HISTORIOGRAPHIE: Geschichte(n) erzählen

Die historische Darstellung eines Landes ist der Spiegel der Gesellschaft, in der sie produziert wird. Ein Blick auf die zeitgenössische Geschichtsdarstellung.

Während für den älteren Autor Arthur Herchen die mittelalterliche Geschichte im Vordergrund steht, decken bei Gilbert Trausch und Emile Haag das 19. und 20. Jh. über die Hälfte der Darstellung ab. Bei Jean-Marie Kreins und Michel Pauly deutet sich ein stärkeres Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Epochen an.

Laut Klappentext ist die „Geschichte Luxemburgs“ von Michel Pauly (siehe nebenstehende Kritik) ein „Überblick über die Entwicklung Luxemburgs von den frühesten Anfängen bis zur Gegenwart“. Diese epochenübergreifende Darstellung ist nicht selbstverständlich, wie ein Blick auf andere Bände aus derselben Reihe zeigt. So beginnt Michael Norths „Geschichte der Niederlande“ erst im 14. Jh., d.h. mit der Entstehung der heutigen Niederlande. Auch für die Luxemburger Geschichte fangen manche Autoren, wie Christian Calmes, erst zu dem Zeitpunkt an, als das Land bei seiner Staatswerdung 1815 an.

Die beiden Herangehensweisen sind unterschiedliche Antworten auf ein grundlegendes Problem: Landesgrenzen verändern sich im Wandel der Zeiten. Landesgeschichte steht deshalb vor dem Dilemma, sich entweder auf die politische Geschichte seit der Staatswerdung eines Landes zu begrenzen, oder aber die nicht in nationale Grenzen gebundene Vorgeschichte mit einzubeziehen und dadurch eine quasi zwangsläufige Entwicklung hin zum Nationalstaat zu suggerieren. Die Orientierung an nationalen Grenzen ignoriert zudem die soziale Wirklichkeit der Menschen. Im Fall Luxemburgs zum Beispiel werden umliegende alte und regional bedeutsame Städte wie Trier oder Metz oft nur am Rande erwähnt.

Der nationale Ansatz erschwert auch die Darstellung komplexer Herrschaftsverhältnisse, wie Luxemburg sie gekannt hat. Eher selten versuchen Autoren, die Perspektive zu wechseln und die Stellung dieses Territoriums innerhalb der größeren Herrschaftsräume, wie Frankreich, Österreich oder die Niederlande, vom Zentrum statt von der Peripherie aus zu betrachten. Vielleicht würde Luxemburg dabei irrelevant, vielleicht entstünden aber auch interessante Möglichkeiten des Vergleichs zwischen verschiedenen Regionen.

Die Luxemburger Geschichtsschreibung hält sich im Wesentlichen an die klassische Gliederung der europäischen Geschichte: Vorgeschichte, Kelten, Römer und Treverer, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Französische Revolution und Beginn des Nationalstaats. Doch innerhalb dieser Epochen dominieren bestimmte Aspekte oder Personen die Darstellung – etwa Willi-brord die des frühen Mittelalters oder die Entstehung der Grafschaft die Zeit um die erste Jahrtausendwende. Dagegen ist laut Michel Pauly die Frühe Neuzeit am wenigsten erforscht, „nicht nur weil die Quellen im Ausland zu suchen sind, sondern auch weil die Historiker des werdenden Nationalstaats im 19. Jh. sie als ?Zeit der Fremdherrschaft bezeichnet haben, da die Herrscher nicht mehr dem Haus Luxemburg entstammten“.

Nationale Relevanz bleibt also das Kriterium für die Auswahl der Darstellungen. Autoren wie Emile Haag (siehe Rezension) behalten gar nur noch jene historischen Persönlichkeiten zurück, die ihnen für die Entwicklung hin zum heutigen unabhängigen Nationalstaat wichtig erscheinen. Jean-Marie Kreins dagegen glaubt noch 1996 eher an den Zufall der Geschichte und zitiert am Ende seiner „Histoire du Luxembourg“ Raymond Aron: „L’histoire n’est que bruit et fureur“.


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