LITERATUR: Keine Reise ans Ende der Nacht

„Menschenliebe und Vogel, schrei“ ist das Erstlingswerk der jungen Autorin Nora Wagener, die trotz handfester Beweise für ihr Talent noch nicht die Aufmerksamkeit erlangt hat, die sie eigentlich verdient.

Möchte nicht unbedingt in ihrer Heimat Wurzeln fassen: Nora Wagener.

Es gibt viele Orte in Luxemburg-Stadt, an denen man auf Nora Wageners Roman aufmerksam werden kann. Man muss nur genau hinschauen: Auf Straßenlampen, Geländern, sowie auf verschiedenen Toilettenwänden in hippen Kneipen, überall dort, wo auch alle anderen anonymen Stickerkleber ihren Senf zum Weltgeschehen dazugeben oder nur etwas Aufmerksamkeit erheischen wollen, findet man Sticker mit dem Cover ihres Erstlingswerks. Auch auf dem Pissoir des trendigen Cafés, in dem unser Treffen stattfindet, prangt die Werbung. „Die habe ich alle selbst aufgeklebt“, gesteht Nora Wagener und dreht sich erst noch mal eine Filterzigarette, „Ich bin einfach einen Nachmittag lang von Café zu Café gezogen, um ein bisschen Eigenwerbung zu machen“.

Dass dies nötig war, beweist nicht zuletzt, dass die einheimischen Medien – abgesehen von einem Live-Interview auf Radio Ara – bis jetzt auch nicht die kleinste Stellungnahme zu ihrem Roman veröffentlicht haben. Und das, obwohl es eine Menge Gründe gäbe, „Menschenliebe und Vogel, schrei“ ein paar Zeilen zu widmen, sei es auch nur wegen der, für großherzogliche Gefilde, ziemlich untypischen Autorin: 22 Jahre jung, Studentin des kreativen Schreibens mit (ein bisschen) Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, und durchaus ohne die Absicht, gleich wieder in die Heimat und ihren warmen, staatsdienstlichen Schoß zurückzukehren, um dort – wie die überwiegende Mehrheit der luxemburgischen Schriftsteller – in den Schulferien und an den Wochenenden dem Schreiben zu frönen. „Ich wusste eigentlich schon recht früh, dass ich Schriftstellerin werden wollte und nichts anderes“, sagt sie resolut, mit dem Selbstverständnis, das nur Menschen haben können, die ihr gesamtes Leben noch nicht verplant haben und nur das machen wollen, was sie können und was sie glücklich macht. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Luxemburg wird sie noch in diesem Jahr nach Leipzig ziehen, um dort ihr nächstes Werk – einen Erzählband mit drei Geschichten – zu vollenden. Ob sie sich danach dauerhaft wieder im Großherzogtum niederlassen will, mag sie nicht sagen. „Ich fühle mich dem Land und seiner Literaturszene jedenfalls nicht besonders verpflichtet und würde am liebsten in Deutschland veröffentlichen“, meint sie, „Auch wenn ich natürlich sehr glücklich darüber bin, dass der Verlag Op der Lay mein Buch gedruckt hat“.

„Die Angst, verrückt zu sein, schon ein Leben lang“

Eigentlich ist „Menschenliebe und Vogel, schrei“ eines jener Bücher, die den Literaturrezensenten glücklich machen müssten, denn das Risiko, einen Plotspoiler in seinen Artikel einzubauen, ist ziemlich gering. Die Geschichte an sich ist schnell erzählt: Eine junge Frau, verwirrt durch eine kürzlich durchgemachte Trennung, sucht Trost oder einfach nur Vergessen im Haus ihrer Großmutter auf dem Lande. Viel mehr geschieht eigentlich nicht in dem Roman, und doch nimmt einen das Buch mit auf eine innere Reise, die auch dank der großartigen Beschreibungen von Menschen mit ihren Angewohnheiten und Schrulligkeiten, der inneren Monologe und Reflexionen der Hauptperson mehr als nur eine Handvoll Leser in ihren Bann ziehen dürfte. Denn das schmerzhafte Erlebnis der Trennung von Martin, ihrem Freund, ist für die Hauptprotagonistin Elke nur der Ausgangspunkt eines Versuchs, sich neu zu orientieren oder überhaupt zu definieren. Es geht um Neuerfindung und um Konfrontation in einem Lebensalter, in dem die meisten Menschen sich schon festgelegt haben, auf welcher Seite sie im Leben stehen und welchen Weg sie einschlagen wollen: „Je mehr Menschen mir ihre Persönlichkeiten vor die Füße werfen, sich mir aufdrängen, desto mehr zieht es mich wie ein Sog in mich selbst. Die Angst, verrückt zu sein, schon ein Leben lang“, schreibt sie.

Auf dem einsamen Weg, den die Hauptfigur in dem Buch beschreitet, wird sie von ihrer kleinen Schwester Alela begleitet, einem wunderlichen Kind, von dem man manchmal glaubt, es könne auch nur in Elkes lebhafter Fantasie existieren. Jedenfalls ist die Kleine eine ideale Projektionsfläche, auf der Elke alles findet und unterbringt, was sie nicht ist, nie war und wahrscheinlich auch nie werden wird. Und auch die anderen Personen, die viel dichter erscheinen als die sonst die Luxemburgensia heimsuchenden Pappkartonpersonagen mit ihren zwei oder vielleicht drei Eigenschaften, die Großmutter oder die – meist abwesende – Mutter, erscheinen wie Markierungen auf einer Landkarte, von denen Elke sich abzugrenzen versucht.

„Ich habe sie zusammengesetzt wie ein Puzzle“

Selbstfindung durch Selbstreduktion könnte man denken, doch wer glaubt, „Menschenliebe und Vogel, schrei“ sei ein abstrakter Roman, in dem die Hauptfigur nur ein bleiches Theoriegebilde bleibt, der irrt. Denn die Konfrontation mit der realen Welt hat ernste und schwere Bedeutung im Buch: So geht Elke nicht nur für die Oma einkaufen, mit der Schwester spazieren oder backt Kuchen mit den beiden. Nein, sie besäuft sich auch in der Dorfdisco über den Brechreiz hinaus, pöbelt betrunkene Jugendliche an, verschwindet beunruhigend lange in der Natur und versucht, sich in einer erträumten, idealisierten Vergangenheitswelt, einer Industrieruine am Dorfrand, einzurichten. Wohl, weil dort – wo die erfundenen Erinnerungen anderer zuhause sind – niemand, und vor allem nicht sie selbst über sie richtet.

Und dennoch münden diese Zweifel nie in selbstzufriedenem Selbsthass und Zerstörung. Es geht um weit mehr, auch wenn dies paradoxerweise nicht in apokalyptischen Gesten passiert: Es geht um den Platz im Leben und darum, dass man ihn eigentlich nie finden kann, wenn man ihn nicht beständig sucht. In diesem Sinne ist das Buch mehr ein introvertierter Schlüsselroman als eine Reise ans Ende der Nacht. Auch der Schluss des Romans deutet auf diese Einstellung hin. Zwar gönnt sie dem Ende eine positive Note, doch es ist nur ein vorsichtiges Herantasten an das, was Elke gerade erfährt: körperliche und seelische Regeneration. Die Zeit heilt vielleicht alle Wunden, doch an manche Narben wird man sich ein Leben lang erinnern, und das ist auch gut so. Eine absolute Katharsis ist dies sicherlich nicht, doch in seiner Ehrlichkeit ziemlich bestechend. So verwundert es auch kaum, dass in Nora Wageners Literaturpantheon Künstler wie Elfriede Jelinek oder Peter Handke ganz oben stehen, aber auch der gehypte Outsider Charles Bukowski einen Ehrenplatz einnimmt.

Bemerkenswert ist auch die Zurückhaltung und Präzision, mit der die Autorin vorgeht. Drastische Beschreibungen, Schimpftiraden und Exzesse sucht man vergebens in dem Buch. Sogar Sexuelles erscheint, wenn überhaupt, nur am Rande. „Ich schreibe das Wort Penis oder Schwanz halt nicht gerne. Weil jeder das macht, um seine Geschichten aufzupeppen. Und ich wollte so etwas nicht brauchen müssen, um mein Buch zu schreiben“.

Aber, ist das Unprätentiöse nicht eine geschickte Art, davon abzulenken, wieviel Autobiografisches in „Menschenliebe und Vogel, schrei“ steckt? Fehlanzeige: „Sicherlich gibt es einen kleinen Teil von mir, der in all dem steckt, aber es ist keine Autobiografie“, erklärt Nora Wagener, „Die Hauptperson schlummerte über längere Zeit schon in meinem Kopf. Ich habe sie zusammengesetzt wie ein Puzzle und das so lange, bis sie mir komplett erschien. Auch wenn ich das Schreiben für mich persönlich als etwas kathartisches empfinde, als etwas, das ich brauche, so ist der Roman doch größtenteils reine Fiktion“.

Ob ihr Erstlingswerk den großen Durchbruch bringt oder nicht, ist Nora Wagener ziemlich schnuppe: „Die Verkaufszahlen sind ernüchternd, kaum mehr als 150 Stück sind bis jetzt über die Ladentheke gegangen. Was in einem Land, in dem Koch-, und Fotobücher fast uneingeschränkt den Büchermarkt beherrschen, eigentlich niemanden wundern kann. Aber ich stehe ja auch erst am Anfang meines Weges, der ziemlich sicher lang und kompliziert sein wird“.

Wohl auch deshalb sollte sich die hiesige Verleger- und Literatenszene den Namen dieser Autorin merken, denn jemanden wie sie, der sich ohne Kompromisse den Bequemlichkeiten verweigert und unerschütterlich an die Kraft und die Wichtigkeit der Literatur glaubt, den gab es hier schon lange nicht mehr.

„Menschenliebe und Vogel, schrei“, erschienen bei Op der Lay.


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