LOHNARBEIT: Schluss mit lustig

Weniger arbeiten, mehr verdienen, nur noch interessante Dinge tun –
so lautete das Lebensmotto der heute 30- bis 40-Jährigen am Ende der Neunzigerjahre. Katja Kullmann erzählt, wie die vermeintlichen Individualisten von einst sich heute in der kapitalistischen Realität wiederfinden.

Traum oder Albtraum?
Die „digitale Boheme“ nimmt ihren Arbeitsplatz einfach mit.

Nicht zum ersten Mal steht das Lebensgefühl einer Generation im Mittelpunkt des Interesses von Katja Kullmann. Der 2002 veröffentlichte Bestseller „Generation Ally. Warum es so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ war den Frauen um die 30 gewidmet. In ihrem neuesten autobiographisch gefärbten Sachbuch „Echtleben“ geht es ihr um beide Geschlechter; genauer um die zwischen 1965 und 1980 Geborenen, die sie als „Neu-Erwachsene“ bezeichnet, und zu denen sie, Jahrgang 1970, selber zählt.

Anhand ihrer eigenen Geschichte sowie der ihrer Freunde und Kollegen bilanziert sie (selbst-)kritisch den Lebensentwurf einer akademisch gebildeten Mittelschicht, der am Ausgang des 20. Jahrhunderts so vielversprechend begann. Es sind die Kinder der 68er-Generation Deutschlands, über die Kullmann schreibt, jene, die sich utopie- und theoriemüde von ihren Eltern abgrenzten, aber dennoch dem „wirtschaftswunderdeutschen Spießer-Muff“ entkommen wollten, und es sind die Kinder, die der „Honecker-Agonie“ entwachsen sind. Jene also, die lieber Uni-Seminare zu „Dekonstruktions-, Individualisierungs- und anderen Flickenteppich-Theorien“ besuchten, statt sich für marxistische Themen zu interessieren.

Der Glaube der Mittelschicht, wonach Bildung eine Garantie für ökonomische Sicherheit sei, hat für Kullmann keine Überzeugungskraft mehr.

Der Wunsch, immer „totally independent“ zu sein, im Leben wie bei der Arbeit, sei groß gewesen, erzählt Kullmann rückblickend. Eine lebenslange Festanstellung beim gleichen Arbeitgeber galt als spießig, Tarifvertrag und Betriebsrat schienen überholt. Freelancing war das neue Zauberwort der Selbstverwirklichung, egal ob in der Kultur- und Medienbranche, der so genannten „Kreativwirtschaft“, oder als Landschaftsgärtner. Dabei war das Ziel, ein „weltoffenes, selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben“ zu führen, jenseits von Einbauküche, Eigenheim und Versorgerehe. Unter dem Motto „Nichts ist unmöglich, jeder, wie er will“, stellte man sich eine Existenz vor, „die weitgehend frei ist von Hierarchien und in der Geld, Geschlecht und Geburtsurkunden, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spielen“. Da kam die „New Economy“ und die damit verbundene flexibilisierte Arbeitswelt, die unendliche Möglichkeiten zu versprechen schien, Ende der Neunzigerjahre gerade recht.

Doch spätestens seit dem Platzen der „New Economy“-Blase 2001 und den seitherigen Wirtschaftskrisen hat sich für Kullmann die Situation der Individualisten verändert. Sie beschreibt, wie aus vielen freien Dienstleistern unfreiwillig „multijobbende Freelancer“, „Tagelöhner, „Hartzer“ und Dauerpraktikanten geworden sind. Auch ihre eigene Geschichte des sozialen Auf- und Abstiegs wird ihr zum Thema. Als Bestsellerautorin hat sie Millionen verdient; als das Geld aufgebraucht ist und für die
in Deutschland lebende Journalistin
Aufträge platzen, muss sie Hartz IV beantragen. Aus Lebenskunst sei Überlebenskunst, aus Selbstverwirklichung der Zwang zu Funktionieren geworden, die „eigene Biographie: ein knallhartes Geschäft“. Selbstverwirklichung ist für Kullmann nun Pflicht und kein Vergnügen mehr. Der Glaube der Mittelschicht, wonach Bildung eine Garantie für ökonomische Sicherheit sei, hat für sie jede Überzeugungskraft verloren, denn die gebildeten Akademiker zählen mittlerweile zu den Geringverdienern, arbeiten für schmale Honorare und leben vom „elterlichen Airbag“. Kreativität sei im Kapitalismus längst zur billigen Ressource verkommen, die „Kreativwirtschaft“ nichts weiter als eine Blase, das Attribut „kreativ“ nur ein Synonym für „marktgängig“ und „verwertbar“.

Unter solchen Bedingungen werde ihre Generation nun zu genau jenem Typus Erwachsener, der sie nie sein wollte. Kullmann beklagt eine „Jasagerumgebung“, deren Personal „das Suchen und das Sich-Kümmern“ aufgegeben habe. Sich selbst beschreibt sie als ein Ich, das oft ja sage, wo es nein fühle. Es klammere sich an „Versatzstücke von Bürgerlichkeit“ wie „Bildung und Benehmen, Codes und Charme, Distinktion und Distanz“ und träume gleichzeitig von „brennenden Banken und heulenden Superreichen“. Laut der Autorin wollen viele ihrer GenerationsgenossInnen um jeden Preis funktionieren. Diese Folgsamkeit werde dann als „Hipstertum“ bemäntelt. Auch sich selbst bezichtigt sie immer wieder, auf der Suche nach Chancen zu sein, angetrieben von einer „schläfrigen Streberinnenhaftigkeit“. Was sie schon als Kind von ihrer Ballettlehrerin lernte, nämlich „Haltung bewahren“, hat sie als Überlebensstrategie verinnerlicht. Nach dem Motto „Zuversicht ist Pflicht, alles andere ist sozialer Selbstmord“ werde Kritik unterdrückt. Kullmann beschreibt, wie groß die Statusangst sei, weshalb die Armut versteckt werde. Es passt für sie einfach nicht ins Selbstbild der Hippen, Kreativen und Gebildeten, so viel oder vielleicht noch weniger als etwa jemand zu verdienen, der im Supermarkt die Regale einräumt.

Die Ideen waren gut, gescheitert sind wir an den Verhältnissen; wir haben sie uns nicht wirklich klargemacht und verschleiern unsere Selbst- und Fremdausbeutung immer noch als Selbstverwirklichung, so könnte man Kullmanns Bilanz zusammenfassen. Entsprechend werde Scheitern eher individuell denn als gesellschaftlich bedingt begriffen. Schade, dass Kullmann nicht die Frage stellt, wie emanzipativ die kreative Selbstverwirklichung wirklich war, welche Chancen für Selbstverwirklichung und Freiheit im Kapitalismus überhaupt bestehen. Versuchte ihre Generation tatsächlich ein Leben, das sich von der Warenform emanzipieren wollte und sich den Regeln des Profits verweigerte? Wohl eher hat man mit den Möglichkeiten des Neoliberalismus gespielt, die Selbstverwirklichung im Namen selbstbestimmten Arbeitens und Lebens angestrebt, an den Grundpfeilern der Wirtschaftsweise jedoch nie gerüttelt.

Nun hat sich das Verhältnis umgekehrt: der Neoliberalismus spielt mit den „Neu-Erwachsenen“. Auf Sicherheiten wollten ihre Gleichaltrigen, wie Kullmann selber zugibt, jedenfalls nicht verzichten; immer entlang dem Motto: „Erfinderisch leben, aber berechenbar – im Karl Marxschen Sinne nicht zu weit entfremdet, aber im Norbert Blümschen Sinne noch halbwegs abgesichert“.

Wenn die Autorin nun anscheinend verstanden hat, dass das Projekt der Selbstverwirklichung im Zeichen des kapitalistischen Wettbewerbs zum Zwang wird und zur Entfremdung führt, erhofft man sich wenigstens eine eindeutig ablehnende oder zielgerichtete Haltung. Stattdessen erklärt sie uns, dass sie und ihre Altersgruppe noch nicht wissen, mit welcher Haltung sie den „Ungerechtigkeiten, Ungereimtheiten und Unverschämtheiten der Gegenwart begegnen sollen“. Zu unbestimmt sei ihr der eigene soziale Standort, wie sie begründet, auch aufgrund ihrer Geschichte als Gewinnerin und Verliererin. Begriffe wie „links und rechts“, „Reichtum und Armut“, „freiheitlich und konservativ“ seien ihr dabei entglitten. Es klingt wie eine Rechtfertigung, wenn Kullmann von der Schwierigkeit, eine Haltung einzunehmen berichtet, über das Leiden an der „Unübersichtlichkeit der Dinge“ und die „Unfassbarkeit der Wirklichkeit“ klagt.

So gibt die Autorin die Einsichten, die sich ihr angedeutet haben, denn auch gleich wieder preis. Denn statt einer Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen ist es ihr um die schlecht individualistische Sehnsucht nach „Eindeutigkeit“ und „Authentizität“ zu tun, nach jenem „Echtleben“, das ihrem Buch den Titel gibt. Begriffe wie „klare Standpunkte“ und „Unbestechlichkeit“ werden von Kullmann mit nichts als Leere gefüllt. Authentizität wird als etwas beschrieben „was einfach ist und sich nicht, in der Logik einer ?Marken-Qualität‘, ausstellt“.

Als sie nach einem Jahr Hartz IV einen festen Job als Ressortleiterin bei einem Frauenmagazin annimmt und ihre Ideale gegen Pragmatismus tauscht, glaubt Kullmann dem echten Leben etwas näher gekommen zu sein. Doch spätestens als sie die Honorare für die freien Mitarbeiter kürzen muss, kündigt sie den Job. Man erfährt leider nicht, aus welcher Motivation heraus Kullmann hier handelt.

„Echtleben“ ist ein Buch, das einen faden Nachgeschmack bei der Leserin hinterlässt. Eine Haltung zum Ganzen, ein Ansatz für eine gesellschaftliche Perspektive entwickelt sich trotz verschiedener Einblicke in soziale Zusammenhänge nicht. Stattdessen proklamiert Kullmann die Solidarität in der „Arbeit an der und für die Gemeinschaft“. Damit meint sie Bürgerarbeit, die all das kompensieren soll, was Politik nicht mehr leistet und dabei das große Ganze aus den Augen verliert. Obwohl uns Kullmann schon zu Beginn des Buches warnt, dass sie keinen Werteappell vornehme und ihren Text nur als „Beigabe zum Bewußtseinspool“ versteht, hätte man sich mehr gewünscht. Da nützt es nichts, Verweise auf soziologische Bücher und politische Statements zusammenhangslos im Buch zu verteilen, wenn eine Analyse nicht einmal ansatzweise versucht wird. Vielleicht gelingt es Kullmann ja dennoch, den Blick der eigenen Altersgruppe zu schärfen für die Kritik der Ausbeutungsverhältnisse unter denen sie zu arbeiten und zu leben hat. Lesenswert ist das Buch aber trotzdem: dafür sorgen die Unterhaltsamkeit und das sprachliche Können von Katja Kullmann.

Katja Kullmann – Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben. Eichborn Verlag, 256 Seiten.


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