GRUPPENAUSSTELLUNG: Von Fleischköpfen und Schwänzen

Wieder einmal hat der Cercle Artistique de Luxembourg die einheimischen Kunstschaffenden zu seinem Salon ins CarréRotondes geladen. Von den zahlreichen Bewerbern wurden schließlich vierzig Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die ihre insgesamt rund achtzig Arbeiten dort aktuell der Öffentlichkeit auf zwei Stockwerke verteilt präsentieren. Zu sehen sind neben einigen wenigen Fotografien und kleinen Plastiken in erster Linie Gemälde und Drucke, von denen einige derart alltagstauglich und wenig originell sind, dass man sie im Grunde auch in großen Einrichtungshäusern wiederfinden könnte.

Dazu gehört allerdings nicht Rafael Springers sich selbst zerlegende Stadtlandschaft auf Werbeprospekten, und schon gar nicht der Fleischkopf von Jean-Claude Salvi, den er aus Geschnetzeltem zusammen gesetzt hat und der anschließend von Veronique Kolber abgelichtet worden ist. Unter dem Titel „Meat Me“ wird er neben den drei Porträts bei fast minus zwanzig Grad in einem Gefrierschrank mit Glastür präsentiert, den man beim eventuellen Kauf des Kunstwerkes auf Wunsch miterwerben kann.

Nichtsdestotrotz scheint der Kopf, dem man so auf Augenhöhe begegnet, schon etwas angegraut. Ganz anders zusammengesetzt sind die beiden Collagen von Christian Neumann, die an feine Tätowierungen erinnern und den Betrachter mit der immer wieder aufgebrochenen Symmetrie und vor allem dem Detailreichtum ihrer Miniaturen lange beschäftigen können. Dagegen nutzt Miikka Heinonen die Vergrößerung und fotografiert Figuren aus der Perspektive der Modelleisenbahn in aberwitzigen Situationen. So zeigt er mit seinen Männern in Strahlenschutzanzügen speziell die offensichtliche Hilflosigkeit nicht nur der Japaner im Umgang mit dem Reaktorunfall in Fukushima, frei nach dem Motto „Do not Panic … Everything Is Under Control“. Einen ähnlich aktuellen Bezug zu Geschehnissen, die praktisch schon wieder in Vergessenheit geraten sind, schafft auch Robert Viola mit seinen Darstellungen von Ölförderplattformen, die er in seiner typischen Manier auf die Leinwand gebracht hat.

Ebenfalls im Obergeschoss befindet sich der erste Preisträger des diesjährigen Salons. Den bereits bei der Vernissage vergebenen Prix Révélation gewann die in München geborene Luxemburgerin Catherine Lorent, die damit nach 2005 bereits zum zweiten Mal den „Nachwuchspreis“ der Künstler unter 35 Jahren zugesprochen bekam. Dabei ist ihre Arbeit eine der ganz wenigen Plastiken, die dieses Jahr zu sehen sind. Bemalt in den Farben der luxemburgischen Trikolore spielt ihr „Leviathan.lu“ betitelter, kleiner Lindwurm mit Anleihen aus Mystik und Moderne. Archaisch überzeichnet steht er fauchend mit erigiertem Penis und vollen Brüsten, die Schwingen ausgebreitet, zum Angriff bereit. Durch seinen roten Drachenkopf weckt Lorent dabei zusätzliche Assoziationen an den „Roude Léiw“.

Für Thomas Hobbes ist der Leviathan der jüdisch-christlichen Mythologie das Vorbild für seinen Staatsentwurf, dem er eine ähnlich unbezwingbare Allmacht zuspricht wie dem biblischen Ungeheuer. Er propagiert das Ideal eines Staates, dem die Bürger aus Angst um ihre Sicherheit ihre Freiheit opfern. Daneben steht außerdem der schon häufiger geäußerte Vergleich der Finanzmärkte mit diesem alles verschlingenden Ungetüm. So kann die kleine Plastik mit gutem Willen als Warnung verstanden werden, aber auch als Abrechnung mit Luxemburg selbst. Daneben geht es aber auch gemütlicher zu, wie etwa in Chantal Maquets Hommage an die gute alte Zeit und den „Segen der Arbeit“ oder den sonnenüberfluteten, monochromen Strandlandschaften von Leen van Bogaert. Es finden sich tatsächlich erstaunlich viele sehenswerte Arbeiten im diesjährigen Salon des CAL, die sich alle für einen Besuch empfehlen.

Bis zum 4. Dezember im CarréRotondes.


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