LÄNDERGESCHICHTE: Raum statt Nation

Ein kurzes Buch zur langen Geschichte: Michel Pauly wählt mit seiner kürzlich erschienene „Geschichte Luxemburgs“ einen metanationalen Ansatz, der das Luxemburger nation building im Rah-men der Großregion darstellen will.

Wie schreibt man eine Ländergeschichte? Was Luxemburg betrifft, haben sich seit Ende des Krieges mit dieser Frage noch nicht allzu viele Luxemburger AutorInnen auseinandergesetzt. Zwar gibt es bereits eine Handvoll solch epochenübergreifender Darstellungen, von einem ausländischen Verlag mit einer solchen Aufgabe betraut wurden aber nur wenige Historiker: Gilbert Trauschs „Histoire du Luxembourg“ erschien 1992 erstmals bei Hatier die Veröffentlichung gleichen Namens von Jean-Marie Kreins 1996 in der „Que sais-je“-Reihe von P.U.F.

Im deutschsprachigen Raum scheint bis vor kurzem überhaupt kein Verlag einen Bedarf für ein solches Vorhaben gesehen zu haben. Mit Michel Paulys „Geschichte Luxemburgs“, erschienen bei C.H.Beck in der Reihe „Wissen“, ist diese Lücke nun geschlossen. Das Buch ist übrigens auch als eBook erhältlich.

Perspektivenwechsel

In neunzehn Kapiteln behandelt der Historiker chronologisch die ersten Spuren menschlichen Lebens in dem Gebiet des heutigen Großherzogtums, die Anfänge der Besiedlung, die Christianisierung und die Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse von der Grafschaft Luxemburg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. In angenehmer Kürze erhält man so einen Überblick über bestimmte Epochen und, gerade auch für die Geschichte des 20. Jh., informationsreiche Resümees.

Dabei distanziert sich Pauly explizit von Darstellungen, die einen direkten Entstehungszusammenhang zwischen der mittelalterlichen Grafschaft und dem heutigen Staat Luxemburg herstellen wollen. So heißt es in seiner Einleitung: „Im Zuge der Staatswerdung konstruierte die nationalistische Geschichtsschreibung im 19. Jh. eine historische Kontinuität zwischen der mittelalterlichen Grafschaft Luxemburg und dem 1815 beim Wiener Kongress geschaffenen Großherzogtum Luxemburg.“ Pauly wählt deshalb nicht Luxemburg, sondern den „Luxemburger Raum“, zu dem auch die Großregion gehört, als Rahmen seiner Darstellung der historischen Abläufe.

Die Abfolge der verschiedenen Herrscher und Herrscherinnen zeichnet Pauly präzise nach, schreibt betont nüchtern, in enger Anlehnung an die existierenden Quellen, und enthält sich jeglicher Mythisierung. So ist seine Beschreibung der Gräfin Ermesinde weit entfernt von dem stilisierten Bild der gütigen Landesmutter, wie wir es aus älteren Geschichtsbüchern kennen. Bei anderen Herrschern lenkt er den Blick auf bislang unterbelichtete Aspekte: So unterstreicht er für Johann den Blinden, er habe „mit seiner Monetarisierung von Herrschaftsrechten resolut moderne Wege in der Territorialverwaltung“ beschritten, „die bedeutender waren als die ihm oft vorgehaltenen, aber de facto unbedeutenden Kriegshandlungen“.

Auch auf manche politisch-historischen Interpretationen wirft er einen neuen Blick. Während für Gilbert Trausch die Teilung von 1839 vor allem bedeutete, dass erstmals auf Luxemburger Territorium Spracheneinheit herrschte und so eine wichtige Voraussetzung des nation building gegeben war, wechselt Pauly die Perspektive: „Ein während Jh.en institutionell geeinter Raum, dessen Bewohner aber selten den Wunsch nach Eigenständigkeit geäußert hatten, wurde somit geteilt.“

Schwierige Dekonstruktion

Die große Zeitspanne, die Pauly behandelt, schränkt jedoch seine Möglichkeiten ein, Entwicklungen nachzuzeichnen. Auch wenn der Autor bemüht ist, soziale und kulturelle Entwicklungen, wie etwa die mittelalterlichen Siedlungsstrukturen, die industrielle Revolution oder die Bedeutung der Arbeiterbewegung für Luxemburg, mit einzubeziehen, liegt der Akzent doch stark auf Herrschafts-, Politik- und Verwaltungsgeschichte. Bei der Darstellung der religiösen Lage zum Beispiel wird die Entwicklung der protestantischen und der jüdischen Minderheit kaum behandelt.

Man spürt beim Lesen, dass die Anfangskapitel dem Mittelalterspezialisten näher lagen als die spätere Entwicklung. Gerade für die Zeitgeschichte übernimmt er manchmal Interpretationen, die zumindest diskutabel sind – etwa wenn er beim Referendum von 1919 das starke Votum für Großherzogin Charlotte und gegen die Republik mit der Einführung des Frauenwahlrechts erklärt.

An manchen Stellen wären schärfere Begriffsnuancierungen wünschenswert. So schreibt der Historiker für die Dreißigerjahre, das „Luxemburger Wort“ sei nicht vor „antijüdischen“ Leitartikeln zurückgeschreckt. Richtiger hätte wohl hier das Wort „antisemitisch“ benutzt werden müssen, das neben religiös fundierter auch die rassistisch motivierte Diffamierung anspricht. Diese im 19. Jahrhundert aufkommende, modernere Form der Judenfeindlichkeit machte sich durchaus auch in der katholischen Zeitung bemerkbar.

Pauly distanziert sich resolut von der nationalistischen Luxemburger Geschichtsschreibung des 19. Jh. wie auch von einer zeitgenössischen Geschichtsdarstellung, die die Luxemburger Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs als im Widerstand geeint darstellt und Abweichungen von diesem Mythos tabuisiert. Damit schließt sich er dem an der Universität Luxemburg verfolgten dekonstruktivistischen Ansatz an, demzufolge es keine objektive Geschichtsschreibung gibt, sondern Geschichtsdarstellungen stets aus der Gegenwart einer jeweiligen Gesellschaft heraus konstruiert werden. Trotzdem findet sich folgender Satz gleich zweimal fast wortgleich wieder: „Die traditionelle Meisterzählung (d.h. historische Großdeutung) zur Luxemburger Geschichte datiert den Abschluss der Nationenwerdung in den Zweiten Weltkrieg, als die Nation Luxemburg erstmals für ihre Unabhängigkeit im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung einen grausamen Blutzoll entrichten musste.“

Der Autor macht also klar, dass für die Geschichtsschreibung der Luxemburger Widerstand im Zweiten Weltkrieg als Legitimierung der staatlichen Existenz des Landes dienen muss. Doch auch wenn der Begriff des „Blutzolls der Nation für die Unabhängigkeit“ in den Rahmen einer sprachlichen Distanzierung von der „Meisterzählung“ gesetzt wird, bleibt offen, inwiefern sich Pauly selbst von diesem Begriff distanziert.

Pauly, Michel: Geschichte Luxemburgs. München, C.H. Beck, 2011. Auch als eBook.


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