenseits der so solange vorherrschenden akademischen und karriereorientierten Pfade bewegt. Insgesamt ein lesenswertes und verständlich geschriebenes Buch, das entgegen dem Trend postmoderner Beliebigkeit erfrischend und konstruktiv wirkt.

Sabine Gruber / Frigga Haug / Stephan Krull (Hg.) – Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Argument-Verlag, 188 Seiten.


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